VonBascha Mikaschließen
Der Palästina-Experte Joseph Croitoru über die Hamas, Frauenhass und Frauenrechte, den Plan, die militärische Infrastruktur der Qassam-Brigaden zu zerschlagen sowie die Gefahr eines fortdauernden Guerillakriegs im Gazastreifen.
Herr Croitoru, wie würden Sie die Hamas charakterisieren?
Sie ist eine palästinensische Widerstandsbewegung mit einem militärisch-terroristischen Arm, aber auch eine politische und soziale Organisation mit einem gesellschaftlich-religiösen Auftrag. Früher hätte man sie als fundamentalistisch bezeichnet, heute spricht man von islamistisch.
Was steht im Vordergrund? Der Islamismus oder der palästinensische Nationalismus?
Beides war von Anfang an dabei, aber mit der Zeit wurde die nationalistische Komponente stärker. Die Bewegung ist als Ableger der ägyptischen Muslimbrüder entstanden, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Gesellschaft nach den Werten, Vorstellungen und Regeln des Islam neu zu gestalten. Oder auch zu reislamisieren, wenn diese Gesellschaft verwestlicht erscheint.
Wie wichtig sind die unterschiedlichen Gesichter der Hamas für ihre Akzeptanz in der palästinensischen Bevölkerung?
In den Anfängen waren die Moscheen die Basis der Hamas. Dieses Modell hat sie von der Muslimbruderschaft übernommen – Moscheen als soziale und religiöse Gemeinschaft, um die Menschen für eine islamische Gesellschaft umzuerziehen. Durch die Konkurrenz zur Fatah und zu den anderen Organisationen der PLO ist die nationale Komponente dazu gekommen. Die Hamas hat verstanden, dass sie sich auch als nationale Bewegung bewähren muss, wenn sie zu einer führenden Kraft innerhalb der palästinensischen Gesellschaft werden will.
War die Hamas von Beginn an militant?
Das ist die dritte Komponente. Wir haben also das Soziale – das Wohltätigkeitsnetzwerk der Hamas. Dann die politische Ebene – mit dem Personal der Muslimbrüder-Gemeinschaft hat die Hamas eine politische Führung im Gazastreifen aufgebaut. Und bereits in dieser ersten Phase hat sie darüber nachgedacht, wie man vom politischen zum bewaffneten Widerstand kommt. In den späten 1980er Jahren hat sie dann bewaffnete Widerstandszellen gebildet, die aber von den Israelis schnell ausgehoben wurden. Daraus hat die Hamas gelernt und ihren militärischen Arm vorsichtiger agieren lassen. So sind letztlich die bekannten Qassam-Brigaden entstanden, die später zum Terrorismus griffen.
Was sichert der Hamas ihre Herrschaft in Gaza? Die Unterstützung der Bevölkerung oder deren gewalttätige Unterdrückung?
Es ist schwierig, die Unterstützung der Bevölkerung für die Hamas zu beziffern. Um die zu messen, fehlen die Instrumente. Zudem gibt es seit der Alleinherrschaft der Hamas in Gaza, also seit 2007, dort keine unabhängigen Medien mehr, so dass die öffentliche Meinungsbildung stark eingeschränkt ist. Aber schließlich ist die Hamas im Gazastreifen entstanden, und mein Eindruck ist, dass ein wesentlicher Teil der Bevölkerung sie über die Jahre auch unterstützt hat.
Wie hat der Einfluss der Hamas die palästinensische Gesellschaft verändert?
Schon mit dem Konkurrenzkampf zwischen den Muslimbrüdern und der Fatah in den 1970er Jahren hat die allmähliche Spaltung der palästinensischen Gesellschaft begonnen. Zunächst zwischen den säkularen Kräften und den religiösen Fundamentalisten. Dann kamen die politischen Differenzen hinzu. Denn obwohl die Säkularen wie auch die Muslimbrüder – also die spätere Hamas – die Befreiung von der israelischen Besatzung propagierten, ging es bald auch um die Frage des Endziels und wie man zu Israel steht.
Und da gab es entscheidende Differenzen zwischen der Hamas und der Fatah?
Der Streit zwischen Hamas und Fatah geht, wie gesagt, auf die 70er Jahre zurück. Er hat sich entscheidend auf die Entwicklung des Nahostkonflikts ausgewirkt. Wie verhandelt man mit und was erwartet man von Israel? Welches Endziel hat der palästinensische Befreiungskampf? Die Fatah hat schon in den 60er Jahren für einen palästinensischen Staat geworben. Zu Beginn ging es ihr noch um das ganze Gebiet des historischen Palästina, doch davon ist sie irgendwann abgerückt. In den späten 80er Jahren war die Fatah dann bereit, mit Israel über einen territorialen Kompromiss zu sprechen – also über einen palästinensischen Staat neben dem Staat Israel.
Sie sprechen vom Osloer Friedensprozess…
Genau. Es ging um die Zweistaatenlösung. Die Hamas hatte diese Lösung von Anfang an abgelehnt und den Friedensprozess torpediert. Sie wollte einen islamisch-arabischen palästinensischen Staat, der ganz Palästina umfasst. Mit den Jahren hat die Hamas aber eingesehen, dass sie mit diesem sehr radikalen Ziel nicht weiterkommt. Deshalb hat sie ihr Programm 2017 etwas abgemildert. Inzwischen erklärt auch sie sich bereit, einen palästinensischen Staat neben dem Staat Israel zu bilden. Das ist ein radikaler Schwenk im Vergleich zu dem, was sie in ihrer Gründungscharta 1988 propagiert hatte. Denn damit akzeptiert sie indirekt die Existenz Israels – auch wenn sie es offiziell nicht anerkennt.
Inwieweit hat der Streit zwischen den Palästinenserorganisationen den Hardlinern in der israelischen Politik in die Hände gespielt?
Den Israelis kam es mehr als gelegen, dass die säkulare Fatah, die ja sehr viele Terroranschläge in Israel verübt hatte, Konkurrenz bekommt. Und sie dachten, wenn sich die Muslimbrüder mit dem Koran beschäftigen, würden sie sich nicht zu einer Guerilla- und Terrororganisation entwickeln. Da haben sich die Israelis verkalkuliert. Denn genau das ist später passiert.
Heißt das, die Hamas wurde auch durch Israel stark gemacht?
Nicht die Hamas, aber die Muslimbrüder als deren Vorläufer. Die Israelis haben sie einfach machen lassen. Und wenn es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimbrüdern und Fatah gekommen ist, hielt sich die israelische Besatzungsmacht zurück. Israel hatte durchaus ein Interesse, dass dieser Konflikt entsteht und die palästinensische Gesellschaft gespalten wird.
Reden wir über die Frauen der Hamas. Sie zitieren aus der Hamas-Charta, dass Frauen für die „Orientierung und Erziehung der Generationen“ zuständig sein sollen – und damit aufs Haus beschränkt?
Nein, das hat auch schon bei den Muslimbrüdern in Ägypten anders ausgesehen. Die Muslimbrüder sind ja zwar eine fundamentalistische Bewegung, aber gleichzeitig auch modernistisch. Sie wollen mit der Zeit gehen. Deshalb gab es auch schon in Ägypten den Versuch, eine Art weiblichen Arm der Muslimbrüder zu bilden.
Zur Person
Joseph Croitoru , geb. 1960 in Haifa, ist Historiker und Journalist und schreibt seit vielen Jahren für die deutsche Presse und den Rundfunk. Er studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Judaistik in Jerusalem und Freiburg.
Aus seiner Feder stammen die Bücher
„Al-Aqsa oder Tempelberg. Der ewige Kampf um Jerusalems heilige Stätten“, „Der islamische Kampf um Palästina“ (beide C.H. Beck) sowie „Die Deutschen und der Orient. Faszination, Verachtung und die Widersprüche der Aufklärung“ (Hanser-Verlag).
Die Hamas. Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel. C.H. Beck. München 2024. 223 Seiten, 18 Euro.
Im sozialen Bereich oder auch als Kämpferinnen?
Im sozialen Bereich. Dabei vertraten die Muslimbrüder – und vertritt die Hamas – eine sehr stark patriarchalisch geprägte Weltsicht, in der den Frauen die traditionelle Rolle als Mütter und Erzieherinnen zukommt. Aber weil die Hamas eben auch eine Modernisierung anstrebt, fördert sie die Erziehung von Mädchen und die Hochschulbildung von Frauen und versucht sie in allen Bereichen einzusetzen. Die Frau soll auch eine Rolle im islamischen Heiligen Krieg spielen. Aber zur tatsächlichen Gründung von weiblichen Guerillaeinheiten ist es bei der Hamas nur im Ansatz gekommen. Es gibt ganz wenig Frauen, die innerhalb der Qassam-Brigaden agieren.
Aber eine sogenannte Frauenpolizei gibt es in Gaza.
Richtig. Nach der Machtübernahme im Gazastreifen hat sich die Hamas entschieden, Frauen im Bereich der öffentlichen Ordnung einzusetzen. Auch aus praktischen Gründen, weil Frauen ihre Geschlechtsgenossinnen besser kontrollieren und Durchsuchungen durchführen können. Letztlich aber ist der Spielraum der Frau in der reislamisierten Gesellschaft der Hamas ziemlich begrenzt. Auch in der Politik. Frauen sind dort in der absoluten Minderheit, die politische Führung der Hamas ist so gut wie rein männlich.
Und die Frauen wehren sich nicht?
Säkulare palästinensische Kreise kritisieren schon seit Jahren die fundamentalistischen Ansichten der Hamas. Und es gibt ja auch in Gaza Aktivistinnen, die sich für Frauenrechte einsetzen. Aber insgesamt haben es Frauen in der palästinensischen Gesellschaft nicht leicht.
Beim Überfall auf Israel wurden Frauen gezielt angegriffen, erniedrigt, vergewaltigt. Dabei war die Hamas, im Gegensatz zum IS, eigentlich nicht für Frauenhass und sexualisierte Gewalt bekannt.
Nein, die Hamas war das überhaupt nicht. Hass gegen Frauen wird weder von der Hamas noch vom Islamischen Dschihad gepredigt…
Warum dann diese abscheulichen Verbrechen an Frauen?
Ich glaube es ging mehr um Hass auf Israel und auf alle, die mit Israel zusammenarbeiten. Es waren ja auch Dutzende von Gastarbeitern unter den Opfern. Der Angriff galt Israel als Besatzungsmacht. Zudem gibt es beim Thema sexualisierte Gewalt während des Terrorangriffs vom 7. Oktober offene Fragen…
…aber sie hat doch stattgefunden…
Sicher, aber wer genau dafür verantwortlich war, ist noch nicht ganz klar. Der Angriff wurde ja nicht allein von den Qassam-Brigaden der Hamas durchgeführt. Der Islamische Dschihad und Angehörige von zehn kleineren Milizen waren anscheinend mit dabei, insgesamt mehr als 2000 Bewaffnete. Im Fahrwasser dieser Angreifer wütete zudem auch noch ein Mob von vermutlich mehreren Hundert Zivilisten. Solche Gewaltexzesse sind ja auch aus anderen kriegerischen Auseinandersetzungen oder Terrorangriffen bekannt. Frauen werden schnell zu Opfern, sobald Männer in eine extreme Situation der Übermacht kommen.
Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie die Hamas den Angriff auf Israel über Jahre vorbereitet hat. Es gab Bilder von Manövern, auf denen Häuserkampf oder die Überwindung des Grenzzauns in Gaza trainiert wurde. Diese Kriegsvorbereitungen wurden von israelischer Seite nicht ernst genommen?
Absolut nicht. Die israelischen Sicherheitskräfte, die militärische Elite des Landes und auch die Politik haben die Vorbereitungen zwar zur Kenntnis genommen. Aber sie waren sich sicher, dass die auch tief in den Boden reichende Hightech-Sperranlage, die im letzten Jahrzehnt um den Gazastreifen gebaut wurde, vor einem Angriff schützt. Wie sich herausgestellt hat, war das ein zu starres Sicherheitskonzept. Hinzu kommt, dass Israel wegen seiner expansionistischen Politik etliche Militäreinheiten aus der Region um Gaza abgezogen hatte…
…wegen des Siedlungsbaus in der Westbank…
Genau. Und diese Einheiten fehlten dann am 7. Oktober.
Netanjahu verbreitet die Propaganda, dass Israel die Hamas vollständig auslöschen könnte. Aber bedeutet das Ende der Hamas-Herrschaft in Gaza auch das Ende der Hamas?
Dieses Ziel wird man nie wirklich erreichen. Man kann die militärische Infrastruktur der Qassam-Brigaden und auch der anderen Milizen zerschlagen – aber eben nicht vollständig, sagen Beobachter. Insofern besteht die Gefahr eines fortdauernden Guerillakriegs im Gazastreifen.
Wie groß ist die Chance auf einen Waffenstillstand, um die katastrophale Menschenrechtslage in Gaza zu beenden?
Der Krieg ist ja nicht nur ein Vernichtungskrieg, sondern auch ein Rachefeldzug. Schon deshalb will Netanjahu ihn sicherlich so lange wie möglich weiterführen. Außerdem ist seine Regierung gespalten was die Kriegsziele angeht, denn die rechtsextremen Elemente wollen ja nicht nur die Zerschlagung der Hamas, sie wollen auch den Gazastreifen neu besiedeln. Hinzu kommt, dass Israels politische und militärische Elite gerne einen Bogen um die Frage machen würde, wer eigentlich für das Sicherheitsversagen am 7. Oktober verantwortlich ist.
2007 haben Sie Ihr erstes Buch über die Hamas geschrieben, jetzt kommt das neue heraus. Was haben Sie zwischenzeitlich über die Hamas gelernt?
Trotz der erhitzten Diskussion über den Krieg weiß man letztlich nur wenig über die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen. Wie hat die Organisation versucht, die palästinensische Gesellschaft zu verändern? Wie war die Dynamik innerhalb der Hamas? Meine Recherchen zeigen, dass der militärische Arm der Hamas-Bewegung mit der Zeit immer einflussreicher wurde. Wohl auch deshalb, weil auf israelischer Seite ein ständiger Rechtsruck stattfand, bei dem sich die Palästinenser im Gazastreifen und in der Westbank gefragt haben, was sie überhaupt noch bewirken können, um ihre Lage zu verbessern. Diese Aussichtslosigkeit hat sicher zu einer weiteren Radikalisierung innerhalb der palästinensischen Gesellschaft geführt.
