Wie wurde #MeToo zu einer globalen Bewegung? Warum funktioniert das System von Macht und Missbrauch? Und was hat die Debatte gesellschaftlich verändert? Juliane Löffler über ihr Buch „Missbrauch, Macht & Medien“.
Journalistin Juliane Löffler schreibt seit Jahren zu sexualisierter Gewalt. Ihre Recherche über den Machtmissbrauch des damaligen „Bild“-Chefredakteurs Julian Reichelt sorgte landesweit für große Aufmerksamkeit. Mit dem Rechercheteam von Ippen Investigativ (kurz danach aufgelöst) wurde sie dafür als Journalistin des Jahres ausgezeichnet.
Frau Löffler, beim Thema sexualisierte Gewalt haben Feministinnen eine klare Haltung: Nicht alle Männer sind Täter, aber alle Frauen sind bedroht.
Und das stimmt. Zwar sind alle Geschlechter von sexualisierter Gewalt betroffen, aber meist sind Frauen die Opfer und Männer die Täter. Dieses systematische Bedrohungspotenzial wirkt sich dann auch auf diejenigen aus, denen gar nichts passiert ist – denn die Betroffenen geben ihr Wissen ja weiter. Und so stellen sich dann alle Mädchen und Frauen die Frage: Ist es okay, mit kurzen Röcken über die Straße zu laufen oder nicht? Wie soll ich mich verhalten, um mich zu schützen?
Die MeToo-Bewegung macht diese strukturelle Bedrohung deutlich und bringt damit das Motto der Zweiten Frauenbewegung auf den Punkt: Das Private ist politisch. Jede Frau – manchmal auch ein Mann – erlebt Gewalt individuell. Doch dahinter steht eine Gewalt fördernde patriarchale oder männerdominierte Ordnung. In MeToo verdichtet sich das System.
Der Zusammenhang zwischen dem Privaten und dem Politischen ist ein wichtiger Aspekt. Auch in der journalistischen Arbeit musste das erstmal anerkannt werden. Viele Recherchen zu sexualisierter Gewalt wurden damit diskreditiert, dass sie als Schmuddelkram oder als Privatsache abgetan wurden ...
... man kann nackte Frauen auf dem Titel zeigen, aber man darf nicht darüber berichten, dass Sex möglicherweise nichts mit Sex zu tun hat ...
... sondern nur mit Gewalt. Es gibt Äußerungsrechtler, die ernsthafte Recherchen als Boulevard-Journalismus denunzieren – als würde da schmutzige Wäsche gewaschen. Dabei geht es um mutmaßliche Verbrechen oder zumindest den Verdacht schwerwiegender Verfehlungen. Es geht um Macht und Machtmissbrauch. Das aufzudecken ist doch eigentlich der Kern von Journalismus. Letztlich dreht es sich um die existenzielle Frage: Wer hat hier welche Macht über wen? Welches Recht habe ich, über deinen Körper zu verfügen? Vielleicht werden die Debatten um MeToo auch deswegen so hart und polarisiert geführt.
Sie haben Ihrem Buch ein Zitat von zwei Initiatorinnen der MeToo-Bewegung vorangestellt: „Man kann nicht wissen, wie sehr sich andere Menschen für deine Geschichte interessieren, bis du sie erzählst.“ Wie wichtig sind Ihnen die Fallbeispiele, die Sie anführen?
Ohne konkrete Fälle würde es MeToo nicht geben. Deshalb das Motto: „Ich höre, was du sagst. Ich erkenne mich darin wieder.“ Es sind diese Geschichten, die die Gewalt und das Leid erfahrbar und begreifbar machen. Auf eine emotionale und empathische Weise. Die Kraft der MeToo-Bewegung liegt genau darin: Sie hat diese Geschichten aufgeblättert. Allein mit den Erzählungen über das System, mit all den Studien und Zahlen kommen wir nicht weiter. Deshalb finde ich es so wichtig, möglichst konkret zu benennen: Wem wird was vorgeworfen? An welchem Tag soll er welche Person wie angefasst haben? Was genau stand in der Nachricht, die er verschickt hat?
Das klingt regelrecht kriminalistisch.
Aber es erzeugt eine enorme Kraft. Denn dann müssen wir ein ernsthaftes Gespräch führen: Wollen wir dieses Verhalten erlauben oder nicht? Und wenn nicht, wie wollen wir dagegen vorgehen? Außerdem liegt auch eine enorme emanzipatorische Stärke darin, dass Betroffene ihre Geschichten erzählen können und auch gehört werden.
Das Private ist ja nicht nur politisch, das Politische ist auch privat. Was dementsprechend heißt: Die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse haben auch Auswirkungen auf das, was im Privaten geschieht. In einem männlich dominierten System, noch schlimmer im Patriarchat, wird einem Mann qua System sehr viel Macht eingeräumt …
... die dann in Gewalt enden kann. Ich mache das mal am Thema häusliche Gewalt exemplarisch deutlich. Bei meinen Recherchen habe ich immer wieder erlebt, dass Frauen sich nicht trennen, weil sie Angst haben oder weil sie finanziell abhängig sind. Sie haben einfach nicht genug Geld und können sich weder eine eigene Wohnung noch die Infrastruktur für die Kinder leisten. Und das hat natürlich auch damit zu tun, dass Frauen durchschnittlich schlechter verdienen, es kein Equal Pay gibt und sie wegen der Kinder sehr viel öfter in Teilzeit arbeiten. Frauen sind auf so vielen Ebenen strukturell und finanziell schlechter gestellt. Das erschwert eine Trennung und die Gewaltspirale geht weiter. Daran sieht man, dass die Lösungsansätze in ganz viele unterschiedliche Richtungen gehen müssen und mitnichten nur im Privaten liegen.
An MeToo gab es jede Menge Kritik. Die Kampagne sei eine Mischung aus mittelalterlichem Pranger und Selbstjustiz, hieß es. Zudem würden sich Frauen in eine Opferrolle begeben, statt Stärke zu zeigen. Ist da was dran?
Das Argument der Opferrolle kann ich nicht nachvollziehen. Denn MeToo gibt ja Betroffenen von sexualisierter Gewalt, von Übergriffen und Machtmissbrauch die Möglichkeit, zu sprechen und ihre Geschichten zu erzählen. Das ist eine sehr aktive Handlung, die einen aus der Passivität befreit, aus einer Situation des Schweigens und der Scham. Und dann wird den Betroffenen auch noch zugehört, andere Menschen nehmen Anteil. Auch das ist nicht passiv.
MeToo hatte eine Reihe Vorläufer, in Deutschland war es 2013 der #Aufschrei. Warum hatten diese Initiativen nicht die Kraft, die MeToo entfalten konnte? Fehlten die gesellschaftlichen Echo-Kammern oder waren die Kampagnen im Netz noch nicht weit genug entwickelt?
Ich glaube, beides. Zum einen gab es wohl eine Art Lerneffekt, dass Debatten vorangehen, wenn man sie immer weiterführt. Bei #Aufschrei ging es ja ganz stark um Alltagssexismus. Ist das überhaupt ein Problem? Ist es jetzt vorbei mit dem Herrenwitz? Durch die Geschichten, die dabei geteilt wurden, ist bei vielen überhaupt erst ein Bewusstsein für die Sache entstanden. Darüber hinaus haben dann später Studien bestätigt, wie verbreitet Alltagssexismus ist. Auf diese Erfahrungen konnte MeToo 2017 draufsatteln. Zum anderen hat MeToo übers Internet ganz unterschiedliche Frauen in der ganzen Welt erreichen können. Bei #Aufschrei waren es noch netzaffine Feministinnen, die die Debatte vorangetrieben haben.
„Ich muss entscheiden, ob die Öffentlichkeit einen Anspruch auf meine Informationen hat. Das ist die Frage.“
Über Aufschrei hat der damalige Bundespräsident Joachim Gauck gesagt, er könne „keine gravierende Fehlhaltung von Männern gegenüber Frauen feststellen“. Die Reaktionen auf den Hashtag bezeichnete er als „Tugendfuror“. Könnte sich ein Bundespräsident das heute noch leisten?
Ich glaube, eigentlich nicht.
Obwohl es in den USA ja durchaus passiert.
Stimmt. Leider geht die Entwicklung in unterschiedliche Richtungen. Gauck ist dann übrigens relativ schnell zurückgerudert, weil es einen offenen Brief von Feministinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen gab. Heute käme die Verurteilung eines solchen Spruchs vermutlich sehr viel schneller und einhelliger. Ich würde behaupten, dass sich die Debatte weiterentwickelt hat. Aber vielleicht täusche ich mich auch und bin zu sehr in meiner Blase verhaftet.
Als Kollegin hat mir gut gefallen, dass Sie Ihre Arbeitsweise sehr klar beschreiben. Warum war Ihnen das für Ihr Buch wichtig?
Ich habe ja nicht über meine persönlichen Geschichten geschrieben, sondern als Journalistin über meine Recherchen – wie und warum ich sie mache. Nicht-Journalist:innen wollen oft wissen, wie ich arbeite. Wie ich entscheide, wann ich was öffentlich mache. Ich wollte einen Einblick in das Handwerk geben.
Um Transparenz zu schaffen?
Um Transparenz zu schaffen, aber auch um einmal zu erklären, wie kompliziert so eine Recherche ist. Ich wollte dem Vorurteil etwas entgegensetzen, dass da irgendwelche Lügengeschichten erzählt werden oder dass ich nach Gefühl entscheide, wem ich glaube oder wem nicht. Nichts könnte weiter weg sein von meiner Arbeit. Gerade in Zeiten wie jetzt – wo die Demokratie herausgefordert ist und der Vorwurf der Lügenpresse im Raum steht – ist es wichtig, das Vertrauen in journalistische Arbeit zu stärken.
Über eine Stelle bin ich allerdings gestolpert. Da schreiben Sie: „Die Aufgabe der Medien ist es, Vorwürfe zu veröffentlichen. Was danach geschieht, haben sie nicht in der Hand. Ob jemand seinen Job verliert, ob die Staatsanwaltschaft ermittelt, ob sich eine Band auflöst oder wieder auf Tournee geht, ob jemand seine Approbation verliert oder einfach alles so weitergeht wie bisher, darauf habe ich als Rechercheurin keinen Einfluss.“ Das ist zwar einerseits korrekt, aber machen Sie es sich mit der journalistischen Verantwortung nicht dennoch zu einfach?
Die Verantwortung übernehme ich ja schon früher, und zwar vor der Veröffentlichung. Da muss ich entscheiden: Habe ich die Belege? Ist es presserechtlich sauber? Was kann ich veröffentlichen und was nicht? Wo betrifft es Bereiche der Intim- oder Privatsphäre, die nicht von öffentlichem Interesse sind? Kann ich den Namen einer Person nennen, gegen die Anschuldigung erhoben werden oder vielleicht nicht? Hier ist die Verantwortung sehr groß, weil auch der Schaden, den so eine Veröffentlichung anrichten kann, sehr groß ist. Aber von den möglichen Konsequenzen kann ich mich nicht beeinflussen lassen.
Und es gab nie einen Fall, wo Sie sich im Nachhinein gesagt haben: Sauber recherchiert, alles richtig aufgeschrieben – und dennoch hätte ich die Geschichte nicht veröffentlichen sollen, weil die Konsequenzen für den betroffenen Menschen so hart waren?
Ich muss entscheiden, ob die Öffentlichkeit einen Anspruch auf meine Informationen hat. Das ist die Frage. Und nicht, ob ich vielleicht eine Privatperson vor bestimmten Konsequenzen schützen muss.
Ist es für Sie ein heikles Thema, wenn Frauen zu Täterinnen und Männer zu Opfern sexualisierter Gewalt werden?
Finde ich eigentlich nicht, für mich ändert sich handwerklich dadurch nichts. Ich habe Recherchen gemacht, wo Frauen Machtmissbrauch oder Mobbing vorgeworfen wurde. Und ich habe mit sehr vielen Männern gesprochen, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind. Ich kenne das ganze Spektrum von Gefühlen und Empfindungen bei Betroffenen und auch da habe ich keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern bemerkt. Vielleicht am ehesten noch bei schwulen Männern. Ich habe viele Gespräche geführt, in denen sie das Gefühl hatten, dass ihre Geschichten nicht so ernst genommen werden. Das gilt meiner Erfahrung nach insgesamt für viele queere Menschen.
Zur Person
Juliane Löffler wurde 1986 in Frankfurt am Main geboren. Sie studierte Kulturwissenschaften, Spanische Philologie und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Potsdam und Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut. Nach einigen anderen journalistischen Stationen wurde Juliane Löffler 2022 Redakteurin im Ressort Deutschland/Panorama beim Spiegel. Sie veröffentlicht seit Jahren zu Themen im Bereich sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch und wurde für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet. mik
Die Veröffentlichung der „Ippen Investigativ“-Recherche zum früheren „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt wurde im Oktober 2021 von der Konzernspitze rund um Verleger Dirk Ippen gestoppt. Als Begründung gab der Verlag an, man stehe als Mediengruppe in direkter Konkurrenz zur „Bild“ und wolle nicht den Eindruck erwecken, einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden zu wollen. Die Mitglieder des Rechercheteams, darunter Löffler, wechselten daraufhin zu anderen Medienhäusern. FR
Weil Homo- und Transsexualität gesellschaftlich anders bewertet wird?
Ja, Schwule zum Beispiel werden ständig sexualisiert. Daran zeigt sich, dass eigentlich alle von den Debatten rund um MeToo profitieren können. Denn da werden die Stereotype über Opfer- und Täterverhalten aufgebrochen. Ja, auch Frauen können ihre Macht missbrauchen und sich fehlverhalten, auch Männer können zu Opfern von sexualisierter Gewalt werden. Die Erkenntnis, dass es in alle Richtungen gehen kann, hat eher etwas Befreiendes, denn sie zeigt, dass wir es hier nicht mit etwas Biologischem oder Gottgegebenen zu tun haben, sondern dass wir das System ändern können.
Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit sexuellem Missbrauch und Gewalt. Diese Brutalität hinterlässt ihre Spuren. Wie geht es Ihnen damit?
Gute Frage, ich finde es wichtig, darüber zu sprechen. Also natürlich habe ich eine gewisse berufliche Distanz zu den Themen, die ich bearbeite und zu den Gesprächen, die ich führe. Letztlich trenne ich zwischen Beruf und Privatem. Aber ich bin auch empathisch mit den betroffenen Personen. Klar passiert es, dass sie mir etwas erzählen, was mich wahnsinnig traurig oder wütend macht. Und selbstverständlich spüre ich die Verantwortung gegenüber allen Seiten. Ohne Empathie könnte ich diesen Job nicht mehr machen. Aber gleichzeitig habe ich mir auch so etwas wie eine dicke Haut zugelegt.