- VonStephan Klemmschließen
Als die Polizei Jamies Haus stürmt, glauben die Eltern an eine Verwechslung. Aber es ist wahr: Jamie hat seine Klassenkameradin Katie abgestochen. Das Motiv scheint eindeutig.
Zu Beginn, es ist 6.15 Uhr, kracht und donnert es im Kinderzimmer des 13-jährigen Jamie, eine Sondereinheit der Polizei ist lautstark ins Haus eingedrungen, eine Maschinenpistole ist auf ihn gerichtet. Jamie lehnt sich, hysterisch aufgeschreckt in seinem Bett sitzend, an die Wand, gesucht wird offenbar ein Schwerverbrecher. Gesucht wird er, Jamie Miller. Seine Eltern und seine Schwester sind fassungslos, panisch, hilflos. „Ihr seid im falschen Haus“, schreit Eddie Miller, der Vater. „Dad“, schreit Jamie Miller.
Wir befinden uns in Teil eins und an Tag eins der spektakulären Netflix-Serie „Adolescence“. Sie ist ein weltweiter Erfolg, mehr als 100 Millionen Abrufe bisher, dabei ist dieser Thriller erst seit dem 13. März zu sehen. Ein gigantischer Erfolg ist das jetzt schon für den Streamingdienst, und es ist absehbar, dass diese Miniserie von vier Teilen à eine Stunde noch erfolgreicher werden wird. Weil sie die Lebenswelt von Jugendlichen und Eltern berührt, mithin die Gegenwart. Und das vermeintliche Idyll abseits des Computers im Kinderzimmer, der Jugendliche hineinführt in eine bisweilen kranke Welt, in der sie teuflische Dinge wahrnehmen, erleben und als real abspeichern.
Jamie Miller – sensationell gespielt von Owen Cooper – wird auf ein Polizeirevier transportiert und dort vernommen. Er beteuert seine Unschuld. Schwer aushaltbar sind diese Szenen. Eine Frage schwebt im Raum: Was ist hier los?
Was hier los ist, wird bald klar, und es ist kein Spoiler, zu erwähnen, dass Jamie seine Mitschülerin Katie mit sieben Messerstichen am Vorabend auf einem Parkplatz ermordet hat. Denn diese brutale Tat wird vorausgesetzt für das, was in „Adolescence“ folgt. Ein Überwachungsvideo liefert den Beweis. Es liegt keine Verwechslung vor, kein falsches Haus. Jamie war es. Er ist der Täter. Ein Mörder. Mit 13.
Um diese Tat geht es in dieser Tragödie nicht in allererster Linie. Es geht vielmehr um die Umstände, die dazu führen konnten, dass sich ein Junge, der in den ersten Szenen als kleines, ängstliches, sich einnässendes Kind vorgestellt wird, mit dem Messer in der Hand verhält wie ein abgebrühter Killer. Dazu passt, dass das Opfer und seine Eltern in der Serie ausgeklammert werden. Es geht nur um den Täter und dessen Familie.
Was passiert gerade in dieser Welt? Das fragte sich Stephen Graham, der Jamies Vater Eddie spielt. Der Schauspieler beteiligte sich am Drehbuch, das er mit Jack Thorne verfasst hat. Graham sagte der BBC: „Ich wollte wissen, was in einer Gesellschaft los ist, in der solche Vorfälle zur Gewohnheit werden.“ Messerangriffe von Kindern gegen Kindern, mit tödlichem Ausgang. Und weiter: „Was geschieht in der Gesellschaft, wenn ein Junge ein Mädchen ersticht? Was ist das auslösende Ereignis?“
Es passierte wieder. Und wieder. Und wieder.
Diese Frage stellte er sich nach drei furchtbaren Verbrechen, bei denen junge Mädchen von nicht viel älteren Jungs, einmal waren sie auch jünger, mit einem Messer getötet wurden. „Young boys“, sagt Graham, seien die Täter gewesen: „Und dann passierte es wieder. Und es passierte wieder. Und es passierte wieder.“
Aber zunächst, in Teil zwei, Tag drei nach dem Mord, besuchen die Ermittler Luke Bascombe (Ashley Walters) und Misha Frank (Faye Marsay) Jamies Schule. Ein chaotischer Ort, Mobbing ist dort allgegenwärtig, eines der Opfer ist Adam Bascombe (Amari Bacchus), der Sohn des Detectives. Nichts habe er verstanden, sagt Adam seinem Vater, als er ihn in der Schule unter vier Augen spricht, in einem Schlüsselmoment dieser Serie. Denn: „Du verstehst nicht, was da läuft. Was da abgeht. Insta.“
Der Detective geht den Fall konventionell an, doch das ist hier so falsch wie ein Schneesturm im Sommer. Denn jetzt klärt Adam seinen Vater über die Hintergründe der Tat auf, die Bedeutung von Emojis unter Kommentaren und Postings. Sie erscheinen harmlos. „Blaue Pille bedeutet: lebt in einer Scheinwelt“, sagt Adam. „Rote Pille: Ich sehe die Wahrheit.“ Dann komme die 80:20-Regel ins Spiel. Luke Bascombe sagt: „Adam, das kann mein Gehirn nicht verarbeiten.“
Adam erklärt die Regel, und damit sind wir im Spiel: „80 Prozent der Frauen fühlen sich zu 20 Prozent der Männer hingezogen.“ Und: Katie sage, „Jamie ist ein Incel, Dad.“ Diese Aussage werde für immer bleiben, viele hätten das mit einem Herz kommentiert, „und das heißt, sie sind Katies Meinung“.
Incel steht für „involuntarily celibate“, unfreiwillig zölibatär, nicht vermittelbar, zu unattraktiv, Jungfrau auf ewig. Jamie interessierte sich für Katie, sie sich aber augenscheinlich nicht für ihn. Schlimmer noch, sie mobbt ihn in den sozialen Medien. „Jeder weiß es, Dad“, sagt Adam. Jeder weiß, dass Katie ihren späteren Mörder unattraktiv findet, dass sie ihn für einen Incel hält.
Gegen die grassierende Form von toxischer Männlichkeit, wie sie etwa der in einen Testosteron-Kessel gestürzte, gefährliche Influencer Andrew Tate verbreitet, müsse etwas getan werden, forderte nach Ansicht der Serie zuletzt der britische Premierminister Keir Starmer. Er habe sich „Adolescence“ mit seiner Frau, seinem Sohn (16) und seiner Tochter (14) angesehen. Er sagt: „Nur, indem wir zuhören und von den Erfahrungen junger Menschen und Wohltätigkeitsorganisationen lernen, können wir die Probleme angehen, die diese bahnbrechende Serie aufwirft.“
Eine Fiktion soll demnach mit helfen, eine Situation zu bewältigen, die Politiker wie Starmer nicht in den Griff bekommen. Es ist eine schwere, bestürzende Thematik, die sich hier auftut, Mobbing und Rache, gekränkte, männliche Eitelkeit und Gewalt, Mord an einer jungen Frau. Alles auf einmal.
In Teil drei wird in Form eines Kammerspiels zunehmend deutlich, wie Jamie tickt, was ihn umtreibt, welche Wallungen in ihm toben. Es treten auf: Jamie und eine Psychologin, die ein Gutachten über den Jungen verfassen soll. Jamie rastet aus, mehrfach, weil er sich nicht angemessen beachtet fühlt, hintergangen, reingelegt. Dabei stellt die Psychologin nur normale, nur die richtigen Fragen.
Längst schon entfaltet hier die formidable Kameraführung und -fahrt ihre großartige Wirkung. Die einzelnen Teile kommen ohne Schnitt aus, sie sind ein einziger, 60 Minuten langer Take, ein seltener Kunstgriff, diesmal angewendet von Regisseur Philip Barantini. Diese Form macht diese Serie nur noch sehenswerter.
„Wir hätten es sehen müssen. Und wir hätten es stoppen müssen“, sagt Jamies Mutter in Teil vier. Doch wie? Und womit? Es sind auch diese Fragen, die im Raum stehen bleiben, nachdem die Kamera dieser mitreißenden Serie ihre Fahrt beendet hat.
Adolescence, vier Teile
à 60 Minuten laufen bei Netflix.