Der Soziologe sieht in Trumps Grönland-Plänen eine existenzielle Bedrohung für Europa. Er vergleicht die Lage mit München 1938.
Richard Sennett sitzt während des Gesprächs in seiner Wohnung in London. Er arbeitet an einem neuen Buch, das sich mit einer wichtigen Strömung der US-amerikanischen Philosophie beschäftigt.
Professor Sennett, wie blicken Sie auf die USA nach den jüngsten Ereignissen?
In gewisser Weise ist es ein Schock, aber kein völliger. Die USA haben immer wieder zu drastischen Mitteln gegriffen. Unter einer republikanischen Regierung wurde Noriega verhaftet, unter Obama Osama bin Laden getötet, unter George W. Bush Saddam Hussein. Das gehört zur Geschichte amerikanischer Machtpolitik. Überraschend ist das nicht. Was mich wirklich beunruhigt, ist etwas anderes: Grönland. Es ist für Europa von enormer Bedeutung. Sollte Trump ernsthaft versuchen, Grönland von Dänemark loszulösen oder gar zu übernehmen, stünden wir vor einer existenziellen Krise der Nato. Dann hätten wir den Fall, dass ein Nato-Mitglied faktisch das Territorium eines anderen Mitglieds an sich reißt. Entweder die übrigen Staaten reagieren – dann ist das Bündnis durch offenen Konflikt zerstört. Oder sie reagieren nicht – dann ist es politisch erledigt. In beiden Fällen wäre die Nato funktionslos.
Sie halten das für ein realistisches Szenario?
Ja. Und zwar nicht irgendwann, sondern sehr bald. Vielleicht innerhalb der nächsten Wochen. Genau das macht die Situation so gefährlich. Die gesamte Sicherheitsarchitektur des Westens könnte in kürzester Zeit kollabieren. Historisch erinnert mich das stark an München 1938. An jenen Moment, in dem eigentlich alle wissen, dass eine Grenze überschritten wird – aber niemand bereit ist, es offen auszusprechen.
Befürchten Sie einen Krieg in Europa?
Diese Angst hatte ich immer, aber ich hielt sie lange für eine persönliche Paranoia. Heute erscheint sie mir rationaler. Sollte die NATO zerfallen, wäre das für Russland eine Einladung, weiterzugehen als bisher. Eine Gelegenheit, die man dort logisch nutzen würde. Die Vorbereitung auf einen möglichen Krieg oder zumindest auf eine massive Eskalation ist diffus, und das ist kein gutes Zeichen. Über Jahrzehnte war die Vorstellung eines großen Krieges in Europa aus unserem Denken verschwunden. Jetzt reden wir wieder darüber – und nicht nur über Nato, sondern über die Erosion der gesamten westfälischen Ordnung, die seit 1648 das internationale System strukturiert.
Warum hat Trump so einen Appetit auf Grönland?
Der Klimawandel. Das schmelzende Eis hat eine Schifffahrtsroute um Grönland herum eröffnet, die nun ganzjährig befahrbar ist. Strategisch gesehen macht dies Grönland wesentlich wichtiger – nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern auch für Russland und China. Es verkürzt die wirtschaftlichen und militärischen Routen nach Europa. Dieser ökologische Hintergrund ist entscheidend und wird immer noch weitgehend unterschätzt. Was mich interessieren würde, ist sich die Bevölkerung in Deutschland der Dringlichkeit dieser Angelegenheit bewusst?
Zur Person
Richard Sennett, geboren 1943 in Chicago, lehrt Soziologie und Geschichte an der New York University und der London School of Economics and Political Science. Sennett wurde als Theoretiker und Historiker des städtischen Lebens bekannt. Ausgezeichnet wurde er unter anderem mit dem Hegel-Preis und dem Spinoza-Preis; er ist Ehrendoktor der University of Cambridge. Auf Deutsch erschien 2024 sein Buch „Der darstellende Mensch“.
Schwer zu sagen, wie ist es in Großbritannien?
Im Vereinigten Königreich wird dies weitgehend als eine weitere Nachricht behandelt, nicht als eine unmittelbare Bedrohung. Aber dies ist kein fernes Szenario. Es handelt sich um eine unmittelbare Krise.
Welche Optionen bleiben Europa?
Trump zieht sich zurück, wenn er auf echten Widerstand stößt. Er ist kein Mann, der Konfrontationen mit Gleichgestellten begrüßt. Europa kann nicht innerhalb eines Monats eine Armee aufbauen, aber es könnte sofort eine radikale Wende signalisieren – indem es die Militärausgaben verdoppelt oder verdreifacht, die Beschaffung koordiniert und politischen Willen demonstriert. Das allein könnte schon abschreckend wirken. Die Gefahr besteht darin, dass Trump diesen Moment als sein Vermächtnis betrachtet. Grönland, eine verstärkte Monroe-Doktrin, ein erweiterter amerikanischer Einflussbereich. Er glaubt, dass die Geschichte ihn dafür in Erinnerung behalten wird. Ob seine Wähler ihm folgen, ist eine andere Frage – aber ich denke, er unterschätzt dieses Risiko.
Warum wirkt die Europäische Union so schwach?
Weil sich ihre Führer hinter Komplexität verstecken. „Die Lage ist kompliziert“ ist die sicherste Zuflucht für Politiker. Sie schafft einen öffentlichen Raum der Untätigkeit, während sie hinter den Kulissen manövrieren. Das war Neville Chamberlains fataler Fehler. Beschwichtigung in der Öffentlichkeit, Vorbereitung hinter den Kulissen. Churchill verstand, dass dies nicht funktioniert. Man kann nicht öffentlich beschwichtigen und erwarten, dass sich die Gesellschaften im Hintergrund still mobilisieren. Führung erfordert Klarheit, insbesondere wenn die Architektur des Friedens selbst auf dem Spiel steht.
Welche Rolle spielen internationale Institutionen?
Eine erschreckend geringe. Was mich besonders traurig macht, ist die völlige Bedeutungslosigkeit der Vereinten Nationen. Nicht nur, weil ich selbst dort gearbeitet habe, sondern weil sie eigentlich der Ort sein müssten, an dem solche Eskalationen aufgefangen werden. Stattdessen erzählen mir UN-Diplomaten, sie hätten von Entwicklungen in Venezuela aus CNN erfahren. Das ist absurd. Man kann keine diplomatische Organisation führen, die aus den Nachrichten erfährt, was geopolitisch geschieht. Das ist ein institutionelles Versagen.
Was folgt daraus?
Wir stehen vor einer echten europäischen Krise. Und ich glaube, wir machen einen grundlegenden Denkfehler. Wir verbringen zu viel Zeit damit, darüber zu spekulieren, was Trump will, was er plant, was seine Motive sind. Das ist unerquicklich und sinnlos. Wir sollten stattdessen davon ausgehen, dass wir es mit einem Antagonisten zu tun haben. Ich würde nicht unbedingt von einem Feind sprechen, aber von einer antagonistischen politischen Kultur und Regierung. Darauf muss man reagieren – nicht mit Beschwichtigung, nicht mit Appellen an Vernunft. Das ist ein radikaler Perspektivwechsel. Für mich persönlich ist er schmerzhaft. Ich bin amerikanischer und britischer Staatsbürger. Das erzeugt ein fast schizophrenes Gefühl. Als Amerikaner macht mich Trump wütender, als er es als Brite tut. Aber eines weiß ich aus Erfahrung: Es ist vergeudete Energie, ständig zu versuchen, einen Antagonisten zu verstehen oder zu rationalisieren. Man muss ihn als gegeben akzeptieren und handeln.
Sie sind sehr kritisch gegenüber der britischen Politik.
Ja. Keir Starmer betreibt eine Politik der Beschwichtigung. Das wird ihm historisch anhängen. Er wird als Neville Chamberlain des 21. Jahrhunderts gelten.
Was wäre die Konsequenz, wenn die USA Grönland tatsächlich an sich ziehen?
Aus meiner Sicht wäre das eine Katastrophe. Es würde jede Bedeutung von Nato zerstören. Wenn ein Mitgliedsstaat das Territorium eines anderen faktisch an sich reißen kann, ist es kein Bündnis mehr. Für die Europäische Union wäre das ebenfalls eine existentielle Krise. Bislang war ihre Schwäche etwas Abstraktes, etwas, worüber man nicht wirklich nachdachte. Niemand ist nachts aufgewacht mit dem Gedanken: Mein Gott, wie schwach die EU ist. Das wird sich ändern. Jetzt müssen wir uns dieser Schwäche stellen – gezwungenermaßen. Denn es geht nicht nur um die USA. Es geht auch um Russland. Eine solche Situation wäre für Moskau eine historische Gelegenheit.
Gibt es aus der Geschichte einen Hoffnungsschimmer? Denken Sie an Preußen. Nach der Niederlage gegen Napoleon war es am Boden – wenige Jahrzehnte später aber erstaunlich stark. Machtverhältnisse verändern sich.
Ob das ein realistischer Hoffnungsschimmer für uns ist, weiß ich nicht. Wenn es einen Himmel gibt, müssen Sie mir davon erzählen. In den nächsten Jahren sehe ich diese Erholung jedenfalls nicht. Das eigentlich Tragische ist: Die Institutionen, die Machtpolitik filtern und begrenzen sollten, funktionieren nicht mehr. Die EU ist nicht in der Lage, Trump aufzuhalten. Die Nato ist so fragil konstruiert, dass sie zerbrechen wird. Dann befinden wir uns in einer vor-westfälischen Welt. Macht definiert Besitz. Stärke ersetzt Recht.
Es gibt mehr Fragen als Antworten…
Ja. Und meine einzige wirkliche Ressource, um darüber nachzudenken, ist die Geschichte dieser Beziehungen zwischen Ländern, Völkern und Städten – vor und nach Westfalia. Damit habe ich mich beschäftigt, darüber habe ich geschrieben. Das gibt mir zumindest ein Gefühl dafür, wo die Schwierigkeiten liegen. Vor 1648 war Europa ein anarchischer Raum. Der Westfälische Frieden schuf Stabilität, vor allem für Investitionen. Niemand investiert in ein Land, das in fünf Jahren vielleicht nicht mehr existiert. Diese Stabilität ist vorbei. Was jetzt kommt, darüber weiß ich selbst nichts Sicheres. Ich habe keine innere Wissenschaft darüber, was die Amerikaner tun werden.
Und Großbritannien? Es steht jetzt außerhalb der EU. Könnte es im Vergleich zu Kontinentaleuropa von der Lage profitieren?
Nein. Ganz im Gegenteil. Großbritannien ist in einem schwachen Zustand. Militärisch unzureichend aufgestellt, wirtschaftlich abhängig. In Frankreich und Deutschland gibt es tiefe nationale Kapitalstrukturen, die im Ernstfall mobilisiert werden könnten. In Großbritannien ist die tiefste Kapitalader ausgerechnet Katar. Katar wird seine Investitionen hier nicht einsetzen, um Großbritannien gegen die USA zu stärken. Es gibt keinerlei patriotische Bindung. Wir haben dieses Kapital eingeladen – und sehen nun die Konsequenzen. Es wird keine Opfer für uns bringen.
Sie haben John Kerry 2004 im Wahlkampf unterstützt. Was haben Sie über amerikanische Politik gelernt?
Vor allem, dass ich nicht die richtige Person war, um ihm dabei zu helfen. Kerry hatte gute Ideen – über Dinge, die ich verstand. Aber die Menschen reagierten nicht auf ihn. Die amerikanische Politik ist ein echtes Rätsel. Kategorien wie links und rechts erfassen diese Komplexität nicht. Selbst Klassenanalysen greifen oft zu kurz.
Ein Beispiel?
Es ist ein journalistischer Mythos, dass die weiße amerikanische Arbeiterklasse geschlossen oder überwiegend MAGA sei. Das war schon 2024 nicht der Fall. Diese Gruppe ist extrem heterogen – unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Verlusterfahrungen. Trump glaubte, seine Zölle würden die industrielle Produktion in den USA wiederbeleben. Davon profitieren aber nur relativ wenige Industriearbeiter. Die Mehrheit – etwa 62 Prozent – arbeitet im Niedriglohnbereich: im Service, im Einzelhandel, bei Fast-Food-Ketten. Für sie bedeutet diese Politik etwas völlig anderes. Es ist ein Fehler zu glauben, man könne Trumps Unterstützerbasis einfach prognostizieren. Das war schon beim letzten Mal falsch – und wird es wieder sein, etwa mit Blick auf eine mögliche Nachfolge von J. D. Vance. Das Ganze ist viel komplizierter als ein Schema von links und rechts.
Führt das in den Faschismus?
Es gibt einen direkten Weg in einen autoritären Staat: ja. Einen direkten Weg in den Faschismus: nein. Faschismus ist eine sehr spezifische Form von Autorität. Er erfordert ein hohes Maß an Koordination von oben nach unten. Was wir derzeit in den USA sehen, ist das Gegenteil. Die Angriffe auf staatliche Institutionen haben einen bemerkenswert unorganisierten Zustand erzeugt. Es herrscht Destruktion, aber kaum Steuerung. Diese Unordnung ist entstanden, weil die politischen Eliten selbst nicht sehr fokussiert handeln. Ich gebe Ihnen ein sehr alltägliches Beispiel, das jeder ältere Mensch in den USA kennt. Eine der Institutionen, die zerstört wurden, ist Social Security, die soziale Absicherung im Alter. Dort wurden zwischen 42 und 46 Prozent der Beschäftigten entlassen, wir wissen es nicht einmal genau. Das bedeutet: Wenn jemand in meinem Alter, also über 80, ein Problem mit seiner Rente hat, gibt es niemanden mehr, mit dem er sprechen kann. Die Vorstellung, das online zu klären, ist realitätsfremd. Das ist Indifferenz, nicht Kontrolle. In einem faschistischen Staat wären die Entlassenen durch Parteikader ersetzt worden. Das System würde funktionieren – aber politisch überwacht. Deshalb halte ich es für analytisch falsch, das, was in den USA passiert, einfach als Faschismus zu bezeichnen. Wir erleben eine neue Form des Autoritarismus: viel Zerstörung von oben, aber kaum institutionellen Aufbau. Verstehen Sie, was ich meine?
Unbedingt.
Man kann das fast neurologisch beschreiben. Denken Sie an Nero. Gegen Ende seines Lebens war er vollkommen gleichgültig gegenüber dem, was mit den Menschen geschah. Ob sie litten oder starben, spielte für ihn keine Rolle. Er war nicht mehr eingebunden in irgendeine Form von Verantwortung. Dass er am Ende getötet wurde, ist eine andere Geschichte. Mein Punkt ist: Das hier ist kein Faschismus. Es ist etwas anderes. Die operative Logik ist nicht totale Kontrolle, sondern Unverschämtheit gegenüber den Massen. Gleichgültigkeit. Verachtung.
Und diese Gleichgültigkeit wird dadurch verstärkt, dass Trump politisch kaum noch etwas zu verlieren hat?
Genau. Er hat noch etwa drei Jahre im Amt. In dieser Zeit kann ihm realistisch nichts mehr passieren. Es ist unwahrscheinlich, dass er verurteilt wird. Seine Familie verdient Geld in atemberaubendem Tempo. Er verdient für seine Freunde. Wovor sollte er Angst haben? In so einer Situation kann das Ausmaß des Verbrechens nur wachsen. Es gibt keinen inneren Bremsmechanismus mehr.
Lassen sich Trumps Ressourcen- und Ölpolitik historisch vergleichen etwa mit dem britischen Empire oder dem klassischen Imperialismus?
Natürlich. Das ist die Geschichte aller Imperien. Der Zugriff auf Ressourcen, der Zugriff auf Territorien – oft moralisch verkleidet. Heute ist es der Vorwand der Drogenbekämpfung oder der Sicherheit. Im 19. Jahrhundert war es offener. Wenn Sie an die Rolle britischer Ölgesellschaften im Irak oder im Iran denken: Ja, das ist sehr vergleichbar. Der Unterschied ist, dass es heute viel nackter daherkommt. Die Europäer haben diese Form des Imperialismus selbst praktiziert. Aber man ist es nicht gewohnt, sie in dieser rohen Offenheit zu sehen.
Was folgt daraus?
Wir sollten nicht warten. Weil es Zeitverschwendung ist. Dieses ständige „Wir werden sehen“ ist fatal. Erfahrung sollte Vorsicht ersetzen. Wir sollten davon ausgehen, dass Trump es versuchen wird und genau deshalb handeln. Abschreckung funktioniert nur, wenn man sie ernst meint. Wir wissen, worum es geht. Es ist nichts Unbekanntes. Es ist nur entblößt. Deshalb sollte man sich nicht auf das Phänomen fixieren, sondern auf die Konsequenzen. Und das bedeutet: strukturelle Stärkung. Dinge zu tun, die uns nicht gefallen. Zum Beispiel militärisch besser vorbereitet zu sein. Ich wünsche mir das nicht. Aber in Abwesenheit funktionierender Vermittlungsinstanzen – etwa der UNO – ist das die Lage, in der wir jetzt sind. Nicht irgendwann. In den nächsten Tagen.
Nur noch wenige Tage? Die Politik muss also schnell handeln?
Genau. Dieses ständige „Wir werden sehen“ ist das Problem. Wir wissen, was passieren wird. Erfahrung sollte Vorsicht ersetzen. Wir sollten nicht warten, ob Trump Grönland tatsächlich nimmt. Wir sollten davon ausgehen, dass er es versuchen wird – und genau deshalb handeln. Abschreckung funktioniert nur, wenn man sie ernst meint. Nicht, wenn man beobachtet.
Sie plädieren für Stärke?
Wir haben genug Fakten. Mein Vater hat einmal zu mir gesagt: Man brauchte 1936 keine Kristallkugel, um zu wissen, was passieren würde. Man brauchte auch keine Kritische Theorie. Es lag offen zutage. Die Frage war nur, ob man bereit war, es anzuerkennen.
Glauben Sie, dass wir in eine Epoche der Kriege eintreten?
Ja. Das glaube ich. Und das ist für die Linke besonders schwer zu akzeptieren. Ich zähle mich selbst zur Linken, genauer gesagt zu einer bürgerlichen Linken. Wir haben lange geglaubt, dass Regeln, Institutionen, Zwischeninstanzen Macht bändigen können. Dass das der Normalzustand ist. Aber wir sind nicht in einem normalen Moment. Und viele Linke behandeln diesen Ausnahmezustand so, als wäre er Routine.
Kann die politische Linke, so wie sie heute besteht und ausgeprägt ist, darauf überhaupt noch antworten?
In den USA wird das sicher passieren. Hier in Europa bin ich mir nicht sicher. In Großbritannien sehe ich im Moment keinen wirklichen linken Widerstand. Die Linke ist erschöpft, defensiv, ohne klare Antwort. Und ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass wir – die Linke – im Moment die Lösung dieses Problems sind.
Wir haben bisher viel über Politik gesprochen. Aber Sie schreiben ja auch. Arbeiten Sie an einem neuen Buch?
Ja, ich versuche es zumindest. Ich möchte ein Buch über den Pragmatismus schreiben. Es fällt mir im Moment schwer, anzufangen – vielleicht ist das einfach das Alter. Man wird langsamer. Aber ich glaube, der Pragmatismus hat uns heute viel zu sagen, gerade im Hinblick auf die Organisation alltäglicher Erfahrung.
Über Philosophen wie William James?
Ja. William James, George Santayana, vor allem aber John Dewey – der ist mir besonders nah. James etwa interessiert sich stark für das Konzept der Unvollständigkeit. Und genau das prägt heute das Arbeitsleben vieler Menschen. Es gibt keine geschlossenen Erzählungen mehr, keine klaren Biografien. Die Erfahrung der Unabgeschlossenheit, die James noch im privaten Leben verortet hat, ist heute allgegenwärtig.
Was gibt Menschen Orientierung in solchen Zeiten der Auflösung? Was sollte man lesen? Was tun?
Ich lese gerade wieder Kant. Vor allem „Zum ewigen Frieden“. Ich will daran glauben, an Rechtsstaatlichkeit, an internationale Ordnung. Auch wenn es schwerfällt. Gleichzeitig habe ich heute Morgen wieder begonnen, Bücher über den Westfälischen Frieden zu lesen. Es gibt dazu sehr gute Arbeiten auf Englisch. Ich möchte mich daran erinnern, wie zentral dieser Moment war. Er hat gezeigt, dass Ordnung aus Verwüstung entstehen kann. Natürlich hält nichts ewig. Vielleicht ist das alles in zehn Jahren vorbei. Vielleicht gibt es einen neuen Krieg, und danach sagen die Menschen wieder: Das darf nie wieder passieren. Dann entsteht erneut eine internationale Architektur. Ich werde das nicht mehr erleben – Sie vielleicht schon. Aber es wäre eine Schande, das einfach passiv geschehen zu lassen.