VonMichael Hesseschließen
Im Jahr 1982 marschierte Israels Armee in das Nachbarland ein, das Vorhaben geriet zum Fiasko.
Für Menachem Begin war die PLO die Inkarnation des Nationalsozialismus, Arafat hielt er gar für einen neuen Hitler. Begin war 1977 zum Ministerpräsidenten Israels gewählt worden. Doch sich ausweitende Aktivitäten der PLO im Libanon nahm er zunehmend als Problem wahr, zumal es Anfang der 1980er Jahre immer häufiger zu Angriffen von Palästinensern aus dem Südlibanon auf israelisches Gebiet kam. In der Regierung wuchs daher der Wille, diese Angriffe auf den Norden Israels durch eine gezielte militärische Intervention ein für allemal zu unterbinden und die Palästinensische Befreiungsorganisation aus dem Gebiet zu vertreiben.
Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht. Aber sie kann sich doch ähneln, wie es der australische Historiker Christopher Clark formulierte. Damals wie heute glaubte man durch einen Einmarsch in den Libanon die Sicherheit besonders für die Bevölkerung im Norden Israels erheblich zu verbessern. Der Libanon-Krieg Israels 1982 zeigt, dass die Ereignisse im Verlauf eines Krieges nicht vorhersehbar und planbar sind. Am Ende der Besatzung des Libanon steht die Organisation, wegen der Israel nun erneut eine Bodenoffensive in den Libanon erwägt: die Hisbollah.
Im Jahr 1982 wollte man solche Folgen nicht sehen. Vielmehr schien der spätere israelische Ministerpräsident Ariel Sharon genau der richtige Mann für diese Aufgabe zu sein, schließlich hatte er sich in mehreren Kriegen bereits einen Namen gemacht. Sharon hatte vier Jahrzehnte lang wichtige Positionen in der israelischen Politik und im Militär inne. In den 1950er Jahren, als er in seinen Zwanzigern war, wurde er Kommandeur der Fallschirmjäger der israelischen Armee. In dieser Position führte er nicht nur Angriffe auf Ägypten, Syrien und Jordanien durch, sondern war auch maßgeblich an deren Planung und der Entscheidung über Zeitpunkt und Art der Angriffe beteiligt. Er setzte sich erfolgreich für eine Erhöhung der Häufigkeit und Intensität solcher Überfälle ein, was zum Sinai-Krieg von 1956 führte, wo Scharon mit Mosche Dajan kämpfte.
In den 1960er Jahren, als Sharon in seinen Dreißigern war, war er Stabschef des Nordkommandos und hatte erheblichen Einfluss auf die Entscheidung, die Gewalt der israelischen Angriffe gegen Syrien zu verstärken; diese Angriffe gehörten zu den Hauptursachen des Sechstagekrieges von 1967. In seinen Vierzigern spielte Sharon eine führende Rolle im Jom-Kippur-Krieg von 1973 und bei der Bildung des rechten Blocks unter der Führung von Menachem Begin, der 1977 die Regierung von der Arbeitspartei übernahm. Ende der 1970er Jahre baute er als Minister für Siedlungen die jüdischen Siedlungen in den besetzten Gebieten aus.
Begin ernannte ihn 1982 zum Verteidigungsminister. Das war ein klares Signal an die Adresse der Palästinenser und Syriens. Scharon plante, die PLO aus dem Libanon zu vertreiben. Damit verbanden sich weitere politisch-militärische Ziele: Syrien sollte aus dem Libanon zurückgedrängt werden, außerdem wollte Begin einer maronitisch-christlichen Regierung unter Baschir Gemayel ins Amt verhelfen – Begin unterstützte die christlichen Milizen im Libanon vor allem in der Hoffnung, eine christliche Enklave als Bündnispartner zu etablieren. Seine Unterstützung für die Christen habe regelrecht Züge von Besessenheit getragen, erklärten israelische Zeitgenossen.
Zudem glaubte man in der israelischen Führung, mit dem Einmarsch in den Libanon zugleich die israelische Vormachtstellung im Westjordanland sichern zu können. Der entsprechende Anlass ließ nicht lange auf sich warten: Nach einem Attentat auf den israelischen Botschafter durch palästinensische Kämpfer in London marschierte Israel am 6. Juni 1982 in den Libanon ein.
Das kleine Land hatte in den Jahren zuvor zahlreiche palästinensische Flüchtlinge aufgenommen. An den Kriegen gegen Israel war es jedoch nicht beteiligt. Allerdings führten die Palästinenser nach ihrer Vertreibung aus Jordanien ihre politisch-militärischen Operationen deutlich stärker als zuvor vom Boden des Libanon aus. Dort hatten sie unter der Führung von Jassir Arafat Zuflucht gefunden, nachdem sie in Folge des Sechstagekrieges das Westjordanland hatten verlassen müssen. Ihre Stützpunkte fanden sie nun im Norden Jordaniens und in der Umgebung der jordanischen Hauptstadt Amman.
Arafat stammte aus einer angesehenen Jerusalemer Familie. Sie gehörte zur palästinensischen Aristokratie zur Zeit des Osmanischen Reichs. Sein Großonkel, Hadsch Amin el-Husseini, war Großmufti im Heiligen Land. Am 10. Oktober 1959 gründete Arafat die Bewegung „Fatah“ („Bewegung zur nationalen Befreiung Palästinas“). Später übernahm er die Führung der PLO.
Arafat konzentrierte sich in den 1970er Jahren zunehmend auf terroristische Aktionen. Sie richteten sich in erster Linie gegen Israel. Die Aktionen wurden immer gewagter. So kam es zu Flugzeugentführungen. Solche Aktivitäten bedrohten aber auch die Herrschaft von König Hussein in Jordanien. Im September 1970 reagierte der jordanische König mit dem Befehl, die Lager der PLO anzugreifen, deren Kämpfer in den Libanon vertrieben wurden. Nach Angaben der PLO wurden neben 900 Kämpfern Tausende palästinensische Zivilisten getötet. Die Vertreibung ging als „Schwarzer September“ in die Geschichte ein. Der Begriff „Schwarzer September“ sollte 1972 erneut ins Bewusstsein rücken: Die Terrororganisation, die 1972 das Attentat auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München verübte, nannte sich so.
Spannungen zwischen der PLO und den Falange-Milizen der christlichen maronitischen Minderheit führten 1975 zum Ausbruch eines Bürgerkriegs im Libanon, der rasch eskalierte und 1976 zum Einmarsch Syriens führte. Der Maronitenführer Pierre Gemayel wandte sich daraufhin mit der Bitte um Hilfe an Israel. Zusammen mit dem Anschlag auf den israelischen Botschafter in London im Juni 1982, bei dem dieser schwer verletzt wurde, diente dies als Auslöser für die israelische „Operation Frieden für Galiläa“. In den ersten Tagen wurde diese Operation von der israelischen Bevölkerung positiv aufgenommen. Premierminister Begin erklärte, es gehe darum, Israels Position im Nahen Osten zu stärken und ein „neues Treblinka“ für das jüdische Volk zu verhindern.
Anfangs herrschte in der israelischen Gesellschaft ein großes Einheitsgefühl, und die militärischen Erfolge gegen die syrische Armee und die PLO waren deutlich sichtbar. Verteidigungsminister Sharon beschränkte sich jedoch nicht auf den Einmarsch in den Süden des Libanon, sondern ließ die Truppen weiter nach Norden vorrücken. Innerhalb weniger Tage erreichten sie Beirut, womit erstmals eine arabische Hauptstadt von Israel eingenommen wurde. Die Kämpfe wurden intensiv im Verbund mit der Falange-Miliz gegen palästinensische Organisationen fortgesetzt. Ende Juli erklärte sich die PLO bereit, Beirut unter Aufsicht von UN-Truppen endgültig zu verlassen.
Die Ziele Israels schienen erreicht: Pierre Gemayels Sohn Baschir wurde zum Präsidenten gewählt, und die PLO stimmte dem Abzug aus dem Libanon zu. Doch kurz darauf, am 14. September 1982, wurde Gemayel bei einem Bombenattentat getötet. Dieses Attentat löste eine Reihe von Ereignissen aus, die eine Wende im Libanonkrieg einleiteten. Nur zwei Tage später drangen etwa 150 Kämpfer der christlichen Falangisten in die von der israelischen Armee kontrollierten palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila ein. In den folgenden 30 Stunden verübten sie dort ein Massaker, dem nach verschiedenen Schätzungen zwischen 500 und 2000 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, zum Opfer fielen. Die Welt war entsetzt, genauso wie die Zivilbevölkerung in Israel. Es war der Wendepunkt des Krieges.
Je länger der Krieg dauerte und umso höher die Verluste waren, desto stärker schwanden die zunächst positiven Einstellungen in der israelischen Gesellschaft gegenüber diesem Krieg. Denn das Massaker von Sabra und Schatila stand für die Israelis für alles, was sie an diesem Krieg ablehnten. So war es kein Wunder, dass nur kurze Zeit später die bis dahin größte Demonstration, die Israel in seiner Geschichte erlebt hatte, in Tel Aviv stattfand. Am 25. September 1982 versammelten sich dort aus Protest gegen den Krieg 400 000 Menschen. Sie forderten eine Untersuchung der israelischen Rolle bei dem Massaker und den Rücktritt der Regierung. Tatsächlich wurde eine Kommission eingesetzt. Sie machte Israel indirekt für die Gewalttaten verantwortlich, und belastete Sharon, dem sie empfahl zurückzutreten. Sharon weigerte sich. Begin ernannte ihn daraufhin zum Minister ohne Geschäftsbereich. Der israelische Philosoph Avishai Margalit erinnerte sich in der „New York Review of Books“: „Ein Freund Sharons sagte damals: ‚Diejenigen, die ihn nicht als Generalstabschef wollten, haben ihn als Verteidigungsminister bekommen; diejenigen, die ihn nicht als Verteidigungsminister wollen, werden ihn als Premierminister bekommen.‘“
Einige Monate später trat Begin zurück, zog sich aus der Politik zurück und lebte bis zu seinem Tod 1992 zurückgezogen. Ihn plagten nach dem gescheiterten Krieg massive Depressionen. Nach dem September 1982 zog sich die israelische Armee schrittweise aus dem Libanon zurück. Bis 1985 blieb sie an der Awali-Linie stationiert, danach unterhielt sie bis zum Jahr 2000 nur noch einen Sicherheitsstreifen im äußersten Süden. Zum ersten Mal hatte Israel einen Krieg nicht gewonnen: Das Ziel, die libanesische Politik zu beeinflussen, war gescheitert. Stattdessen blühte in Israel die Friedensbewegung auf wie „Schalom Achschaw“ (Peace Now; Frieden jetzt).
1985 zog sich Israel aus dem größten Teil des Libanon zurück, behielt jedoch eine Sicherheitszone im Südlibanon bei, um sich vor Angriffen zu schützen. Dies führte zum Aufstieg der Hisbollah, die gegen die israelische Präsenz kämpfte. Im Jahr 2000 zogen sich dann die israelischen Truppen aus dem Süden des Libanon ganz zurück. Nun steht das Land erneut vor einer Invasion.
