Medizin

„Jeder Schluck schadet“

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Eckart von Hirschhausen sagt: „Das Absurdeste ist so alltäglich, dass wir uns so selten darüber wundern: Alkohol ist die einzige Droge, bei der man sich rechtfertigen muss, wenn man sie nicht konsumieren will.“ Rolf Vennenbernd/dpa

Eckart von Hirschhausen im Gespräch über die Volksdroge Alkohol, was der Konsum von Wein, Bier und Schnaps alles anrichtet – und was er auf dem Oktoberfest erlebt hat. Ein Interview von Martin Weber

In seiner neuen TV-Dokumentation geht der Arzt und Wissenschaftsjournalist Eckart von Hirschhausen den negativen Auswirkungen von Bier, Schnaps und Wein auf den Grund. Sein Beitrag, der am Montag, 27. Januar, in der ARD ausgetrahlt wird, dreht sich vor allem um die Frage, welche gesundheitlichen und gesellschaftlichen Schäden Alkohol anrichtet.

Herr von Hirschhausen, welches sind, kurz gesagt, die größten Gefahren von Bier, Wein und Schnaps?

Ein geflügeltes Wort sagt ja: „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben.“ Dabei gibt es 200 verschiedene Erkrankungen, die alle mit Alkohol zusammenhängen. Nicht nur der Leber, auch dem Herz und dem Kopf schadet dieses Nervengift, und Alkohol verursacht und befördert Krebs. Eine Flasche Wein hat für das Brustkrebsrisiko einer Frau die gleiche Wirkung wie zehn Zigaretten – das wusste ich vor diesem Film auch nicht. Aber genau dafür liebe ich ja auch diese Form der offenen Reportage. Ich nehme mir ein relevantes Thema, gehe ohne festes Drehbuch an die Arbeit, höre Experten, Betroffenen und Angehörigen zu – und jeder kann sich aus dieser sehr besonderen Mischung seine eigene Meinung bilden.

Der Volksmund sagt auch, ein Glas Bier oder Wein am Tag schaden nicht …

Ich habe das auch geglaubt. Ich habe das auch gerne geglaubt, aber es stimmt trotzdem nicht. Rotwein schütze vor Herzinfarkt, war lange auch Lehrmeinung in der Medizin. Dass so ein moderater Alkoholgenuss förderlich sei, ist aber Quatsch. Die aktuellen Studien sagen eindeutig das Gegenteil. Vor wenigen Monaten erschienen die neuen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: Es gibt keinen risikofreien Alkoholgenuss. Jeder Schluck schadet. Deshalb mache ich mich auf den Weg durch ganz Deutschland. Weil ich nicht den Eindruck habe, dass sich das schon überall rumgesprochen hat.

Trinken Sie nach diesen Einblicken trotzdem noch selbst ab und zu Alkohol – oder sind Sie jetzt Abstinenzler?

Ich trinke seit diesem Film viel weniger, mache unter der Woche Pause und im Januar den ganzen Monat. Und wer das für sich mal ausprobieren möchte, hat dafür ja elf weitere Monate im Jahr zur Auswahl, es muss ja nicht gleich zu Karneval sein – oder für die Menschen in Bayern: der Oktober.

Sie sagen, Sie trinken seit der Arbeit an diesem Film viel weniger. Den Rausch, das Betrunkensein kannten Sie also auch?

Na klar, wer nicht? Aber ich habe nie das Gefühl gehabt, wenn ich jemanden richtig betrunken erlebt habe, dass das besonders unterhaltsam wäre, ganz im Gegenteil. Gegenfrage: Wie viele Menschen kennen Sie, die durch Alkohol interessanter werden? Und wie viele, die das von sich glauben? Frauen trinken auch anders als Männer. Darüber spreche ich mit der Autorin und Podcasterin Nathalie Stüben, die selbst abhängig war und jetzt eine tolle Online-Community aufbaut, um das Thema näher an den Alltag von uns zu bringen. Es hat viele Facetten!

Mit welchen wissenschaftlichen Methoden belegen Sie die Schädlichkeit von Alkohol?

Wir sprechen mit einem der international renommiertesten Suchtforscher, Rainer Spanagel. Wir zeigen, was genau im Hirn passiert. Aber noch viel wichtiger: Wir zeigen, wie man heutzutage viel erfolgreicher als früher Menschen behandeln kann. Zum Beispiel auch mit Halluzinogenen. Sehr spannend.

Zur Person

Eckart von Hirschhausen kam 1967 in Frankfurt am Main zur Welt und wuchs in Berlin auf. Er studierte Medizin und arbeitete als Kinderneurologe, stand aber schon in seiner Studienzeit als Zauberer auf der Bühne. Er moderierte die Samstagabendshows „Frag doch mal die Maus“ und „Was kann der Mensch?“ im Ersten. Er dreht TV-Dokumentationen und hält Vorträge zu gesundheitlichen Themen und zum Klimawandel.

Die TV-Doku „Hirschhausen und die Macht des Alkohols“, 27.1. um 20.15 Uhr in der ARD. FR/Foto: dpa

Sie waren auch auf dem Münchner Oktoberfest und auf der Reeperbahn, wo Bier und Schnaps in Strömen fließen. Was haben Sie dort erlebt?

So viel kann ich verraten: Es ist nicht alles schön, was man da sieht. Da bekommt das Wort „Bierleiche“ eine konkrete Bedeutung. Da ist bei vielen das Motto: Trinken, bis der Arzt kommt. Ich fragte den langjährigen diensthabenden „Wiesn-Doc“, ob ihn noch etwas schocken kann. Und er muss nicht lange überlegen und sagt schlicht: „Nein.“

Sie haben sich außerdem mit Menschen getroffen, die früher alkoholabhängig waren. Was haben die Ihnen erzählt?

Was für eine Befreiung es ist, davon loszukommen. Für einen selbst und alle um einen herum.

Alkohol ist eine Volksdroge, die für viel Umsatz sorgt, aber auch einen enormen gesamtwirtschaftlichen Schaden verursacht. Wie blicken Sie nach der Arbeit an dem Film auf dieses Spannungsfeld?

Alkoholkonsum verursacht in Deutschland ökonomische Schäden von jährlich 60 Milliarden Euro durch Gesundheitskosten, Arbeitsausfall und Pflege. Dem stehen die lächerlichen Steuereinnahmen von etwa drei Milliarden Euro gegenüber. Und was ich nicht wusste: Auf Wein gibt es gar keine Steuer.

Immer wieder gibt es Umfragen zum Alkoholkonsum von Jugendlichen, und nicht selten ist das Ergebnis: Gerade junge Leute finden Alkoholtrinken cool. Wie lässt sich das ändern?

Das Gesundheitsministerium scheiterte daran, das „begleitete Trinken ab 14 Jahren“ abzuschaffen, hat aber eine Studie in Auftrag gegeben, die belegte, wie wirksam ein Marketingverbot ist. Auch das wird aber weder laut gefordert, geschweige denn umgesetzt. Hinzu kommt, dass die süßen Alkopops, die junge Leute gerne trinken, durch Zucker und tropische Fruchtaromen den Alkoholgeschmack so übertünchen, dass man das fast wie Limo trinken kann. Die Alkohollobby darf mit 200-mal so viel Geld Werbung machen wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Da ist es nicht so überraschend, dass wir alle Bilder in unserem kollektiven Gedächtnis haben, wie angeblich Rum und Bier uns Zugang verschaffen zu großen Segelschiffen und erotisierenden Partys auf tropischen Inseln.

Finden Sie denn, dass man Alkohol verbieten sollte?

Nein.

Alkohol ist ein ernstes Thema, vor allem mit Blick auf die Folgen. Haben Sie auch lustige Aspekte entdeckt?

Ja – es gab viele lustige Momente beim Dreh. Aber das Absurdeste ist so alltäglich, dass wir uns so selten darüber wundern: Alkohol ist die einzige Droge, bei der man sich rechtfertigen muss, wenn man sie nicht konsumieren will.

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