Am 28. August 1963 hielt Martin Luther King seine berühmteste Rede. Doch seine Visionen in „I have a dream“ sind niemals Realität geworden.
Der 28. August 1963 ist einer der Höhepunkte der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. An diesem Tag zogen circa 250 000 Demonstranten nach Washington, auf die Mall vor das Lincoln Memorial. Die Veranstaltung hieß „March on Washington for Jobs and Freedom“.
Veranstalter waren eine ganze Reihe afroamerikanischer Bürgerrechtsgruppen, Gewerkschafter und Vertreter christlicher Kirchen und jüdischer Organisationen. Die Veranstalter hatten die Demonstration auf einen Mittwoch gelegt, damit Christen, Juden und Muslime daran teilnehmen konnten, ohne gegen ihre religiösen Feiertagsgebote verstoßen zu müssen. Mit dabei waren u. a. auch Joan Baez, Harry Belafonte, Bob Dylan, Charlton Heston, Mahalia Jackson, Odetta, Peter, Paul and Mary und Sidney Poitier. Über den zivilen Kommunikationssatelliten Telstar 2, der erst im Mai 1963 eingerichtet worden war, wurde der Marsch auf Washington weltweit im Fernsehen übertragen. Der 28. August 1963 ist auch ein Datum in der Geschichte medialer Globalisierung. Nach der Veranstaltung waren deren Redner Gäste von Präsident John F. Kennedy im Weißen Haus.
Der Höhepunkt der Veranstaltung war die Rede von Martin Luther King Jr. (1929–1968). Das wissen wir nicht erst heute. Das war den Veranstaltern schon bei der Planung klar gewesen. King, der im Jahr darauf den Friedensnobelpreis erhielt, war die führende Figur der afroamerikanischen Bürgerrechtler. Er hielt jedes Jahr mehr als zweihundert Reden auf deren Meetings und Demonstrationen. Der Baptistenprediger war als Rhetoriker bei Jesus in die Schule gegangen und hatte vom Blues gelernt, wie er eine Rede immer wieder wie einen Song klingen lassen konnte.
Die ganze Rede dauerte siebzehn Minuten und hat mehr als zehntausend Anschläge. Aber nehmen Sie sich die Zeit, gehen Sie ins Internet, suchen Sie sich den Text, eine deutsche Übersetzung. Vor allem aber hören Sie sich die Rede an. Sie werden danach entweder zu einem Fan dieses kleinen, stämmigen Mannes, der nicht nur einer der großartigsten Politiker des vergangenen Jahrhunderts, sondern auch ein einzigartiger Stimmkünstler war, oder aber sie wenden sich entsetzt ab von so viel Überzeugungskraft und -willen. Es gibt im Netz Filme von Kings Rede mit der deutschen Übersetzung am Rand.
Bevor er von seinem „Traum“ zu erzählen begann, erklärte er, der Mann, der von Gandhi gelernt hatte: „Es gibt aber etwas, was ich meinen Brüdern sagen muss, die auf der Schwelle stehen, die zum Palast der Gerechtigkeit führt. In dem Prozess, den gerechten Platz zu erreichen, dürfen wir uns nicht ungerechter Taten schuldig machen. Versuchen wir nicht, unseren Durst nach Freiheit zufriedenzustellen, indem wir vom Becher der Bitterkeit und des Hasses trinken. Wir dürfen nicht erlauben, dass unser kreativer Protest in physische Gewalt ausartet. Wir müssen uns immer wieder zu den majestätischen Höhen erheben und physische Gewalt mit der Kraft unserer Seele konfrontieren. Die wunderbare neue Kampfbereitschaft, welche die Gemeinschaft der Schwarzen umgibt, darf nicht zum Misstrauen gegenüber allen weißen Menschen führen. Viele unserer weißen Brüder, wie es sich durch ihre Anwesenheit hier zeigt, haben erkannt, dass ihr Schicksal mit unserem Schicksal verbunden ist. Sie haben auch erkannt, dass ihre Freiheit unentwirrbar mit unserer Freiheit verbunden ist. Wir können nicht alleine gehen.“
Davon war Martin Luther King zutiefst überzeugt. Wenn er von der „Nation“ sprach, dann meinte er die aller Bürger der USA. Die Idee einer separaten Nation, einer „Nation of Islam“ mitten in den USA lehnte er ab. Auch den Begriff „Black Power“ kritisierte er. Er sah durchaus das Gute darin, den Aufruf nämlich zur Entwicklung eines schwarzen Selbstbewusstseins. Er wurde in seinen Reden nicht müde, darauf hinzuweisen, wie wichtig ihre gemeinsamen Aktionen dafür waren. Sie waren Kindeskinder von Sklaven. Sie wurden täglich darauf hingewiesen, dass sie den Weißen in allem unterlegen seien und auf keinen Fall die gleichen Rechte haben dürften wie diese. So etwas schüttelt niemand mal eben so ab. In dieser Lage hat man kein Selbstbewusstsein. Man muss es sich erkämpfen. Immer wieder tun das um ihre Befreiung kämpfenden Gruppen, indem sie sich erst einmal zusammentun und von der sie diskriminierenden Gesellschaft abgrenzen. Das gilt z. B. für die frühe Arbeiterbewegung und für die Frauengruppen der 1960er und 70er Jahre. Auch heute gibt es wieder große Debatten darum. Unser Stichwort lautet: Identitätspolitik.
Martin Luther King wusste, dass man einander brauchte, um Selbstbewusstsein zu entwickeln, aber alleine würde man es nicht schaffen, man musste einbrechen ins Lager der anderen. So erklärte er am 28. August 1963 den 250 000 aus den ganzen Vereinigten Staaten zusammengekommenen Demonstranten auch: „Ich bin mir dessen bewusst, dass einige von Ihnen hierher aus problematischen und widerwärtigen Situationen gekommen sind. Einige von Ihnen waren eben noch in Gefängnissen. Andere kommen aus Gegenden, in denen Sie auf Ihrer Suche nach Freiheit von den Stürmen der Verfolgung misshandelt und von den Winden der Polizeigewalt schwankend gemacht werden. Arbeiten Sie weiter mit dem Glauben, dass unverdientes Leiden erlösend ist. Gehen Sie zurück nach Mississippi!
Gehen Sie zurück nach Alabama! Gehen Sie zurück nach South Carolina! Gehen Sie zurück nach Georgia! Gehen Sie zurück nach Louisiana! Gehen Sie zurück zu den Slums und Ghettos unserer nördlichen Staaten und wissen Sie, dass die Situation irgendwie geändert werden kann und wird.
Wir werden nicht im Tal der Verzweiflung schweigen.“ Aufs „Tal der Verzweiflung“, auf das „finstere Tal“ des 23. Psalms, folgt die berühmteste Passage der Rede vom 28. August 1963. Kings „Ich habe einen Traum“ beendet seine Rede wie in manchen platonischen Dialogen ein Mythos es tat. Der Baptistenprediger Martin Luther King konnte alle Register ziehen. Als ich ihn hörte, erkannte ich, dass ich seinen Text ganz falsch gelesen hatte. War eine Vision zu Ende, machte ich eine Pause und setzte danach mit dem nächsten „Ich habe einen Traum“ ein. Bei King schließt das „Ich habe einen Traum“ sich direkt an die Vision an. So setzt King den Akzent auf den schwachen Beat: eine Synkope. Ein umwerfender Effekt.
„Meine Freunde, ich sage euch heute: Obwohl die Schwierigkeiten von heute und morgen vor uns stehen, habe ich noch einen Traum. Es ist ein Traum, der tief verwurzelt ist im Traum Amerikas, dass sich diese Nation eines Tages erheben wird und die wahre Bedeutung seines Credos lebt: „Wir betrachten es als offensichtliche Wahrheit, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden.“ Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenhaltern auf den Red Hills von Georgia imstande sind, sich gemeinsam am Tisch der Brüderlichkeit niederzusetzen. Ich habe einen Traum, dass eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und in der Hitze der Unterdrückung schmort, sich zu einer Oase der Freiheit und Gerechtigkeit wandelt. Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht wegen der Hautfarbe, sondern nach dem Wesen ihres Charakters beurteilt werden. Ich habe einen Traum, dass eines Tages unten in Alabama – mit seinen brutalen Rassisten, mit einem Gouverneur, aus dessen Mund nur Widerstand und Ungültigmachung kommen –, dass eines Tages in Alabama kleine schwarze Mädchen und Jungen, kleinen weißen Mädchen und Jungen sich die Hände reichen als Schwestern und Brüder.
Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel erniedrigt wird. Dass die rauhen Orte eben werden und die krummen Orte wieder gerade, und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Menschgewordene im Fleisch soll es sehen. Dies ist unsere Hoffnung. Dies ist der Glaube, mit dem ich in den Süden zurückgehen werde.“
Das ist noch nicht das Ende seiner Rede. Die wird enden wie in der Kirche: mit einem Lied. Davor aber ist die Rede von der Größe Amerikas. Sie ist nichts, wohin man zurückkann, wie Donald Trump seinen Anhängern vorschwindelt; sie ist etwas, das erst noch gewonnen werden muss. Von allen gemeinsam. „So“, schrieb Ernst Bloch, „entsteht in der Welt etwas, das allen in der Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“
Aber zurück zum 28. August 1963 zu Martin Luther King: „Mit diesem Glauben werden wir den Berg der Verzweiflung behauen, einen Stein der Hoffnung. Mit diesem Glauben werden wir gemeinsam arbeiten können, gemeinsam beten können, gemeinsam kämpfen können, gemeinsam in das Gefängnis gehen können, um gemeinsam einen Stand für Freiheit mit dem Wissen zu machen, dass wir eines Tages frei sein werden. Und dies wird der Tag sein. Dies wird der Tag sein, wenn alle Kinder Gottes mit neuer Bedeutung singen können: Mein Land, es ist über dir, süßes Land der Freiheit, über das ich singe, Land, wo mein Vater starb, Land des Pilgers Stolz, von jedem Berghang lass die Glocken der Freiheit läuten. Wenn Amerika eine großartige Nation sein soll, dann muss dies wahr werden. Lass daher die Glocken der Freiheit von den wunderbaren Hügeln New Hampshires läuten. Lass die Glocken der Freiheit läuten von den mächtigen Bergen New Yorks. Lass die Glocken der Freiheit von den Höhen der Alleghenies in Pennsylvania läuten. Lass die Glocken von den schneebedeckten Gipfeln der Rockies in Colorado läuten. Lass die Glocken der Freiheit vom Lookout Mountain in Tennessee läuten. Lass die Glocken der Freiheit von jedem Hügel und Maulwurfshügel in Mississippi läuten. Von jedem Berghang lass die Glocken der Freiheit läuten.
Wenn dies geschieht, und wenn wir erlauben, dass die Glocken der Freiheit läuten, und wenn wir sie von jedem Dorf und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Stadt läuten lassen, werden wir diesen Tag schneller erleben, wenn alle Kinder Gottes, schwarzer Mann und weißer Mann, Juden und Christen, Protestanten und Katholiken Hände halten können und die Worte des alten Spirituals ‚Endlich frei, endlich frei. Danke Gott, Allmächtiger, endlich frei‘ singen.“
Am 11. Dezember 1964 erhielt Martin Luther King in Oslo den Friedensnobelpreis. Am 3. April 1968 sagte er in seiner Rede „I’ve been to the mountaintop“, dass er das gelobte Land gesehen habe und deshalb nichts und niemanden fürchte und sich deshalb keine Sorgen um ein langes und erfülltes Leben mehr mache. Am 4. April 1968 um 18.01 Uhr wurde Martin Luther King auf dem Balkon des Lorraine Motel in Memphis von dem mehrfach vorbestraften Rassisten James Earl Ray erschossen. Dessen Verteidiger erklärte, sein Mandant habe auf Geheiß der Bundesbehörde FBI gehandelt. Ray wurde verurteilt und starb 1998 im Gefängnis. Die Familie von King glaubte der FBI-Theorie und prozessierte.
Vergeblich. Am 16. Oktober 2011 wurde unweit der Stelle, an der King am 28. August 1963 seine Rede hielt, das Martin Luther King Jr. National Memorial errichtet. Es ist das erste für einen Afroamerikaner an der Mall. Es besteht aus drei Teilen, die vom Künstler aus insgesamt 159 einzelnen Granitblöcken gemeißelt und erst vor Ort zusammengesetzt wurden. Sie symbolisieren zentrale Leitideen der Bürgerrechtsbewegung: Gerechtigkeit, Demokratie und Hoffnung, dargestellt durch die Verwendung der drei Elemente Stein, Wasser und Bäume.
Das Rund der Denkmalanlage ist eingefasst von der sogenannten Wand der Zitate, zwei je 70 Meter langen Mauern aus poliertem dunklem Granit, in die 14 Zitate Martin Luther Kings aus seinen Reden und Predigten eingemeißelt sind. Die Pointe dieser Anlage: Sie ist das Werk des 1954 geborenen chinesischen Bildhauers Lei Yixin. Sie wurde in China geschaffen und in Einzelteilen nach Washington verschifft. Die Freiheitsstatue war 1886 aus Frankreich gekommen, das Martin Luther King Jr. Memorial 2011 kam aus der Volksrepublik China. Heute wäre das unmöglich. In China und in den USA.