Tauchboot „Titan“

Rettung des Tauchboots der Titanic-Expedition: Die Zeit läuft davon

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Das Tauchboot „Titan“: Sauerstoff hat die Besatzung bestenfalls noch bis Donnerstag.
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Im Atlantik ist ein Tauchboot einer Titanic-Expedition mit fünf Personen an Bord verschollen. Die Rettung gestaltet sich schwierig, entscheidend wird sein, wo die „Titan“ gefunden wird.

Ein berühmter Dokumentarfilmer und Meeresforscher dient als Vorbild: „Treten Sie in die Fußstapfen von Jacques Cousteau und werden Sie zum Unterwasserforscher“, wirbt das Unternehmen Oceangate Expeditions auf seiner Webseite. „Werden Sie einer der wenigen, die die Titanic mit eigenen Augen sehen.“ Cousteau, 1997 verstorben, hat sich in die Tiefen der Meere gewagt wie wenige vor ihm. Mit wesentlich besseren technischen Mitteln können heute Abenteurerlustige einen Tauchgang in 3800 Meter Tiefe zum Wrack der 1912 gesunkenen Titanic unternehmen.

So ist vor wenigen Tagen von St. John’s in Neufundland die „Polar Prince“ zu einer achttägigen Reise aufgebrochen. Die Tage drei bis sieben sollte das Schiff an der Untergangsstelle der Titanic im Atlantik zubringen, 700 Kilometer vor Neufundland. Mit dem Tauchboot „Titan“ geht es dann in Gruppen in die Tiefe, um das historische Wrack aus der Nähe zu bewundern. Je zwei Stunden dauert allein der Vorgang des Ab- und wieder Auftauchens, dazwischen fährt das Boot einige Stunden um das Wrack. Die „Titan“ fasst laut Veranstalter fünf Personen: einen Piloten, einen Experten oder eine Expertin („Content Expert“) sowie drei zahlende Gäste. Sogar etwas improvisierte Privatsphäre soll es in dem knapp sieben Meter langen Tauchboot geben: Der beste Sitz sei die Toilette im vorderen Bereich. Sollte sie jemand benutzen müssen, wird ein Sichtschutz vorgezogen und die Musik laut gedreht.

Wundervolle Aufnahmen auf der Homepage, die das Titanic-Wrack durch eine Luke aus der Nähe zeigen, lassen jedoch erahnen, welch exklusives Erlebnis die Teilnehmenden erwartet. Kosten: 250 000 Dollar. Nun ist jedoch auf dem einzigen 2023 geplanten Trip zur Titanic offenbar etwas richtig schiefgelaufen.

Berichten zufolge ist der Kontakt zwischen Begleitschiff und Tauchboot am Sonntagmorgen nach einer Stunde und 45 Minuten abgebrochen. John Mauger von der US-Küstenwache gab auf einer Pressekonferenz die Einschätzung, dass der Sauerstoff in dem kleinen Tauchboot für 70 bis 96 Stunden ausreicht. Also bestenfalls bis Donnerstag.

Der „CBS“-Reporter David Pogue war selbst bereits auf einem Tauchgang mit der „Titan“. Wie er der „BBC“ berichtete, seien eine GPS-Ortung sowie Funkkontakt unter Wasser unmöglich. Die Kommunikation zum Begleitschiff erfolge über Textnachrichten, dazu müsse sich das Schiff aber direkt über der „Titan“ befinden. Wie Pogue zudem auf Twitter schrieb, habe der Pilot sieben verschiedene Möglichkeiten, etwa über Luftblasensysteme, das Tauchboot an die Oberfläche zu bringen. Doch auch dann muss es zum Überleben der Besatzung wohl zwingend gefunden werden, denn die Crew könne es nicht selbstständig verlassen, da die Ausstiege von außen mit Bolzen gesichert seien. Laut „CNN“ ist es im Suchgebiet allerdings neblig. Wie Pogue auf „CBS“ zitiert wird, fühle man sich in dem Tauchboot wie in einem Minivan. Vieles wirke zudem improvisiert, gesteuert würde es mit einem Controller für Videospiele.

Behörden aus den USA und Kanada sowie Oceangate Expeditions setzen nun alle Hebel in Bewegung, das Tauchboot zu finden und die Besatzung zu retten. Die Probleme sind zahlreich: Zunächst muss das Tauchboot überhaupt geortet werden. Zudem ist die Region ziemlich abgelegen, die See rau, das Meer sehr tief und der Meeresboden sehr uneben. Die US-Küstenwache koordiniert die Suche, auf der Oberfläche sowie unter Wasser, eingebunden seien auch Handelsschiffe vor Ort. Auch ein U-Boot und ein Flugzeug mit der Fähigkeit der Unterwasserortung seien an der Suche beteiligt. Sollte das Tauchboot rechtzeitig entdeckt werden, ist entscheidend, wo. Denn nur wenige U- oder Rettungsboote können in 3800 Meter Tiefe vordringen.

„Im Moment konzentrieren wir uns darauf, das Schiff zu finden“, sagt John Mauger von der Küstenwache. Finde man es im Wasser, müsse man „eine Art von Rettung“ starten. Die Küstenwache stimme sich „mit verschiedenen Partnern innerhalb der US-Marine, den kanadischen Streitkräften und der Privatwirtschaft ab“, um Möglichkeiten für eine Rettung unter Wasser auszuloten.

Unter den Personen an Bord des Tauchboots ist der britische Milliardär und Abenteurer Hamish Harding. Erst am Wochenende verkündete er auf Instagram stolz, dass er an der Expedition teilnehmen werde. Harding ist ein Mann, der das Extreme liebt, er hält Weltrekorde in der Luftfahrt und im Tauchen und flog erst vor rund einem Jahr mit Blue Origin ins Weltall. Am Samstag würde er 59 Jahre alt werden. Zu den weiteren zahlenden Gästen an Bord gehören Berichten zufolge der Unternehmensberater Shahzada Dawood, der aus einer der reichsten Familien Pakistans stammen soll, sowie dessen 19-jähriger Sohn Suleman. „Content Expert“ ist laut „CNN“ Paul-Henri Nargeolet, der auf der Veranstalter-Webseite als „Titanic’s Greatest Explorer“ bezeichnet wird und demnach bislang sechs Tauchgänge zu dem Schiffswrack geleitet hat.

Ein Mitarbeiter von Hardings Unternehmen gab sich hoffnungsvoll gegenüber der Nachrichtenagentur Associated Press. Es sei noch ausreichend Zeit für eine Rettungsaktion. „Es gibt Ausrüstung an Bord, um das zu überleben. Wir alle hoffen und beten, dass er gesund und munter zurückkommt.“

Thomas Shugart vom Center for a New American Security und einstiger U-Boot-Kapitän der US-Marine äußerte sich weniger optimistisch bei „CNN“: „Wenn sie ein verhältnismäßig kleines Problem gehabt hätten, das sie gezwungen hätte, unerwartet aufzutauchen, so denke ich, dass ein Ortungssender bereits entdeckt worden wäre. Wenn sie jedoch aus irgendeinem Grund auf dem Meeresboden festsitzen, habe ich noch nichts von einer Rettungsmöglichkeit gehört, die sie rechtzeitig zurückbringen könnte.“

Der britische Abenteurer Hamish Harding ist an Bord der „Titan“.

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