Colin Crouch

Politikwissenschaftler über AfD-Erfolg: „Immer gedacht, dass Deutschland gegen diese Entwicklung gefeit ist“

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Auch Deutschland hat ein Problem mit Rechtsextremismus. Überreste einer Demonstration.
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Politikwissenschaftler Colin Crouch über Deutschland als gefestigte Demokratie, die Erfogle der AfD und den möglichen Bedeutungsverlust der SPD.

Professor Crouch, wenn man von außen auf Deutschland nach der Wahl blickt, wirkt das Land mit einer Wahlbeteiligung von 83,5 Prozent wie eine stabile Demokratie.

Im Vereinigten Königreich lag die Wahlbeteiligung 2024 bei nur 59 Prozent – von 83,5 Prozent können wir nur träumen! Deutschland erscheint von außen betrachtet als gefestigte Demokratie mit einer außergewöhnlich hohen Wahlbeteiligung.

Fast 21 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben die AfD gewählt – wie bewerten Sie diese für Deutschland hohe Zahl?

Bis zu dieser Wahl war die AfD vor allem ein ostdeutsches Phänomen – nachvollziehbar angesichts der historisch unterschiedlichen Erfahrungen der DDR und der alten Bundesrepublik. Doch nun hat die Partei im Westen fast so viele Stimmen erhalten wie die SPD und in Bayern sogar mehr als diese. Das zeigt: Deutschland steht vor demselben Problem mit dem Rechtsextremismus wie fast alle europäischen Länder – wenn auch in geringerem Maße als die USA. Ich hatte immer geglaubt, dass Deutschland durch seine demokratische Bildung gegen diese Entwicklung gefeit sei. Bemerkenswert ist zudem, dass die AfD bei jungen Wählern stärker war als bei älteren. Interessant ist auch, dass Migration laut Umfragen nicht das entscheidende Thema war, sondern wirtschaftliche Unsicherheit und der Lebensstandard. Doch gerade die Kombination aus wirtschaftlicher Angst und Migrationsdebatten ist toxisch. Die AfD war in wirtschaftlich erfolgreichen Städten und Regionen schwach – ein Muster, das sich in vielen europäischen Ländern und den USA wiederholt.

Wie sehen Sie die Zukunft der SPD? Die ehemalige Volkspartei hat bei dieser Wahl so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor. Wird sie in der Bedeutungslosigkeit verschwinden?

In ganz Westeuropa verlieren sozialdemokratische Parteien ihre frühere Stärke. Die klassische Industrie- und Bergbauarbeiterschaft ist stark geschrumpft, und viele der verbliebenen Arbeiter sehen nur noch den Niedergang – ein fruchtbarer Boden für den Rechtsextremismus. Gleichzeitig gibt es eine wachsende Kluft zwischen dieser Gruppe und den gut ausgebildeten Angestellten sowie Beamten, die eher progressiv und weltoffen denken. Möglicherweise muss die SPD – wie es in Frankreich und den Niederlanden beginnt – neue Bündnisse schmieden: zwischen Sozialdemokraten, Grünen, kleineren linken Parteien und sozialliberalen Kräften, die derzeit keine politische Heimat haben. Bemerkenswert ist, dass die SPD mehr Stimmen an die Grünen und die Linke verloren hat als an die AfD.

Wie kann die SPD unter einer CDU-geführten Regierung wieder Profil gewinnen?

Zur Person

Colin Crouch, Jahrgang 1944, studierte Soziologie an der London School of Economics und promovierte in Oxford. Er hatte Lehrstühle in Oxford und am Europäischen Hochschul- institut in Florenz inne. Seit 2005 ist er Professor für

Governance and Public Management an der University of Warwick. Er ist Autor von „Postdemokratie“. 2021 erschien „Postdemokratie revisited“.

Das ist eine Herausforderung, die wir aus der Vergangenheit kennen. Die SPD muss klar machen, dass sie weiterhin für soziale Gerechtigkeit und den Erhalt starker öffentlicher Dienstleistungen kämpft – auch innerhalb einer Koalition. Entscheidend wird sein, ob eine große Koalition wirtschaftliche Stabilität und mehr Sicherheit gewährleisten kann. Gelingt das, könnten CDU und SPD zusammen Wähler von der AfD zurückgewinnen.

Ist Friedrich Merz nun der wichtigste Mann in Europa?

Ja, er ist jetzt der wichtigste Mann in Europa. Er hat vier Jahre Amtszeit – mehr als Macron. Zudem steht Deutschland als stärkste Wirtschaftsmacht im Zentrum der EU, während der britische Premier Starmer in Brüssel keine direkte Rolle spielt.

Hat Merz eine Chance, Trump wieder näher an Europa heranzuführen?

Nein. Trump interessiert sich kaum für Europa. Seine Prioritäten sind: Erstens er selbst, zweitens die geopolitische Macht der USA, drittens der Wettbewerb mit China.

Wie groß ist die Gefahr, dass die AfD in vier Jahren stärkste Kraft wird?

Der Rechtsextremismus ist in vielen Ländern auf dem Vormarsch. In Ungarn, Italien, den Niederlanden, der Slowakei und den USA sind Rechtsaußenparteien bereits an der Macht. In Deutschland, Österreich, Frankreich, Schweden und Großbritannien stehen sie vor der Tür. In Schweden arbeiten die Konservativen mit den Rechtsextremen zusammen, in den Niederlanden bereits die Liberalen. In den USA und Großbritannien sind die konservativen Parteien selbst stark nach rechts gerückt. Deutschland hat diese Entwicklung bisher abgewehrt – doch ob das so bleibt, ist ungewiss.

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