VonSebastian Borgerschließen
Ein Spaceport auf der nördlichsten Insel des Shetland-Archipels soll zum britischen Cape Canaveral werden.
Wer den nördlichsten Punkt des Vereinigten Königreiches erreichen will, braucht Zeit und Geduld. Das Fährschiff vom nordschottischen Ölhafen Aberdeen braucht zwölf Stunden zum Hafen von Lerwick, dem Hauptort der Shetland-Inseln. Erst gut anderthalb Autostunden und zwei kurze Fährfahrten später kommen die Reisenden auf der Insel Unst an. Dort gibt es ein Kulturzentrum und ein Wikingermuseum, das an die Vorfahren der heutigen Einwohnerinnen und Einwohner erinnert. Die meisten Gäste wollen irgendwann auch zum Aussichtspunkt mit dem wunderlichen Namen Muckle Flugga. Wer dort geradeaus schaut, hat den Nordpol vor sich.
Zu den Touristenattraktionen der Insel mit dem „mystischen Charisma“, von dem die Tourismusbehörde schwärmt, zählt auch eine Radarstation auf dem mit 290 Meter höchsten Punkt der Insel – und neuerdings ein Raumfahrt-Bahnhof. Kurz vor Weihnachten hat die zuständige Behörde für Zivilluftfahrt CAA dem Spaceport SaxaVord, malerisch auf der Halbinsel Lamba Ness gelegen, die Genehmigung erteilt. Damit hat Unst im Wettrennen um den ersten lizenzierten Ort, von dem aus Raketen vertikal gezündet werden können, in Westeuropa nun die Nase vorn. Schon in diesem Jahr sollen vom „britischen Cape Canaveral“ aus erste Raketen starten.
Eigentlich hatten die SaxaVord-Besitzer:innen, das Ehepaar Debbie und Frank Strang, an Öko-Tourismus gedacht, als sie der Royal Air Force vor 15 Jahren das Gelände einer früheren Radarstation abkauften. Seither hat die privat organisierte kommerzielle Raumfahrt an Bedeutung gewonnen. Abgelegene Orte wie Unst, nördlicher als St. Petersburg und etwa auf gleicher Höhe mit Anchorage in Alaska gelegen, haben dabei gute Chancen, weil von hier aus die Flugroute zu einer polaren Umlaufbahn günstig gelegen ist. „Location, location, location“, nennt Strang denn auch als Geheimnis für einen künftigen Geschäftserfolg. Sein Team sei „sehr stolz auf das Vertrauen der Regierung“, das sich in der Genehmigung ausgedrückt habe. Schon sieht der Londoner Verkehrsminister Mark Harper das Königreich „in der vordersten Reihe von Innovationen in der Raumfahrt“.
Gemach, gemach. Ähnlich große Töne spuckten die Brit:innen zu Jahresbeginn 2023, als vom Spaceport Cornwall aus ein horizontaler Start von einem Trägerflugzeug aus erprobt wurde. Die teure Rakete verschwand samt Traglast im Atlantik, das verantwortliche Unternehmen Virgin Orbit ging prompt pleite.
Die britische Raumfahrtagentur UKSA lässt sich davon nicht entmutigen. Erst kürzlich stellte sie Unst sowie vier weiteren möglichen Spaceports in Schottland neue Fördermittel von 7,7 Millionen Euro in Aussicht. Die Raumfahrt gilt als zunehmend wichtige Zukunftsbranche. Schon heute beschäftigen im Königreich rund 2200 Firmen insgesamt knapp 49 000 Menschen und machen dabei einen Umsatz von 20,2 Milliarden Euro. Satelliten jeder Größe werden hier hergestellt, mussten aber für ihren Transport ins Weltall bisher stets exportiert werden. Ein oder mehrere heimische Spaceports würden also eine wichtige strategische Lücke schließen.
Auf Unst träumt SaxaVord-Projektmanagerin Elizabeth Johnson schon von „Arbeitsplätzen für die nächsten 50,60 Jahre“. In den vergangenen Jahren mussten viele junge Leute die Insel verlassen, weil ihnen die wirtschaftliche Grundlage fehlte. Dazu trug auch die Schließung der gewaltigen RAF-Radarstation von SaxaVord bei, die einst bis zu einem Drittel der Inselbevölkerung von rund 700 Menschen beschäftigte. Dass ausgerechnet auf diesem Gelände nun wieder Betrieb herrscht, freut Johnson. Sie hoffe darauf, hat die Managerin der „BBC“ gesagt, „dass wir wieder lokale Arbeitskräfte beschäftigen können“.
Doch zunächst müssen die Reisen in die erdnahe Atmosphäre und darüber hinaus gelingen. Die Hoffnungen der Menschen auf Unst ruhen dabei unter anderem auf einem deutschen Unternehmen mit Sitz im schwäbischen Neuenstadt. HyImpulse möchte 2024 seine sub-orbitale Rakete SR75 von Unst aus starten, die CAA-Genehmigung dafür liegt bereits vor. Wenn alles gut geht, wäre dann 2025 die Rakete SL1 mit einem Traggewicht von bis zu 500 Kilo für echte Weltraumflüge an der Reihe. Zur möglichen SaxaVord-Kundschaft zählen außerdem die deutsche Rocket Factory Augsburg (RFA) sowie die in der schottischen Hauptstadt Edinburgh ansässige Firma Skyrora.
Deren Technikerinnen und Ingenieure haben in den vergangenen Monaten die wilde Schönheit von Unst kennengelernt. Für einen erfolgreichen Start werden sie einen der seltenen einigermaßen windstillen Tage im Nordatlantik abwarten müssen. Die Unster Radarstation maß einst den britischen Rekord für eine Windbö bei 317 Stundenkilometern. Kurz darauf fiel das Messgerät dem heulenden Orkan zum Opfer.

