H5N1

„Wir spielen mit dem Feuer“: Harvard-Forscher sorgt sich vor Vogelgrippe-Pandemie

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Die Vogelgrippe-Fälle bei Milchkühen in den USA geben Fachleuten Anlass zur Sorge. Der Handlungsdruck ist groß, doch die US-Behörden reagieren aus Sicht mancher Experten zu langsam.

Boston – Das H5N1-Virus breitet sich unter Milchkühen in den USA aus – Forschende sind besorgt. Mittlerweile wurde das Vogelgrippevirus auch bei anderen Tieren, etwa bei Mäusen und Katzen, entdeckt. Nun schlägt der renommierte Harvard-Wissenschaftler Michael Mina Alarm und fordert, alle Möglichkeiten zu nutzen, die Ausbreitung einzudämmen.

Vogelgrippe-Fälle bei Tieren in den USA: „Sorge wächst, dass es auf den Menschen überspringt“

In den USA sprangen Vogelgrippe-Viren vermutlich von Wildvögeln auf Milchkühe über. Auch in Milchproben aus dem Supermarkt hatten Untersuchungen bereits Bestandteile des Virus entdeckt. Aufgrund der Pasteurisierung der Milch bestehe keine Ansteckungsgefahr für den Menschen, hieß es. Dennoch zeigt es, welche Kreise das Vogelgrippevirus in den USA bereits zieht. Mitte Juni meldete das Zentrum für Infektionskrankheitsforschung (CIDRAP), es gebe bereits 36 Fälle von positiv auf das H5N1-Virus getesteten Mäusen und vier Katzen.

Ausbreitung von H5N1 bei Milchkühen in den USA: Forscher zeigen sich angesichts der Ansteckungen der Tiere mit dem Vogelgrippevirus alarmiert (Symbolbild).

„Zu sagen, dass wir mit der H5N1-Vogelgrippe ‚mit dem Feuer spielen‘ ist eine Untertreibung“, kommentierte Epidemiologe Michael Mina auf der Plattform X (vormals Twitter). Man habe bisher jede Gelegenheit, um das Virus einzudämmen, ungenutzt gelassen, so der Harvard-Forscher weiter. „Meine Sorge, dass es auf den Menschen überspringt, wächst täglich – proportional zur Ausbreitung – und wir testen kaum darauf.“ Bislang wurde jedoch kein einziger Fall der Übertragung von Mensch zu Mensch nachgewiesen.

„Wir hätten die Übertragung schon vor Monaten einschränken können. Haben wir aber nicht“, kommentiert Mina in einem späteren Beitrag auf X. Recht viel haben die USA aus Sicht des Gesundheitsexperten aus der Corona-Pandemie offenbar nicht gelernt: Die USA würden bei den Tests auf H5N1 „wieder versagen“ und die Verwirrung bei den verschiedenen Gesundheitsbehörden sei so groß wie im Jahr 2020, so Mina in einem anderen Beitrag weiter. „Wenn wir in das Jahr 2019 und COVID zurückgehen könnten, würden wir alles tun, was wir können.“

Vogelgrippe-Fälle in den USA: „So etwas hat es vorher noch nicht gegeben“

In Deutschland hatte auch der Chef-Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten, ähnlich geäußert. „So etwas hat es vorher noch nicht gegeben, solche extrem großen Ausbrüche bei Kühen – alle Fachleute sind besorgt“, so der Experte zum Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Die Ausbreitung der Vogelgrippe unter Säugetieren könne auch „glimpflich ablaufen, das Virus braucht mehrere Schritte zur Anpassung, und vielleicht ist es vorher schon unter Kontrolle“, so Drosten weiter. „Aber es kann auch schon der Anlauf zu einer nächsten Pandemie sein, den wir hier live mitverfolgen.“

Derzeit sei nicht bekannt, wie häufig sich Menschen infizieren, die mit diesen infizierten Kühen zu tun haben, ergänzte der Experte. Laut Angaben des Robert-Koch-Instituts unter Bezugnahme auf Daten der Weltgesundheitsorganisation und der US-Gesundheitsbehörde CDC konnten in den USA bislang „einzelne H5N1-Infektionsfälle bei Menschen nachgewiesen“ werden, „die engen beruflichen Kontakt zu vermutlich infizierten Milchkühen hatten und mild erkrankt sind.“ Respiratorische Symptome oder Bindehautentzündungen wären bislang die Folgen gewesen, hieß es.

Als Maßnahmen schlägt Drosten vor, in den USA aktiv an der Eindämmung des Virus zu arbeiten: „Mit Quarantäne. Dass man also versucht, die infizierten Bestände zu isolieren; schaut, wo Menschen Kontakt hatten, ob sie Antikörper im Blut haben. Über bestimmte Hygienemaßnahmen nachdenkt. Und auch darüber, Kühe zu impfen.“ Die Zeit dafür rennt, glaubt auch der Epidemiologie Abraar Karan von der Stanford-Universität. „Sobald die saisonale menschliche Grippe wieder zunimmt, steigt auch das Risiko einer schlechten Durchmischung. Es ist der 1. Juli. Die Uhr tickt“, so der Experte auf X.

Rubriklistenbild: © Bihlmayerfotografie/Westend61/Imago

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