VonThomas Stillbauerschließen
Erst der Krieg im Osten - und jetzt der Krieg im Nahen Osten. Und das Leid der Menschen, die um ihre Liebsten bangen. Die Kolumne „Times mager“.
Neunundachtzig Wochen und acht Jahre Krieg im Osten, viele Jahre und ein Monat Krieg im Nahen Osten, und es schmerzten die Leerstellen. Es fehlten geliebte Menschen. Während weiter gemetzelt und bombardiert wurde, bangten die Friedfertigen um ihre entführten Leute.
Auch um Yotam. „Manchmal, wenn wir wieder lachen, wieder träumen, wenn wir an einen besseren Ort denken, an dem wir uns verstecken können, keine Tränen und kein Blut mehr vergießen“, hieß es in einem Lied der israelischen Band Persephore, für die er trommelte. Eine harte Band. Und, wie so oft, ein sanfter Kern. Yotam Haim, Wuschelkopf, 28 Jahre, die Fotos im Netz zeigten ihn mit einem jungen Hund, mit Katzen und natürlich an seinem Schlagzeug.
„Die Arschlöcher der Hamas haben während ihres Massakers auch den Schlagzeuger der israelischen Hardcoreband Persephore entführt.“ Die Nachricht kam von Freunden: von der Berliner Punkband ZSK. Und sie kam, manchmal kannst du es kaum glauben, exakt 40 Wochen nach dem ersten Auftauchen der politisch engagierten, richtigrummen Punkband in dieser Kriegskolumne.
Damals, nach acht Jahren und 49 Wochen Krieg, hatten wir von Hannes erfahren, ZSK-Crewmitglied, der unermüdlich mit dem Lastwagen ins überfallene Land fuhr, Hilfsgüter brachte, Flüchtende mit zurücknahm. Hannes, der beim Helfen eine ukrainische Punkband traf, Bezlad, deutsch: Chaos. Ukrainische Brüder, die Hannes fragten, ob er ein Mikro für sie habe, damit sie im Krieg weitersingen könnten. Eine Bruderband, für die die Berliner alsbald Kabel, Mikros, Saiten und einen Gitarrenverstärker kauften. Doch es blieb hart für Bezlad in Charkiw.
Es wurde härter für alle. ZSK hatte längst davon gesungen: „Unser Herz für die Sache / Unser Hass und unsre Wut im Bauch / Unsre Solidarität ist eine Waffe / Wir wissen ganz genau wie man sie gebraucht / Unsre Faust gegen Nazis / Unsre Hand für die, die mit uns kommen / Denn wir gehen diesen Weg nicht alleine.“
Zu wenige hatten zugehört, auch das: wie so oft. Und nun Yotam. „Man kann jetzt kaum etwas tun“, schrieben die Berliner Punks, israelerfahren durch ihre Auftritte im Land, solidarisch mit den israelischen Hardcorefreunden. „Aber wie wäre es, wenn weltweit Tausende Menschen plötzlich ihre Musik auf Spotify anhören?“ So geschah es. Selbst Die Ärzte, Brüder im Geiste und im Musikgenre, teilten den Aufruf, und binnen Tagen hatte Persephore nicht mehr 157 monatliche Hörerinnen und Hörer auf der Plattform, sondern 7500. Ob es helfen würde, wer wusste das schon, aber zuhören half stets besser als wegsehen. Es gab nicht viele ermutigende Nachrichten in diesen Zeiten, doch es gab sie.
