Psychologie

„Man darf Einsamkeit nicht als individuelles Problem sehen“

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Manche fühlen sich ausgerechnet in großen Menschenmengen besonders einsam.
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Die Psychologin Mareike Ernst über die Nöte vereinsamter alter und immer mehr junger Menschen, persönliche und gesellschaftliche Folgen sowie politische Strategien dagegen.

Frau Ernst, in rund 40 Prozent der Haushalte in Deutschland lebt nur jeweils ein Mensch – wer allein wohnt, ist aber natürlich nicht gleich einsam. Wie definieren Sie Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein Gefühl. Es geht um das innere Erleben – darum, ob die sozialen Bedürfnisse, die ich als Mensch habe, erfüllt sind. Man kann alleine leben oder sich selbst gewählt isolieren und damit sehr glücklich sein. Genauso kann es sein, dass man mit anderen zusammen ist, aber eine schmerzhafte Unverbundenheit spürt. Man kann sich auch inmitten großer Menschenmengen sehr einsam fühlen – vielleicht sogar gerade da.

Also völlig subjektiv. Gibt es Empfindungen, die alle Betroffenen haben?

Einsamkeit entsteht individuell. In derselben Situation kann der eine einsam sein und die andere nicht. Einsamkeit hat aber immer gemein, dass sie als schmerzhaft beschrieben wird. Aus wissenschaftlicher Sicht ist sie ganz klar ein negatives Empfinden – die Beziehungen, die ich gern hätte, stimmen nicht damit überein, was ich tatsächlich gerade habe. Im Deutschen wird der Begriff allerdings sehr unscharf verwendet. Im Englischen haben wir mehr Möglichkeiten: „loneliness“ ist eindeutig negativ und schmerzhaft, etwas Unangenehmes, dagegen steht „solitude“ für das schöne Alleinsein, das sich genießen lässt und mich entspannt. Dafür gibt es keine deutsche Entsprechung.

Lässt sich sagen, wie viele Menschen sich in Deutschland einsam fühlen?

Das ist sehr schwierig, es gibt keine klaren Kriterien wie bei Depressionen oder Angststörungen. Über den Daumen gepeilt würde ich die Zahl auf ein Fünftel der Bevölkerung schätzen. Je nach Erhebungsmethode wird zwischen anhaltender und vorübergehender Einsamkeit unterschieden. Etwa ein Zehntel der Menschen in Deutschland sagen in Umfragen, dass sie sich häufig oder sehr häufig einsam fühlen. Grundsätzlich ist jeder Mensch im Lauf seines Lebens wenigstens kurzzeitig mal einsam.

Das Klischee von den einsamen Alten, stimmt das noch? Studien zufolge sind immer mehr junge Menschen betroffen.

Die Forschung hat Einsamkeit anfangs als Problem des Älterwerdens betrachtet. Es ist aber klar, dass sehr viele alte Leute gut eingebunden und glücklich mit ihrem Sozialleben sind – man wird nicht zwingend einsamer, wenn man älter wird. Groß angelegte Untersuchungen, die die gesamte Lebensspanne in den Blick nehmen, zeigen erstens: Einsamkeit kann in jedem Lebensalter auftreten, und zweitens, es gibt zwei „Gipfel“. Der eine betrifft Menschen, die weit über 60 Jahre alt sind und bei denen sich Lebensereignisse wie der Tod von Partner:in oder Freund:innen häufen. Außerdem wird das Alleinleben im höheren Alter belastender; es ist ein großer Risikofaktor, wenn man nicht mehr mobil ist und kaum aus dem Haus kommt.

Und der zweite Gipfel?

Der beginnt mit der Pubertät. Soziale Beziehungen werden in diesem Alter wichtiger, es verstärkt sich womöglich das Gefühl, nicht dazuzugehören. Das kann quälend sein. Studien zeigen, dass die Einsamkeit in der Altersgruppe der „emerging adults“, der etwa 18- bis 30-Jährigen, in den vergangenen Jahrzehnten historisch angestiegen ist.

Psychologin Mareike Ernst.

Zur Person

Mareike Ernst (32) ist Psychologin. Sie forscht und lehrt psychodynamisch-orientierte Psychotherapieforschung am Institut für Psychologie der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in Österreich.

Woran liegt das?

Das könnte sich mit der Abkehr von traditionellen Lebensentwürfen erklären lassen wie früh heiraten, Kinder bekommen und dann ein Leben lang denselben Job machen. Die vielen Optionen und Freiheiten, die es heute gibt, sind toll – sie können junge Menschen aber auch unter Druck setzen und die Orientierung erschweren. Die Welt ist versprengter durch mehr berufliche Mobilität, mehr Unsicherheit in der Lebensplanung. Das scheinen Aspekte zu sein, die junge Menschen heute einsamer machen als früher.

Unser Wirtschaftssystem befördert die Vereinzelung?

Das könnte man so sagen. Einsamkeit ist sehr ungleich verteilt, das hat auch die Pandemie gezeigt. Man darf sie nicht als individuelles Problem sehen. Es liegt nicht nur an der Person, dass jemand einsam ist, sondern hat eben auch etwas mit der gesellschaftlichen Struktur zu tun, der Einbindung in die Umgebung, den Möglichkeiten, die im Stadtviertel bereitstehen.

Spielen da die Kategorien Stadt und Land eine Rolle?

Schwer zu sagen. Ich glaube nicht, dass es generell ein Gefälle gibt. Untersuchungen zeigen, dass manche Menschen in den Städten keine drei Nachbar:innen mit Namen kennen. Wenn man schlecht eingebunden ist, ist das Leben auf dem Land allerdings noch einschränkender. Egal ob Stadt oder Land, die Nachbarschaftsqualität spielt eine Rolle, und auch die Entfernung von öffentlich zugänglichen Einrichtungen und Flächen wie Parks, wo man nicht direkt Geld zahlen muss, um andere zu treffen und teilhaben zu dürfen.

Armut ist ein Risikofaktor.

Auf jeden Fall. Arme Menschen haben weniger Möglichkeiten, am sozialen Leben teilzunehmen. Wer sich für seine Wohnumgebung schämt, lädt weniger Leute zu sich nach Hause ein. Und gerade, wenn sie beruflich sehr eingebunden sind, haben ärmere Menschen auch weniger Zeit.

Gerade einsame junge Menschen haben das Gefühl, dass ihre Stimme nicht zählt.

Mareike Ernst

Welche Folgen hat die Einsamkeit?

Einsamkeit hängt sehr eng zusammen mit schlechterer psychischer Gesundheit – generalisierter Angststörung, sozialer Phobie, Depression, vor allem auch Suizidalität. Ausgehend vom sozialen Rückzug entsteht ein Teufelskreis: Man fühlt sich einsam, was wiederum schlechte Stimmung hervorruft. Manchmal ist es schwer zu sagen, was Henne ist und was Ei. Schwere psychische Erkrankungen können auch die Ursache für Einsamkeit sein, etwa Schizophrenie, die einen aus der Welt und dem Kontakt mit anderen aussperrt. In der Folge kann anhaltende Einsamkeit sehr negative körperliche Folgen haben, weil sie als Stressor wirkt: Der Blutdruck geht hoch, Herz-Kreislauf-Erkrankungen treten vermehrt auf, Diabetes, Demenz, kognitive Einschränkungen. Auch über schlechteres Gesundheitsverhalten steigen die Risiken für körperliche Erkrankungen, denn einsame Menschen ernähren sich schlechter, bewegen sich weniger, rauchen und trinken mehr.

Und wie wirkt sie sich auf die Gesellschaft aus? Es gibt Hinweise darauf, dass einsame Menschen anfälliger sind für autoritäres Gedankengut und Verschwörungsideologien.

Stichproben in Deutschland, den USA und den Niederlanden haben gezeigt, dass einsame Menschen seltener zur Wahl gehen als nicht einsame Menschen. Sie fühlen sich nicht wirklich als Teil der Gesellschaft. Ein Report mit dem Titel „Extrem einsam“ zeigt, dass gerade einsame junge Menschen das Gefühl haben, dass ihre Stimme nicht zählt, sie nicht gesehen werden, nichts mitentscheiden können. Sie neigen auch häufiger extremen politischen Einstellungen wie dem Autoritarismus zu. Auch da ist es schwer zu sagen, was zuerst da war, weil Einsamkeit natürlich auch mit Marginalisierung einhergeht. Wer chronisch einsam ist, interagiert wiederum anders mit der Welt. Studien zeigen, dass chronisch einsame Menschen Informationen anders verarbeiten, das heißt, dass sie zum Beispiel fast paranoide Züge entwickeln und etwa den Gesichtsausdruck anderer Menschen als negativer interpretieren, als andere das tun.

information und hilfe

Das Kompetenznetz Einsamkeit (KNE) ist ein Projekt des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. in Frankfurt. Es wird vom Bundesfamilienministerium gefördert.

Das Projekt beschäftigt sich mit den Ursachen und Folgen von Einsamkeit. Dazu verbindet es Forschung, Netzwerkarbeit und Wissenstransfer. Ziel ist es, alle Erkenntnisse zum Thema Einsamkeit zu bündeln und in die politische und gesellschaftliche Praxis einfließen zu lassen.

Weitere Infos finden Sie auf: www.kompetenznetz-einsamkeit.de

Dänemark hat eine nationale Strategie gegen Einsamkeit auf den Weg gebracht, in Deutschland wird auch an einer solchen gearbeitet. In Großbritannien gibt es seit 2018 ein Ministerium für Einsamkeit. Was kann – oder sollte – die Politik unternehmen?

Großbritannien ist da international am weitesten. Dort wird die Wissenschaft gefördert: Monitorings sollen zeigen, wie die Einsamkeit verteilt ist, wie sie sich verändert – etwa, ob sie in bestimmten Gruppen besonders ansteigt. Es werden auch gezielt lokale Initiativen gefördert, etwa das „social prescribing“: Den Menschen wird die Teilnahme an sozialen Events oder Aktivitäten verschrieben wie ein Medikament, an denen sie für einen kleineren Beitrag teilnehmen können.

Was für Initiativen hat Großbritannien noch auf die Beine gestellt?

Die Politik fördert verschiedene Programme. Zum Beispiel erklären sich Freiwillige bereit, mit einsamen Menschen telefonisch Kontakt aufzunehmen und sie zu betreuen. Es gibt groß angelegte Aufklärungskampagnen, die der Einsamkeit das Stigma nehmen sollen, denn wer sie als Makel sieht, traut sich vielleicht nicht, Hilfe zu suchen. Dann laufen Kampagnen in den sozialen Medien, zum Beispiel “#let’s talk loneliness“: Hier teilen Betroffene ihre Erfahrung, wie sie die Einsamkeit überwunden haben.

Und was wird in Deutschland getan?

Es gibt das Kompetenznetz Einsamkeit, das zum Beispiel Expertisen bereitstellt, aber auch Angebote lokaler Unterstützung zusammenfasst und Veranstaltungen organisiert, Diskussionen etwa. Einsamkeitsforschung läuft heute generell sehr partizipativ ab. Betroffene werden gefragt, welche Lebensveränderung am Anfang ihrer Einsamkeit stand. Oft ist das eine Trennung, ein Jobwechsel oder ein Umzug; das soziale Netz ändert sich und man muss neue Wege finden. Das ist für Menschen unterschiedlich leicht. Oder es geht darum, welche Angebote sie sich wünschen. Manche fühlen sich zum Beispiel in Gruppen unwohl und möchten lieber Eins-zu-eins-Hilfe. Einige Angebote sollen mehr Kontakte schaffen, was nicht immer hilfreich ist, weil es nicht um mehr Kontakte geht, sondern um welche, mit denen ich mich wohl fühle.

Stichwort Kontakte – welche Rolle spielen Digitalisierung und soziale Medien?

Das ist in der Forschung ein sehr kontroverses Thema. Bezogen auf den Anstieg bei den Jungen heißt es oft, die sind natürlich jetzt alle einsam, weil sie nur noch an ihrem Handy hängen. So einfach ist es nicht. Man weiß, dass Menschen, denen es nicht gut geht, häufig exzessiv Medien nutzen. Stundenlang etwa durch Instagram zu scrollen, ist keine wohltuende Beschäftigung, weil man denkt, das Leben der anderen sieht so toll aus und meines eben nicht. Eine solche eher passive Nutzung der sozialen Medien hält einen auch davon ab, irgendwo wirklich in Kontakt zu kommen. Es ist auch schlecht, wenn digitale Kontakte genutzt werden, um andere zu ersetzen, vielleicht weil sie einfacher zu steuern sind. Wer zum Beispiel etwas sozialphobische Züge hat, dem fällt es leichter, online Kontakte zu halten, weil die nicht zwingend synchron sind – wenn es mir zu viel wird, kann ich mit einem Klick wieder raus; in der Interaktion von Angesicht zu Angesicht kann man sich nicht so leicht entziehen.

Andererseits können Online-Communitys, in denen man sich aktiv austauscht, auch Kontakte schaffen.

Das stimmt. Leute zu identifizieren, die dieselben Interessen haben, kann sehr gut tun, gerade wenn regional vielleicht keine passenden Gruppen verfügbar sind. Es gibt Hinweise, dass eine digitale Interaktion eine „echte“ nicht komplett ersetzen kann, aber solche Online-Bekanntschaften können auch dazu dienen, analoge Kontakte anzubahnen. Hier muss man jedoch auch an die denken, die dadurch nicht erreicht werden. Gerade bei älteren Menschen gibt es bezogen auf soziale Medien noch Hürden, weil sie diese nicht so intuitiv nutzen können, oder auch weil sie vielleicht schlecht sehen oder hören. Da muss sich noch viel tun.

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