VonJoachim Willeschließen
Invasive Arten bedrohen weltweit heimische Tiere und Pflanzen, mitunter auch die Gesundheit der Menschen. Aber es gibt wirksame Strategien dagegen, wie der Bericht des Weltbiodiversitätsrates zeigt.
Der bekannteste Fall, in welchem Ausmaß eine invasive Art ihre neue Umgebung zu verändern vermag, ist die Wasserhyazinthe. Am Viktoriasee in Ostafrika nennt man sie die „grüne Pest“. Die eingeschleppte Pflanze hat sich dort seit den 1980er Jahren so stark ausgebreitet, dass es im Wasser an Sauerstoff und Licht fehlt. Fischer verlieren ihre Lebensgrundlage, die Energiegewinnung mit Turbinen wird behindert, und Malariamücken können sich rasant ausbreiten.
Die weltweit am zweit- und drittstärksten verbreiteten Arten, die weitreichende Auswirkungen auf Mensch und Natur haben, sind eine Landpflanze und ein Nagetier: Lantana („Lantana camara“, auch Wandelröschen genannt), ein blühender Strauch, der sich in Teilen Südafrikas und Australiens extrem auf Weiden und in Wäldern ausbreitet, sowie die als Krankheitsüberträger gefürchtete Schwarze Ratte („Rattus rattus“, Hausratte), die ursprünglich aus Ostasien stammt, inzwischen aber auf allen Kontinenten außer Antarktika und auf fast allen größeren Inseln oder Inselgruppen vorkommt.
Das Problem der Pflanzen- und Tierarten, die sich in anderen als ihren angestammten Gebieten ausbreiten, ist offenbar größer als allgemein bekannt. Laut einem neuen Report des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) wurden durch menschliche Aktivitäten mehr als 37 000 gebietsfremde Arten in andere Regionen auf der ganzen Welt eingeführt. Über 3500 davon stellten dort eine ernsthafte Bedrohung dar, weil sie die ursprüngliche Natur und die Lebensqualität der Menschen bedrohten. „Die invasiven gebietsfremden Arten werden allzu oft ignoriert, bis es zu spät ist, und stellen für die Menschen in allen Regionen und Ländern eine große Herausforderung dar“, urteilt der Rat.
Der Bericht wurde am Montag in Bonn vorgestellt, er war dort am Wochenende bei einem Treffen von Vertreter:innen der 143 IPBES-Mitgliedstaaten angenommen worden. IPBES steht für „Zwischenstaatliche Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen“, es handelt sich um ein internationales Gremium zur wissenschaftlichen Politikberatung für das Thema biologische Vielfalt, vergleichbar mit dem Weltklimarat IPCC. Der Rat liefert den Input für die UN-Naturschutzgipfel, Sitz seines Sekretariates ist Bonn. Der Bericht wurde von 86 Fachleuten aus 49 Ländern in mehr als viereinhalbjähriger Arbeit erstellt.
Die Gesetzeslage
Laut dem Weltbiodiversitätsrat IPBES ist bei den Regierungen weltweit zwar ein hohes Bewusstsein bezüglich der Gefahren invasiver Arten vorhanden, es wird jedoch kaum danach gehandelt. So hätten 80 Prozent der Länder in ihren Biodiversitäts-Plänen Ziele für den Umgang mit diesen Arten, aber nur 17 Prozent verfügten über entsprechende Gesetze oder Verordnungen. Laut Bericht investieren 45 Prozent aller Länder nicht in das Management biologischer Invasionen. jw
Oftmals haben Menschen in der Vergangenheit gebietsfremde Arten absichtlich eingeführt, um sich Vorteile zu verschaffen, etwa in der Landwirtschaft. Insgesamt aber, so der neue Report, überwiegen die negativen Auswirkungen der invasiven Arten für die Natur. „Invasive gebietsfremde Arten waren ein Hauptfaktor für 60 Prozent und der einzige Auslöser für 16 Prozent des weltweiten Aussterbens von Tieren und Pflanzen, die wir erfasst haben“, erläuterte Professor Anibal Pauchard aus Chile, Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe, die den Bericht erstellte. Als Beispiele nannte er den nordamerikanischen Biber („Castor canadensis“) und die Pazifische Auster („Magallana gigas“), die fremde Ökosysteme veränderten – mit schwerwiegenden Folgen für einheimische Arten.
Die Folgen für die Menschen sind laut dem Report ebenfalls dramatisch. Stichworte: Nahrungsmittelproduktion und Krankheitsübertragung. Fast 80 Prozent der dokumentierten Auswirkungen invasiver Arten auf den Beitrag der Natur für den Menschen seien negativ, vor allem durch die Schädigung der Nahrungsmittelversorgung. Als Beispiel verweist der Rat auf die Europäischen Strandkrabbe („Carcinus maenas“), die die kommerziellen Muschelbänke in den Neuengland-Bundesstaaten in den USA beeinträchtigt, und die Karibische Miesmuschel („Mytilopsis sallei“), die in Indien Schäden an den lokal wichtigen Fischereiressourcen verursacht. „In ähnlicher Weise beeinträchtigen 85 Prozent der dokumentierten Auswirkungen die Lebensqualität der Menschen – zum Beispiel durch gesundheitliche Folgen, einschließlich Krankheiten wie Malaria, Zika und West-Nil-Fieber, die durch invasive gebietsfremde Mückenarten wie Aedes albopictus und Aedes aegyptii verbreitet werden“, so der Weltbiodiversitätsrat.
Die Autor:innen des Berichts betonen allerdings, dass nicht alle gebietsfremden Arten „invasiv“ und damit gefährlich werden, es trifft „nur“ auf etwa sechs Prozent der eingeschleppten Pflanzen, elf Prozent der Mikroben, 14 Prozent der Wirbeltiere und 22 Prozent der wirbellosen Tiere zu. Trotzdem sind die Folgen offenbar auch ökonomisch bedeutsam: Die weltweiten Folgekosten schätzt der Rat auf mehr als 423 Milliarden US-Dollar (Datenbasis 2019), eine Vervierfachung gegenüber den 1970er Jahren. Erwartet wird, dass sich die Lage noch verschärft. So warnt der Rat davor, dass invasive Pflanzen in einer durch den Klimawandel wärmeren Welt zu mehr Bränden führen könnten, wodurch noch mehr CO2 in der Atmosphäre freigesetzt würde.
Positiv hervorgehoben wird in dem Bericht, dass weitere Bio-“Invasionen“ verhindert werden können. Pauchard sagte: „Die gute Nachricht ist, dass es für fast jeden Kontext und jede Situation Managementinstrumente, Steuerungsoptionen und gezielte Maßnahmen gibt, die wirklich funktionieren.“ Der Report nennt zum Beispiel streng durchgesetzte Einfuhrkontrollen und eine rasche Reaktion auf die Ausbreitung gebietsfremder Arten, was besonders für Meeres- und Gewässersysteme wichtig sei. Bei einigen invasiven Arten habe sich auch die nachträgliche Ausrottung als erfolgreich erwiesen, vor allem in isolierten Ökosystemen wie Inseln. In Französisch-Polynesien zum Beispiel ist es danach gelungen, die Schwarze Ratte wieder zu beseitigen, die die dortigen Seevögel bedrohte. Laut der US-amerikanischen NGO „Island Conservation“, die sich um Biodiversität auf der Insel kümmert, gab es weltweit bisher über 1200 Versuche, invasive Säugetiere auszurotten – die Erfolgsrate liege bei 85 Prozent, heißt es dort.


