VonPamela Dörhöferschließen
Herausforderungen und Lehren aus der Pandemie: Fachleute – darunter Christian Drosten – diskutieren bei einem Symposium an der Frankfurter Uniklinik.
Frankfurt – Zwei positive Aussagen machte Christian Drosten dann doch: Die Pandemie sei vorbei, weil es in der Bevölkerung inzwischen eine „Hybridimmunität“ – durch Impfung und Infektion – gebe, die auch vor Mutationen des Virus schütze. Und: In dieser Generation werde man vermutlich keine Pandemie dieser Schwere mehr erleben; deshalb solle man statt in kurzfristige Interventionspläne lieber mehr in Grundlagenforschung investieren. Lehren aus der gerade überstandenen Pandemie? Politik und Medien müssten solche ziehen, findet Drosten. Für die Wissenschaft sei das wegen der Verschiedenartigkeit von Erregern schwierig. „Wir können ein Virus haben, das sich ganz anders verhält. Es kann auch sein, dass Begleiterkrankungen viel stärker in Erscheinung treten.“
Drosten, in der Pandemie berühmt gewordener Virologe der Berliner Charité, war der „Stargast“ eines hochkarätig besetzten Symposiums mit dem Titel „Herausforderungen und Lehren aus der Pandemie“ am Montag an der Frankfurter Uniklinik; eingeladen dazu hatte der hessische Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne). „Wir haben in diesen drei Jahren viel gelernt“, sagte der Gastgeber zur Begrüßung. Was Erkenntnisse medizinisch-wissenschaftlicher Natur anging, so brachten die Referate und Diskussionsrunden kaum Neues. Auch die meisten Einschätzungen dazu, was in Deutschland gut lief und was schlecht während der Pandemie, waren bereits zu hören. Doch die Veranstaltung warf ein Schlaglicht darauf, welche Gräben entstanden sind, welche Wunden, in der Gesellschaft und bei Einzelnen – und sie machte deutlich, wie viel bisher nicht aufgearbeitet wurde.
Virologe Christian Drosten wirkt auf Corona-Symposium fast bitter
Geradezu beispielhaft dafür erschien der Auftritt von Christian Drosten. Der Berliner Virologe war eines der prominentesten Gesichter der Pandemie, deren Geschehen er als Berater der Regierung auf Bundespressekonferenzen und in einem regelmäßigen Podcast erklärte. In Frankfurt wirkte er angefasst, in einigen Momenten fast bitter. Von einigen als nahezu unfehlbare Instanz verehrt, hatte Drosten auch wüste Beschimpfungen bis hin zu Hass erfahren müssen. Unabhängig von übelsten Entgleisungen, wie sie insbesondere in den sozialen Medien stattfanden, teilten jedoch auch nicht alle in Wissenschaft, Politik und Medien die Ansichten Drostens.
Sein Vortrag „Wellen und Varianten“ hatte stellenweise etwas von Rechtfertigung und Abrechnung. Drosten arbeitete sich ab an „vielen Trugschlüssen“, an „eitlen Selbstdarstellern“ vornehmlich in Talkshows, an „unguten Entwicklungen“, an nicht näher definierten „Interessen und bestimmten Agenden“ dahinter, an Falschaussagen aus seiner Sicht. Das fing an mit dem häufig bemühten Vergleich mit der Grippe, der nicht gerechtfertigt sei, da Influenzaviren viel enger untereinander verwandt seien als Sars-CoV-2 mit anderen Coronaviren, was es „viel einzigartiger“ für das Immunsystem mache.
Nächster Punkt war der Lockdown – der in Deutschland während der ersten Welle 60 000 Leben gerettet habe, während etwa in Großbritannien viel mehr Menschen gestorben seien. Die erhöhte Sterblichkeit während der zweiten Welle hatte laut Drosten mit der „unseligen Debatte“ zu tun, „ob es überhaupt eine Winterwelle geben werde“. Damals seien „politische Fehler“ gemacht, „Wissenschaftszweifel und gesellschaftliche Zwietracht“ gesät und „sehr viel Schaden“ angerichtet worden.
Christian Drosten: Corona-Variante Omikron war nicht mild
Etwas, für das Drosten auch von Kolleginnen und Kollegen nicht nur Zustimmung erhielt, war seine Einschätzung der Rolle von Kindern für das Infektionsgeschehen. Der Virologe bekräftigte erneut, dass seiner Erkenntnis nach Kinder sehr wohl daran beteiligt gewesen seien. In Bezug darauf, dass es zuletzt viel Kritik an den langen Schulschließungen gab, erklärte Drosten, in anderen Ländern habe das noch viel länger gedauert, etwa in Dänemark, Österreich und Israel.
Als falsch bewertet er auch die Aussage, dass Omikron mild gewesen sei. Die Krankheitslast sei nur deshalb geringer ausgefallen, weil so viele geimpft waren. Einen Seitenhieb teilte Drosten gegen seinen Kollegen Hendrik Streeck aus, auch wenn er dessen Namen nicht nannte: Was man aus der Heinsberg-Studie und deren Beobachtung, „dass das Singen im Karneval zur Verbreitung beigetragen hat“, für das normale Leben ableiten solle, fragte er in süffisantem Ton. Mit Blick auf die bis heute andauernden gesellschaftlichen Risse sagte Drosten: „Wir müssen noch lange daran arbeiten, um das wieder zusammenzubekommen.“
Tiefpunkte in der Kommunikation während der Corona-Pandemie
Auch Sandra Ciesek, Leiterin des Instituts für Medizinische Virologie an der Frankfurter Uniklinik, sprach von Tiefpunkten in der Kommunikation während der Pandemie – allerdings habe sie in Hessen die Zusammenarbeit mit der Politik immer als transparent erlebt. Kritik übte sie an den wenigen Möglichkeiten für klinische Studien in Deutschland und dem mangelnden Zugriff auf große Datensammlungen; etwas, das auch in anderen Bereichen der Medizin beklagt wird. Ciesek teilte Drostens Unmut über Talkshows während der Pandemie. Dort seien „Position und Gegenposition“ aufeinandergetroffen, Laien hätten schwer erkennen können, „wer Recht hat“, der Zuhörer suche sich dann „die Meinung aus, die ihm besser gefällt“.
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Der Paläontologe Volker Mosbrugger, langjähriger Direktor der Senckenberg Gesellschaft für Naturkunde, bewertet das anders: „Ich finde, es lief nicht schlecht mit der Kommunikation. In einer Demokratie darf jeder sagen, was er will.“ Damit müsse man leben, überdies sei ein „gesundes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft“ angebracht. Das Ergebnis des deutschen Pandemiemanagements findet er nicht schlecht, sondern „erwartbar“. Der größte Fehler aus seiner Sicht war und ist, dass nicht „in Systemen“ gedacht werde. Eine Pandemie sei nicht allein ein medizinisches Problem, sondern betreffe auch die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Umwelt, sagte Mosbrugger. (pam)
