Schlagabtausch bei Lanz: CDU-Mann Amthor legt sich mit der Gen Z an
VonMichael Meyns
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Lanz untersucht in seiner Sendung, ob die Gen Z arbeitsscheu ist. Stolle und Amthor diskutieren mit. Ein Wandel des Verständnisses von Arbeit?
Hamburg – Faul sei die Gen Z, wollte lieber entspannt leben statt zu arbeiten, schließlich zerstört der Klimawandel sowieso alles. Ob an diesen Klischees etwas dran ist, wollte Markus Lanz von seinen Gästen wissen, vor allem der Chefin der Grünen Jugend. Bekanntermaßen hat Markus Lanz Lieblingsgäste, was zum Teil an besonders wichtigen Themen liegt – Karl Lauterbach während Corona oder Carlo Masala, wenn irgendwo wieder ein Krieg tobt oder auszubrechen droht – zum Teil daran, dass der Moderator sie schätzt, Robert Habeck oder Robin Alexander etwa. Aber manchmal darf man auch andere Gründe vermuten.
Erst vor knapp fünf Wochen war die Grünen-Politikerin Katharina Stolle zu Gast und offenbarte in einer geradezu legendären Sendung Ansichten, die nicht nur den Moderator aus der Fassung brachten: Die Chefin der grünen Jugend forderte einen radikalen Umbau der Gesellschaft, massive Besteuerung von Reichen und Erben, dazu eine vier Tage Woche und eine 20-Stunden-Woche, denn Arbeit mache krank.
Amthor vs. Stolle bei Markus Lanz: Politische Rivalität und Arbeitsmarktvisionen“
In den folgenden Tagen hatte Stolles Auftritt für viel Aufmerksamkeit gesorgt, nicht zuletzt auch für erwartbare Belustigung, um nicht zu sagen Hohngelächter bei manchen Kommentaren. Vermutlich auch bei Stolles heutigem Kontrahenten Philipp Amthor. Der CDU-Politiker war vor einigen Jahren ja dadurch bekannt geworden, dass er neben seiner Arbeit für die CDU parallel auch in diversen Nebenjobs aktiv war, die allerdings eher in den Bereich des Lobbyismus gingen.
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Danach hatte sich Amthor ein wenig rar gemacht, doch diese Phase scheint inzwischen vorbei zu sein. Amthor ist wieder häufig zu Gast in Talkshows, die Anzüge sitzen, die Manschettenknöpfe blitzen. Und auch wenn er gleich als Erstes „Das Leben ist mehr als Arbeit“ voranschickte, ist Amthor natürlich kein Sozialist, sondern ein Kapitalist, dem die Vorstellung von weniger Arbeit geradezu als Teufelszeug gilt.
„Anstrengungslosen Wohlstand“ kann es nicht geben, betonte Amthor bei Markus Lanz im ZDF, gerade in der aktuell mehr als schwierigen wirtschaftlichen Lage können es sich das Land, könne es sich die Volkswirtschaft einfach nicht leisten, wenn Millionen Menschen viel weniger arbeiten. Doch auch Amthor sprach sich für größere Flexibilität am Arbeitsmarkt aus, etwa für die Möglichkeit, an einzelnen Tagen mehr zu arbeiten, um dafür einen Tag zusätzlich frei zu haben.
Die Vision der Grünen Stolle: Arbeitszeit, Produktivität und die Debatte um Work-Life-Balance
Von der „Work-Life-Balance“ ist oft die Rede, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, von Arbeit und Hobbys, was sich auf den ersten Blick erst mal gar nicht so schlecht anhört. Aber was sagen die Statistiken? Im Vergleich zu anderen OECD-Staaten wird in Deutschland wenig gearbeitet, andererseits war die Gesamtarbeitszeit der Bevölkerung noch nie so hoch wie im letzten Jahr. Was allerdings auch damit zu tun hat, dass es noch nie so viele Menschen in Arbeit gegeben hat.
Das Entscheidende ist allerdings nicht unbedingt die Arbeitszeit, sondern die Produktivität. Stolle versuchte ihren Ansatz zu erläutern: Wenn die Arbeitszeit reduziert wird und damit bessere Arbeitsbedingungen geschafft werden, würde der Anreiz steigen, überhaupt in bestimmten Bereichen zu arbeiten, etwa in der Pflege. Ob damit allerdings der zunehmende Fachkräftemangel behoben werden kann? Laut Stolle gibt es ein riesiges Reservoir an potenziellen Arbeitskräften, gerade unter Frauen, das genutzt werden sollte.
Amthor verhöhnt Vorschlag - und erzählt vom sozialen Aufstieg
Wenig überraschend versuchte Amthor diese Vorschläge mit Plattitüden lächerlich zu machen, behauptete, dass Stolle Arbeit grundsätzlich als etwas betrachtet, dass der Freizeit im Wege steht. Was zwar nicht im Entferntesten stimmte, aber dazu passte, dass Amthor sich als Verteidiger des klassischen Kapitalismus gerierte, während Stolle betonte, dass es in ihrer Generation einen anderen Blick auf das Leben gibt.
Mit großen Gesten und viel Pathos in der immer noch leicht brüchigen Stimme, versuchte sich Amthor als Beispiel für erfolgreichen sozialen Aufstieg darzustellen, für einen Aufstieg, den in Deutschland angeblich jeder erreichen kann, solange er sich nur bemüht.
Dieses Aufstiegsversprechen existiert nicht für sehr viele Menschen, hielt Stolle dagegen, was Amthor nicht gelten lassen wollte und versuchte, bis zur Nachkriegszeit zurückzugehen. Bevor er jedoch ein Loblied auf das Wirtschaftswunder singen konnte, wurde er dankenswerterweise von Markus Lanz gestoppt. Der wies darauf hin, dass alle drei Teilnehmer der heutigen Diskussion Beispiele für Menschen sind, die sich aus teilweise sehr schlechten Ausgangsbedingungen hochgearbeitet haben.
Perspektiven auf Arbeit und Aufstieg: Zwischen Glück, Tradition und Zukunftsvisionen
Widersprechen konnte Stolle dem nicht, dennoch wollte sie betonen, dass ein Aufstieg zwar möglich sei, aber immer viel mit Glück zu tun habe. „Woran machen sie fest, dass das Aufstiegsversprechen nicht stimmt?“, wollte Markus Lanz von Stolle wissen und konnte offenbar nicht verstehen, dass junge Menschen mehr Rechte einfordern und nicht mehr so viel arbeiten wollen wie ihre Eltern oder gar Großeltern.
Vielleicht kann man Verständnis für den Wunsch, weniger zu arbeiten, auch nicht unbedingt von einem als Workaholic bekannten Moderator erwarten, der gerne zwischen den werktäglichen Aufzeichnungen seiner Sendung übers Wochenende um die Welt fliegt, um Reportagen zu drehen.
Nun haben nicht alle Menschen das Glück, einen Beruf auszuüben, der praktisch gleichzeitig ein Hobby ist, so wie es bei Lanz der Fall ist. Empathie für die breite Masse der arbeitenden Bevölkerung kann man aus dieser Position heraus vielleicht ebenso wenig erwarten, wie von einem Politiker wie Philip Amthor, der ein Weltbild vertrat, das vielleicht vor 40 oder 60 Jahren einmal modern war. Ob die Positionen und Forderungen von Katharina Stolle die Zukunft sind, das wird sich zeigen, vernünftiger und durchdachter als einfach nur zu so weiterzumachen wie bisher, wirkten sie in jedem Fall.