VonArno Widmannschließen
Am 26. Juni vor 60 Jahren hält der US-amerikanische Präsident John F. Kennedy seine berühmte Rede in Berlin und gibt den erleichterten Westdeutschen das Gefühl, zum Imperium zu gehören.
Die Rede des US-Präsidenten John Fitzgerald Kennedy (1917–1963) hat einen eigenen Eintrag in der deutschen Wikipedia. Dort findet sich auch ein neunminütiger Film, der ihn bei seinem Auftritt vor dem Schöneberger Rathaus in Westberlin zeigt. An die 400 000 Menschen sollen ihm damals dort zugehört haben. Ein weiterer Film auf der Website zeigt diese Menschenmassen und ihren Jubel.
„Ich bin ein Berliner“, sagte er zweimal. Einmal gleich zu Beginn der Rede und noch einmal, als er seine Rede beendet mit den Sätzen: „Alle freien Menschen, wo immer sie leben mögen, sind Bürger Berlins, und deshalb bin ich als freier Mensch stolz darauf, sagen zu können ‚Ich bin ein Berliner‘!“ An dieser Stelle ist klar, dass er „Westberliner“ meint.
Auch beim ersten Auftritt von „Ich bin ein Berliner“ konnte es daran keinen Zweifel geben, aber es lohnt sich, daran zu erinnern, in welcher Umgebung das Zitat steht: „Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte, der: Civis romanus sum (Ich bin ein Bürger Roms). Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der freien Welt sagen kann: Ich bin ein Berliner.“ Das Imperium Romanum wird nicht zufällig zitiert. Jeder, der einmal in Washington war, hat staunend gesehen, wie sehr sich die US-Demokratie architektonisch am alten Rom orientiert. Kennedys Stolz darauf, ein Berliner zu sein, hat nicht unwesentlich damit zu tun, der Führer des neuen Imperiums USA zu sein.
Das ist natürlich ein Imperium der Freiheit und der Demokratie, aber es ist ein Imperium. Nirgends war das deutlicher als in Westberlin. Die Halbstadt war umkreist von dem anderen, dem konkurrierenden kommunistischen Imperium.
Das ist das Thema der Rede.Nach einer kurzen Einführung, in der er den Regierenden Bürgermeister (Willy Brandt) und den Bundeskanzler (Konrad Adenauer) erwähnt, ohne ihre Namen zu nennen, fährt Kennedy fort: „Ich bin stolz darauf, heute in Ihre Stadt in der Gesellschaft eines amerikanischen Mitbürgers gekommen zu sein, General Clays, der hier in der Zeit der schwersten Krise tätig war, durch die diese Stadt gegangen ist, und der wieder nach Berlin kommen wird, wenn es notwendig werden sollte.“ Brausender Beifall. Clay stellt sich einen Moment neben Kennedy. Die beiden geben sich demonstrativ die Hand. General Lucius D. Clay war von 1947 bis 1949 Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Deutschland und also auch des US-Sektors von Westberlin. Er war der Hauptverantwortliche für die 16 Jahre zuvor eingerichtete Berliner Luftbrücke, die Westberlin vor dem Versuch rettete, es auszuhungern.
Im August 1961 war die Berliner Mauer errichtet worden. Den Leserinnen und Lesern der Frankfurter Rundschau wird es gefallen, dass es eine Reporterin ihrer Zeitung war, die auf einer Pressekonferenz am 15. Juni 1961 die entscheidende Frage stellte. Annamarie Doherr (1909–1974) war Völkerrechtsspezialistin (begraben wurde sie auf dem St.-Annen-Kirchhof in Westberlin an der Seite ihrer Lebensgefährtin, der Künstlerin Lizzie Hosaeus). Hier ihre Frage: „Bedeutet die Bildung einer freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?“
Walter Ulbrichts Antwort ist legendär: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Ääh, mir ist nicht bekannt, dass [eine] solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft dafür voll ausgenutzt wird, voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Es kam anders. Mit dem Einverständnis der USA. Kennedy war nicht bereit gewesen, den Mauerbau militärisch zu verhindern. Was die DDR auf ihrem Territorium betrieb, stand unter dem Schutz der Sowjetunion. Mit einer Einmischung hätten die USA eine atomare Auseinandersetzung riskiert. Im Oktober 1962 stationierte die Sowjetunion Raketen auf Kuba. Die bedrohten die USA. Kennedy reagierte umgehend. Die UdSSR zog sich zurück.
Der vor den Westberlinern auftretende Kennedy war ein energischer Gegner des Kommunismus, aber auch einer, der sehr genau darauf achtete, was er tat. Nicht genug – wie wir heute wissen. Dass er den Mauerbau zuließ, zugleich aber sehr deutlich machte, dass auch die andere Seite die Grenzen der jeweiligen Herrschaftsgebiete zu respektieren habe, das ließ die sich bedroht fühlenden Menschen in Westberlin aufatmen, machte ihnen Hoffnung, dass sie nicht aufgegeben wurden, dass sie sich als Teil des Imperiums fühlen durften, dass sie sich auf seinen Schutz verlassen konnten.
Mitte der fünfziger Jahre hatte Nikita Chruschtschow den Begriff „friedliche Koexistenz“ eingeführt. Der Westen misstraute dem Slogan. Die beiden Großmächte tarierten aus, wie weit man wo gehen konnte. Die „Stellvertreterkriege“ wurden geführt. Für Deutschland galt immer: Wenn der sogenannte Kalte Krieg umschlägt in einen heißen, dann wird dies das Ende Deutschlands sein. Dieses Wissen mobilisierte in den 80er Jahren nach dem Nato-Doppelbeschluss Millionen.
Zurück zu Kennedy. Zu seiner Rede gehört auch, dass er die Wiedervereinigung in weite Ferne rückte: Ich fordere „Sie zum Schluss auf, den Blick über die Gefahren des Heute hinweg auf die Hoffnung des Morgen zu richten, über die Freiheit dieser Stadt Berlin und über die Freiheit Ihres Landes hinweg auf den Vormarsch der Freiheit überall in der Welt, über die Mauer hinweg auf den Tag des Friedens mit Gerechtigkeit. Die Freiheit ist unteilbar, und wenn auch nur einer versklavt ist, dann sind nicht alle frei. Aber wenn der Tag gekommen sein wird, an dem alle die Freiheit haben und Ihre Stadt und Ihr Land wieder vereint sind, wenn Europa geeint ist und Bestandteil eines friedvollen und zu höchsten Hoffnungen berechtigten Erdteiles, dann, wenn dieser Tag gekommen sein wird ... .”
Mein Verdacht ist, dass die Menschen in Westberlin und wahrscheinlich nicht nur sie auch diese Sätze bejubelten. Sie wollten den Schutz, aber sie wollten nicht den Krieg. Sie setzten darauf, dass die Drohung mit ihm ausreichen würde. Das war die Grundlage der friedlichen Koexistenz, wie sie die Bürger und Bürgerinnen des Westens, die des US-Imperiums, verstanden. Solange der große Bruder mit dem atomaren Schwert winkte, solange würde die Sowjetunion ihres nicht einsetzen. Das wurde damals zur Gewissheit eines großen Teils der Bevölkerungen im Westen. Es war diese Gewissheit, dass „der Iwan nicht einrücken würde“, die die Protestbewegungen überall in der westlichen Welt beflügeln half.
Am 26. Juni 1963 sprach Kennedy in Berlin. Am 23. November 1963 wurde er in Dallas ermordet. Ich erfuhr davon von unserer Internatsköchin. Sie saß in der Küche und weinte. Millionen weinten damals. Sie weinten, behaupte ich, weil mit Kennedy eine Hoffnung getötet worden war. Er erschien vielen als einer, der versuchte, die Forderungen des Tages vernünftig anzugehen.
Später war das Weinen der Köchin für mich ein Beleg dafür, wie leicht wir uns dazu verführen lassen, unsere Wünsche in unsere Mitmenschen zu projizieren. Sie war, davon war ich überzeugt, einer Illusion erlegen. Aber angesichts der Eskalationen danach – in Vietnam, Chile, CSSR und Afghanistan z.B. – hatte sie wahrscheinlich doch recht, nicht nur über seine Ermordung, sondern auch über ihn zu weinen.
