VonMichael Hesseschließen
Die Schriftstellerin Katja Petrowskaja würdigt den durchdringenden Blick des Historikers Karl Schlögel.
Es war eine fast private, intime Erinnerung, die Katja Petrowskaja an den Anfang ihrer Laudatio auf Karl Schlögel stellte. Anfang März 2022 hatten sich in Berlin zahlreiche Menschen am Bebelplatz versammelt, um gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine zu protestieren. Petrowskaja entdeckte unter ihnen einen Mann, eingehüllt in eine ukrainische Fahne: „Er stand einsam da, stützte sich auf die Absperrung, hörte aufmerksam den Rednern zu – und weinte.“ Es sei Karl Schlögel gewesen. Diese Geste auf dem Bebelplatz habe ihnen, den Ukrainerinnen und Ukrainern, gezeigt: Wir sind nicht allein. Er sei für sie, die Ukrainerin, in der Zeit des Krieges „zu einer Stütze, zum Inbegriff von Standhaftigkeit – jenseits der ideologischen Falle“ geworden.
Es gibt kaum jemanden in Deutschland, der sich so vehement für die Ukraine im Krieg gegen Russland eingesetzt hat wie Karl Schlögel, der als Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels auf die US-Amerikanerin Anne Applebaum folgt – deren Auszeichnung äußerst umstritten war. Der Preis wird zum 75. Mal verliehen.
Man stehe am Ende einer Epoche, betonte Petrowskaja. „Der Krieg darf uns nicht kaputtmachen“, mahnte die aus Kiew stammende Bachmann-Preisträgerin. „Wir leben in einer Zeit der allgemeinen Verunsicherung und Zerrissenheit, in einer Zeit der wachsenden Neigung zum Denken in Gegensätzen.“
Schlögel würdigte sie als einen Wissenschaftler, der sich auf das Fremde, das Andere eingelassen habe. Er habe über das Glück seiner behüteten Generation gesprochen, die über Krieg und Waffen nachdenken konnte, ohne ihnen ausgeliefert zu sein. Diese Epoche sei zu Ende. Schlögel ringe daher „um Wörter gegen die Fassungslosigkeit, gegen die Abstumpfung. Er beruft sich auf das Leid und die Standhaftigkeit der ukrainischen Gesellschaft, die jeden Tag den Krieg durchlebt und um ihr Überleben kämpft“, sagte Petrowskaja in der vollbesetzten Paulskirche.
Der Spezialist für osteuropäische Geschichte habe schon früh einen klaren Blick für die Folgen des Angriffs gezeigt – bereits 2014. Bei öffentlichen Auftritten sei er stets eindeutig gewesen. „Unvergesslich ist mir eine Talkshow mit Anne Will im Frühling 2022, in der Karl Schlögel sich bei den Deutschen dafür entschuldigte, dass er als Slawist, als Historiker und Fachmann diesen Krieg nicht vorhergesehen hatte. Auf eine solche Entschuldigung hatte man vergeblich von den Politikern, Sicherheitsexperten oder sonst wem gewartet, die uns mit ihrem ,Wandel durch Handel‘ den ewigen Frieden versprochen hatten – und die auch nach 2014 weiter mit dem Kriegsverbrecher verhandelten.“ An dieser Stelle gab es lauten Applaus in der Paulskirche.
Schlögels Prinzip sei die direkte Anschauung, das eigene Erleben. In seinen frühen Arbeiten habe er gezeigt, „wie Europa zu sich kommt – in der Aufhebung der Teilung in Ost und West“. Das abstrakte Konstrukt Europa ersetze er durch Beschreibungen eines gelebten Raums, der sich im Wandel befindet. Städte wie Wilno und Krakau, Kaliningrad und Gdańsk, die im Westen jahrzehntelang in Vergessenheit geraten waren, brachte er zurück auf die mentale Karte Europas. Daran erinnerte Petrowskaja, die zuletzt „Das Foto schaute mich an“ veröffentlichte und 2025 den Essayband „Als wäre es vorbei. Texte aus dem Krieg“ publizierte.
Das Gefühl, dass jemand hilft
Der Schock der Annexion der Krim hatte ihn 2014 sofort in die Ukraine geführt, so Petrowskaja. „Karl Schlögel empfand das Geschehen als Erschütterung auf einer fundamentalen Ebene – nicht nur als Experte, sondern als Zeitgenosse und Bürger.“ Die Folgen hätten ihm klar vor Augen gestanden: „,Der Angriff auf die Ukraine gilt nicht nur der Ukraine‘, schrieb er bereits damals, vor zehn Jahren. ,Was dort auf dem Spiel steht, ist Europa, ist der Westen – wie immer wir das nennen wollen –, eine Lebensform, die Putin und seinesgleichen als Bedrohung empfinden. Der Krieg ist nach Europa zurückgekehrt.‘“
Die Kraft seiner Beobachtungen habe sie vor allem in einem Buch von Schlögel erlebt: „Entscheidung in Kiew“ sei 2015, als das Buch erschien, von ihren ukrainischen Freunden gefeiert worden. Eine in Charkiw geborene Frau habe mehrere Exemplare gekauft, sie an ihre deutschen Freunde verschenkt und gesagt, nun müsse sie nicht mehr erklären, was für eine Stadt Charkiw sei.
Karl Schlögel habe den einzigartigen Konstruktivismus Charkiws beschrieben, seine Filmavantgarde, die lebendige Literaturszene, die Universität, das Institut für Physik und seine besondere Rolle für die Wissenschaft. Heute stehe Charkiw, eine Stadt mit über einer Million Menschen, jeden Tag unter Beschuss.
Die Schriftstellerin Petrowskaja dankte Schlögel anschließend in ihrer empathischen und eindrucksvollen Rede. Sie sprach von der großen Ehre, die sie empfinde, für ihn an diesem Tag die Lobrede zu halten – und davon, dass sein Zuspruch vielen Menschen in dem Land, das sich täglich den Angriffen der Russen ausgesetzt sieht, vielleicht so etwas wie Hoffnung vermittelt, weil daraus das Gefühl erwächst, dass jemand hilft.
Zuvor hatte Mike Josef, der Frankfurter Oberbürgermeister, den Blick auf die Geschichte der Paulskirche und damit auf die Ursprünge der Demokratie in Deutschland gerichtet. An Schlögel schätze er die Neugier, die er bereits in Zeiten des Kalten Krieges gezeigt habe, „hinter den Eisernen Vorhang“ blicken zu wollen. Er würdigte, mit welcher Deutlichkeit der Historiker versucht habe, den Deutschen die Augen für die Veränderung zu öffnen.
Doch dazu müsse man selbst erst sehen und verstehen, was geschieht. Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, verwies in ihrer Rede auf die Arbeitsweise Schlögels. „Früh wird er zum Beobachter“, sagte sie und betonte, dass Schlögel die Unmittelbarkeit der Erfahrung für seine Texte benötigt. „Er kann Geschichte nicht nur in Archiven studieren – er braucht die Geschichten, die Gerüche und Geschmäcker, Land und Leute, die Anschauung.“ Schlögel sei der Beobachter an der Seitenlinie.
An diesem Tag in der Paulskirche wird ein Mensch geehrt, der den Frieden herbeisehnt, das war deutlich zu spüren. Und zugleich spricht er das klar an, wovor viele die Augen immer noch verschließen: Dass es auch um uns geht.
