Einsamkeit

Japan: Hilft ein Ministerium gegen Einsamkeit?

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Einsamkeit scheint alternde Industriegesellschaften zu prägen, auch wenn die kulturellen Hintergründe unterschiedlich sein mögen.
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Japan hat seit 2021 ein Einsamkeitsministerium, das Problem ist seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema in Politik und Gesellschaft. Ein Vorbild für Deutschland?

Bitte wählen Sie von den folgenden Optionen jene aus, die zu Ihnen passt“, fordert der Chatbot. Die klickbaren Felder reichen von „Ich fühle mich so schlecht, dass ich sterben will“, über „Ich verstehe kein Japanisch“, bis zu „Ich möchte über einige Sorgen sprechen“. Auf die entsprechende Wahl hin schlägt die Website mehrere Livechats mit verschiedenen Themenschwerpunkten und den entsprechenden Öffnungszeiten vor. Die Botschaft dahinter: Wir sind für dich da, du bist nicht allein.

Dieser Chatbot richtet sich an alle Menschen in Japan, die sich einsam fühlen. Verantwortet wird er vom Staat, genauer gesagt: Vom nationalen Ministerium für Einsamkeit. Denn dort weiß man: Einsamkeit ist eine ziemlich typische Angelegenheit. Eine Umfrage der Regierung ergab 2022, dass sich gut 40 Prozent aller Personen im Land, die mindestens 16 Jahre alt waren, im vorangegangen Jahr einsam gefühlt haben. Es war ein Anstieg von knapp vier Prozentpunkten.

In Deutschland schlägt das Thema Einsamkeit Wellen, seit Bundesfamilienministerin Lisa Paus Ende Mai erstmals die Ergebnisse des Einsamkeitsbarometers vorstellte. Demnach hat Einsamkeit mit dem Abklingen der Pandemie zwar leicht nachgelassen, findet sich aber in allen Altersklassen wieder. Die Regierung ist besorgt und hat vor kurzem auch eine Einsamkeitsstrategie beschlossen. Dabei wird darauf hingewiesen, dass Staaten wie Großbritannien und Japan schon einen Schritt weiter sind.

In Japan wurde bereits 2021 ein Ministerium für Einsamkeit geschaffen. Seit mittlerweile Jahrzehnten spricht man im Land über das Thema: Einerseits ist da der Trend der demografischen Alterung, der gekoppelt mit der Urbanisierung dazu führt, dass ältere Menschen oft alleine und ohne Familienmitglieder in der Nähe leben. Andererseits hat nicht zuletzt der prekäre Arbeitsmarkt im Land dazu geführt, dass sich sehr viele junge Menschen aus dem sozialen Leben zurückgezogen haben.

Den Ernst der Lage versteht man in Japan daher schon länger. Und im vergangenen Frühjahr trat erstmals ein Gesetz in Kraft, das das Einsamkeitsministerium erarbeitet hat. Neben einer Telefonseelsorge ist der Chatbot die bisher wohl bekannteste Maßnahme. Und die ist nur auf den ersten Blick banal. Denn vielen Menschen fällt es schwer, über Probleme wie Einsamkeit direkt zu sprechen. Anonymes Chatten kostet oft weniger Überwindung.

Auf lokaler Ebene werden nun auch Austauschgruppen ins Leben gerufen, die Menschen aus der jeweiligen Kommune zusammenbringen sollen. Dabei wird offenbar großer Wert darauf gelegt, dass die persönlichen Informationen der Teilnehmenden geschützt bleiben. Die Weitergabe sensibler Daten soll mit mehrmonatigen Haft oder Geldstrafen belegt werden. Für diejenigen, die sich dennoch nicht zu persönlichen Treffen trauen, soll auch das Personal für Livechats ausgebaut werden.

Folgen für die Wirtschaft

„Die Super-Single-Gesellschaft“ lautete der Titel eines Vortrags, den Kazuhisa Arakawa auf Einladung des staatlichen Foreign Press Center in Tokio gehalten hat. Arakawa arbeitet für Hakuhodo, eine der führenden PR-Agenturen des Landes, zu deren Kunden Konzerne wie Nissan und Toyota zählen, aber auch Städte wie Shizuoka. „Wir raten unseren Klienten immer, auf die Singles zu achten“, sagt Arakawa, der auch mehrere Bücher über diesen demografischen Trend veröffentlicht hat.

Arakawas Prognose für das Jahr 2035 lautet: „Rechnet man Ledige, Geschiedene und Verwitwete zusammen, dann werden schon im Jahr 2035 ganze 48 Prozent der Bevölkerung alleinstehend sein.“ Die Auswirkungen auf die Wirtschaft sind so allumfassend, dass es wohl unmöglich wäre, eine Einsamkeitsökonomie zu beziffern. Aber ein paar Zahlenbeispiele: Der Markt für Solo-Reisende betrug im Vorpandemiejahr 2019 rund 16 Milliarden Euro, jener für Personen, die solo zu Abend essen, 67 Milliarden Euro.

In vielen Bereichen aber handelt es sich um ein grundlegendes Umdenken bei bereits bestehenden Produkten. Das sieht man vor allem in Tokio, wo das Leben landesweit am modernsten und anonymsten ist: Rund die Hälfte der Haushalte bestehen hier heute aus nur einer Person, Tendenz steigend. So setzen Bauträger für die Zukunft vor allem auf Studio-Apartments und Ein-Zimmer-Wohnungen.

Restaurants designen ihre Etablissements weniger mit Gruppentischen, eher mit Theken, an denen Einzelpersonen Platz finden. Im Entertainment-Sektor waren in den vergangenen Jahren TV-Serien populär mit Titeln wie „Ohitorisama“ (Einzelgänger) und „Kekkon Shinai“ (Ich heirate nicht). Und Haruki Murakami veröffentlichte schon 2014 den Kurzgeschichtenband „Von Männern, die keine Frauen haben.“ lil

Eine Taskforce der Regierung will weitere Maßnahmen erarbeiten. Denn dies sind bloß erste Schritte auf einem Feld, das für die Politik noch eher neu ist. Die Forschung dagegen kennt es schon länger, vor allem in Japan. Auf die Frage, warum Einsamkeit hier ein so häufiges Problem ist, haben bereits mehrere Wissenschaftsdisziplinen Antworten parat. Neben demografischen und psychologischen Hintergründen werden zumindest für Japan häufig auch kulturelle und technologische Gründe genannt.

Mitsunori Ishida, Soziologieprofessor an der Waseda Universität in Tokio, erklärt das Phänomen so: „Die japanische Form des Liberalismus legt großen Wert auf die Verantwortung des Individuums gegenüber dem sozialen Umfeld.“ Soll heißen: Einzelpersonen haben dafür Sorge zu tragen, ihren Teil zur Gruppe, in der sie sich befinden, beizutragen. Nur habe sich Japans Gesellschaft auf eine Weise modernisiert, die für ein starkes Gemeinschaftsgefühl nicht immer förderlich sei.

„Die traditionellen Gemeinschaften ruraler Landwirtschaft, in denen es sehr starke Bande zwischen den Menschen gab, empfinden die Menschen in Japan heute oft als erdrückend“, erklärt Ishida. Viele Menschen haben das Leben in großen Städten wie Tokio oder Osaka gesucht. Im Zuge des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg setzten sich dort extreme Formen der Individualisierung und Arbeitsteilung durch. So sehr, dass Interaktion mit anderen Personen gar zu einer Art Luxus wurde.

Allein oder einsam?

Seit Jahrzehnten hat in Japan das Alleinsein Konjunktur. Ende 2020 ergab eine Untersuchung der Universität Tokio, dass rund die Hälfte aller erwachsenen Männer unter 40 und vier von zehn Frauen in derselben Altersspanne Singles sind. Mit steigender Tendenz: In den 1990er Jahren lagen diese Anteile noch deutlich niedriger. Umfragen der Regierung ergaben schon Mitte des vergangenen Jahrzehnts, dass die Hälfte der Singles auch gar keine Partnerin oder einen Partner sucht. Alleinsein ist also nicht unbedingt traurig.

Aber Alleinsein kann einsam sein. So schneidet Japan im Legatum Prosperity Index – einem Wohlstandsvergleich des britischen Thinktanks Legatum – insgesamt zwar mit Platz 16 von 167 Ländern ganz gut ab. Wenn es aber um die Unterkategorie „soziale Kontakte“ geht, die sich durch die Stärke persönlicher und professioneller Bindungen definiert, steht Japan nur auf Platz 141. Kein anderes Land in den Top 40 dieses Vergleichs hat auch nur in einer einzigen der zwölf Unterkategorien einen derart niedrigen Wert. lil

„Es wurde ein robustes System errichtet, mit Gütern, Dienstleistungen und sozialer Sicherheit gegen Geld, um die Menschen zu befähigen, nicht von anderen abzuhängen.“ Schon deutlich länger als in vielen anderen reichen Ländern gibt es in Japan etwa Lieferdienste für Essen und Einkäufe sowie große Online-Communitys. Ishida führt aus: „Wer dann anderswo um Hilfe bittet, gilt schnell als Belästigung.“ Als große japanische Tugend gilt schließlich, seiner Umwelt nicht zur Last zu werden.

Die kulturellen Hintergründe für Einsamkeit mögen je nach Land unterschiedlich sein – Einsamkeit an sich scheinen alternde Industriegesellschaften aber gemeinsam zu haben. So hat Japans Einsamkeitsministerium auch schon großes Interesse aus dem Ausland erfahren. Bereits 2021, im Jahr der Gründung des Ministeriums, berichtete die Tageszeitung „Mainichi Shimbun“, dass namhafte Medien aus Spanien, den USA, Russland und Südkorea zu Interviews nach Tokio gereist seien.

Auch auf Politikebene ist das Interesse groß. Japan und Großbritannien vereinbarten gleich 2021, jährlich zu gelungenen Schritten zu konferieren. Und Deutschland will mitmachen. Familienministerin Lisa Paus veröffentlichte im Juni 2023 ein gemeinsames Statement mit Japans damaligem Einsamkeitsminister Masanobu Ogura, in dem es ebenso heißt: „Beide Seiten haben vereinbart, Informationen zum Kampf gegen Einsamkeit und soziale Isolation auszutauschen.“

Die Reihe

Einsamkeit ist für immer mehr Menschen in allen Altersgruppen und Schichten ein Thema, Tendenz steigend. Die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt.

Wie eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) ergeben hat, fühlt sich gut jede dritte Person zwischen 18 und 53 Jahren zumindest teilweise einsam.

Das ist auch für die Gesellschaft ein riesiges Problem: Wer sich häufig einsam, unverbunden und unverstanden fühlt, neigt mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Verschwörungserzählungen und billigt politische Gewalt und autoritäre Haltungen.

Was hilft gegen Einsamkeit, wer ist besonders betroffen und was kann die Politik tun? Die FR geht in einer losen Reihe diesen und weiteren Fragen nach.

Alle Folgen finden Sie hier: fr.de/einsamkeit

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