US-Wahlen

USA-Experte über Harris und Trump: „Konstellation ist beispiellos in der neueren Geschichte“

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Der USA-Experte und Zeithistoriker Manfred Berg über die Chancen von Kamala Harris, Joe Bidens Festhalten an der Macht und den Grund für die Zerrissenheit des Landes.

Professor Berg, ist das Rennen um das Weiße Haus nicht trotz des Rückzugs von Joe Biden gelaufen?
Zumindest geht Donald Trump nach wie vor als Favorit in den Wahlkampf. Er hat die Republikanische Partei geschlossen hinter sich. Und bei seinen Anhängern genießt er die Aura des Mannes, der durch die Vorsehung gerettet wurde, um Amerika zu retten. Die Demokraten müssen im günstigsten Fall innerhalb kürzester Zeit eine Kandidatin oder einen Kandidaten aufbauen. Das ist sicher ein harter Weg. Zumindest sind die Chancen jetzt etwas besser, denn mit Biden hätte man ganz sicher die Wahl verloren.
Hat Kamala Harris wirklich größere Chancen als Biden, sie gehört doch zur im Mittleren Westen gehassten kalifornischen Elite?
Es ist richtig, Harris ist in der Vergangenheit nicht dadurch aufgefallen, dass sie sich besonders profiliert hat, das muss sie jetzt schnell nachholen. Es wird sicher auch eine ganze Reihe von Leuten geben, für die sie nicht wählbar ist, weil sie einen afro- oder indisch-karibischen Hintergrund hat. Im Augenblick ist es schwierig, jemanden zu finden, der bessere Chancen hat. Viele reden von Gretchen Whitmer, die zweimal in Michigan, also einem Swing State, Gouverneurswahlen gewonnen hat. Sie wäre vielleicht eine durchaus chancenreiche Kandidatin, zumindest für die Swing States.
Plötzlich Kandidatin: US-Vizepräsidentin Kamala Harris.

Demokraten bleibt nach Biden-Rücktritt nur wenig Zeit vor US-Wahl

Für alle dürfte es jetzt schwierig werden.
Das liegt daran, dass Biden erst jetzt diesen Schritt gemacht hat und nicht schon vor vielen Monaten, sodass er erst gar nicht in den Vorwahlkampf hätte eintreten müssen. Das ist jetzt ein großes Problem. In der Zeit hätten die Demokraten in Ruhe jemanden aufbauen und einen nachvollziehbaren und demokratischen Auswahlprozess organisieren können.
Worauf führen Sie dieses Festhalten an der Macht zurück?
Das ist in der Logik der amerikanischen Präsidentschaft angelegt. Ein Präsident sieht sich schon in der Rolle, die ihm auch immer zugeschrieben wird, als der mächtigste Mann der Welt, als derjenige, der die Nation führt. Einfach zu sagen, man sei für das Amt nicht mehr geeignet, ist historisch betrachtet in der modernen Präsidentschaft die große Ausnahme. Ein Präsident, der von vorneherein betont, er kandidiere nur für eine Amtszeit, ist von Beginn an eine Lame Duck. Trotzdem hätte man das geschickter organisieren können. Und für eine Partei ist es schwer, einem amtierenden Präsidenten den Dolch in den Rücken zu stoßen. So käme es zumindest rüber. Man hat ihn natürlich entsprechend gedrängt und irgendwann war der Druck für ihn zu groß. Aber er hat lange Zeit die Notwendigkeit nicht sehen wollen, was bei älteren Herren nicht so selten der Fall ist.

Vergleich zu Clintons Niederlage in 2016 – „Das alles muss Harris jetzt ändern“

Im Jahr 2016 trat Hillary Clinton gegen Trump an und verlor. Warum sollte Harris besser abschneiden?
Hillary Clinton war eine Kandidatin, die seit den 1990er Jahren von der amerikanischen Rechten mit Inbrunst gehasst wurde. Sie hat viele Fehler in ihrem Wahlkampf gemacht. Nichts hat ihr so sehr geschadet wie dieses unselige Wort von den Bedauernswerten, den „Deplorables“. Sie hat versäumt, in den Swing States Wahlkampf zu machen. Das alles muss Harris jetzt ändern. Sie muss tough rüberkommen, als jemand, die in den Fernseh-Debatten Trump Paroli bietet. Sie muss eine Botschaft an Frauen aussenden, sie ist diejenige, die für das Recht auf Abtreibung steht. Und sie muss auch klarmachen, dass sie nicht zur woken Elite gehört, was ja auch stimmt. Bis jetzt hat sie sich nicht als Charismatikerin profiliert, ob sie das werden kann, weiß ich nicht. Sie muss sich in jedem Fall stärker in den Vordergrund stellen, klare Aussagen machen, mit sachlicher Kompetenz punkten und als Kandidatin auftreten, von der sich die Wähler vorstellen können, dass sie das Land führen kann.
Wer wäre Ihr Favorit, Ihre Favoritin?
Ich denke, dass es in Anbetracht der fortgeschrittenen Zeit zu Harris keine Alternative gibt. Denn ein offener Konvent ist extrem riskant. Wir haben das 1968 gesehen, als Lyndon B. Johnson seine Kandidatur im März zurückgezogen hatte. Es gab dann zunächst drei Kandidaten: Robert Kennedy, Eugene McCarthy und Vizepräsident Hubert Humphrey. Die Partei hat das sehr gespalten, vor allem, nachdem Robert Kennedy ermordet wurde. Es gab Demonstrationen zugunsten von McCarthy. Das bedeutet für die Gegenwart: Die Demokratische Partei muss ein möglichst geschlossenes Bild zeigen, wenn auf der anderen Seite die Republikaner geschlossen hinter Trump stehen. Zerstrittene Parteien gewinnen keine Wahlen.

Zur Person

Manfred Berg, geboren 1959, ist Professor für Amerikanische Geschichte an der Universität Heidelberg. Zu seinen Schwerpunkten zählt die Geschichte der US-Außenpolitik. Er ist Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

Im Jahr 2017 legte er eine vielgelobte Biografie des US-Präsidenten Woodrow Wilson vor. Jetzt erschien von ihm: Das gespaltene Haus. Klett-Cotta, Stuttgart 2024. 544 Seiten, 35 Euro.

Harris als Last-Minute-Ersatz für Biden: „Konstellation ist beispiellos in der neueren Geschichte“

Gab es ein Beispiel in der Geschichte, bei dem so ein Wechsel funktioniert hat?
Diese Konstellation ist beispiellos in der neueren Geschichte der amerikanischen Präsidentschaft. Der einzig vergleichbare Fall wäre Johnson 1968. Die Pferde im Galopp zu wechseln, das ist immer sehr riskant. Wenn man aber zum Beispiel auf 1968 schaut, dann sah es lange Zeit auch so aus, dass Humphrey hoch verlieren würde. Am Ende hat er nur relativ knapp gegen Nixon verloren. Das hatte auch mit dem Wahlsystem zu tun und mit der Kandidatur von George Wallace als drittem Kandidaten, was die Republikaner Stimmen gekostet hat. Das amerikanische Wahlsystem bietet immer viele Überraschungen, von daher schließe ich nicht aus, dass die Demokraten die Kurve noch kriegen. Sie müssen jedoch einen sehr aggressiven Wahlkampf führen und den amerikanischen Wählern vor Augen führen, dass Trump eine Gefahr für die amerikanische Nation und Demokratie darstellt.
Wie haben sich Attentate auf das Wahlverhalten der Amerikaner ausgewirkt? Johnson profitierte 1964 von dem Attentat auf J.F. Kennedy. Ronald Reagan wurde 1981 zur Zielscheibe.
Donald Trump ist kein John F. Kennedy und kein Ronald Reagan. Beim Attentat auf Kennedy war die Nation im Schock. Der Mord ist als nationale Tragödie empfunden worden. Davon hat Johnson profitiert, weil er sich als der Erbe Kennedys profilieren konnte und das auch versucht hat zu sein. Er brachte ein großes Reformprogramm auf den Weg, das Amerika in der Tat sehr stark verändert hat. Die große Tragödie seiner Präsidentschaft war jedoch, dass er das Land gleichzeitig tief in den Vietnam-Krieg verstrickt hat.
Und Reagan?
Bei Ronald Reagan war es so, dass die amerikanische Gesellschaft noch nicht so polarisiert war, wie das heute der Fall ist. Reagan war ein ganz anderer Charakter als Trump. Trump polarisiert, Reagan hat viele Demokraten zu sich herübergezogen. Er galt als warmherzig, persönlich nahbar, er wurde nicht umsonst der große Kommunikator genannt. Das Attentat auf ihn hat das Land für eine gewisse Zeit stärker zusammengebracht. Das ist jetzt überhaupt nicht zu sehen. Es ist stattdessen immer wieder darauf hingewiesen worden, dass Trump für einen Gutteil der Gewalt, die man in den letzten Jahren erlebt hat, mitverantwortlich ist. Seine Aura wurde durch das Attentat bei seinen Anhängern ins Sakrale gesteigert, aber es bleibt abzuwarten, wie viele unentschiedene Wähler sich davon am Ende beeindrucken lassen. Wenn Biden im Rennen geblieben wäre, wäre es für Trump leicht gewesen, Wähler zu sich herüberzuziehen, die starke Zweifel an Biden hatten und Trump für den energischeren Führer halten. Wenn aber die Demokraten ein Ticket präsentieren können, das einen Generationenwechsel und glaubwürdige Lösungen für die anstehenden Probleme bietet – das sind Einwanderungsfragen und die Folgen der hohen Inflation, die viele Amerikaner eben nicht wegstecken – haben sie vielleicht eine Chance, das Ruder herumzureißen.

„Trump ist bekannt für seine Rachsucht“ – Ex-Präsident könnte bei Wiederwahl Regierungssystem umbauen

Was erwartet Amerika und den Rest der Welt, wenn Trump es aber doch schafft? Viele fürchten, es könnte noch schlimmer als beim letzten Mal werden.
Davon gehen alle Beobachter aus. Trump ist bekannt für seine Rachsucht. Er sieht sich als Opfer einer Verschwörung, er will mit seinen Feinden abrechnen. Im Umkreis Trumps und der Heritage Foundation gibt es Pläne, die auf eine weitreichende Umgestaltung des amerikanischen Regierungssystems hinauslaufen. Insbesondere die sehr starke Stellung des Präsidenten soll weiter gestärkt werden. Der Supreme Court hat mit seinem Urteil vom 2. Juli dafür den Weg geebnet. Wir werden dann den Versuch erleben, sehr viel stärker eine autoritäre Komponente in das amerikanische Regierungssystem einzubauen.
Und außenpolitisch?
Trump und sein designierter Vizepräsident Vance stehen für Protektionismus und außenpolitischen Isolationismus. Auf jeden Fall ist es für die Europäer und die Bundesrepublik Deutschland an der Zeit zu überlegen, wie man die eigene Sicherheit gewährleisten kann.
Erinnert Sie diese Zeit an den Isolationismus und Protektionismus der 1930er Jahre?
In den 1930er Jahren war der Isolationismus absolut dominant – auch gegen den Willen des Präsidenten Franklin D. Roosevelt, der überzeugt war, dass Amerika sich früher oder später gegen die Aggressor-Staaten positionieren müsse. Wir haben heute eine Situation, in der die USA als Weltordnungsmacht unverzichtbar ist, gerade aus Sicht der transatlantischen Sicherheitsgemeinschaft. Diese Rolle ist in der amerikanischen Bevölkerung jedoch nicht mehr konsensfähig.

Das Phänomen Trump bei den Republikanern – „er hat die Partei erobert“

Manche sehen in Trump einen neuen Mussolini. Sie auch?
Ich bin mit dem Faschismus-Begriff sehr vorsichtig, weil es sich um einen Empörungsbegriff handelt, der mehr Verwirrung stiftet, als dass er Klarheit schafft. Ich kann mir Amerika auch nicht als eine zentralistische Diktatur vorstellen. Amerika hat eine starke föderale Struktur und Tradition, auch eine starke demokratische Tradition. Keine Regierung könnte Wahlen aussetzen oder gar abschaffen. Aber es gab auch eine Zeit nach dem Bürgerkrieg und der sogenannten Reconstruction, als es den Eliten des alten Südens gelang, unter Beibehaltung formaler demokratischer Verfahren vor allem die afro-amerikanische Bevölkerung vom politischen Prozess auszuschließen und ihre Herrschaft mithilfe der Demokratischen Partei im Süden zu zementieren. Das amerikanische Regierungssystem stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde nicht für eine moderne Massendemokratie gemacht. Die vielen Checks and Balances verfolgten den Zweck, die sogenannte Tyrannei der Mehrheit zu verhindern. Es gibt sehr viele nicht- oder kontra-majoritäre Elemente in der amerikanischen Verfassung. Und wenn das System blockiert ist, was wir immer wieder erleben, dann kommt dem amerikanischen Präsidenten ein hohes Maß an Entscheidungsmacht zu.
Wie kommt es, dass die amerikanische Gesellschaft so zerrissen ist, wodurch Trump erst möglich ist?
Trump ist aus meiner Sicht die amerikanische Variante der weltweit zu beobachtenden Revolte gegen die Globalisierung. Es ist vor allem eine Kombination aus ökonomischem Niedergang und demographischem Wandel und den damit einhergehenden Ängsten vor dem sozialen, politischen und kulturellen Hegemonieverlust der bisher dominanten euro-amerikanischen Bevölkerungsteile. Kurz gesagt: Es geht um die nationale Identität. Was für eine Gesellschaft sollen eigentlich die USA sein? Die Vorstellung, dass die USA eine Nation weißer Christen sind, gehört der Vergangenheit an. Aber das Gegenmodell einer multiethnischen, säkularen und multikulturellen Gesellschaft ist bislang auch nicht konsensfähig.
Warum waren die USA nicht in der Lage, ein jüngeres politisches Personal zu rekrutieren?
Es ist mitunter Zufall. Es ist ja nicht so, dass die Republikanische Partei Trump rekrutiert hätte, sondern er hat die Partei erobert. Er hat es geschafft, anknüpfend an die Tea-Party-Revolte der 2010er Jahre, aus der Wut und dem Protest gegen die ökonomischen und demografischen Veränderungen eine regelrechte Bewegung zu machen. Bei den Demokraten war es so, dass Biden 2020 der Kandidat war, von dem man nicht zu Unrecht erhoffte, Teile der weißen Arbeiterklasse zurückzuerobern. Das ist zum Teil gelungen. Er hatte jedoch ein politisches Verfallsdatum. Leider hat es sehr lange gedauert, bis er es eingesehen hat.

Rubriklistenbild: © IMAGO/ABACAPRESS

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