VonChristian Thomasschließen
Kleine Ukraine-Bibliothek (67): „Keiner wird um etwas bitten“, neue Geschichten von Serhij Zhadan.
Mit jedem Morgen wird es ein langer Tag. Und ein unberechenbarer, vor allem „wenn die Zeit innehält wie ein Lichtstrahl auf der Schneide eines Messers“. Dieser Gedanke Serhij Zhadans aus seinem Band mit Geschichten, „Keiner wird um etwas bitten“, verweist auch auf einen literarischen Lichtblick in finsterer Zeit. Eine Prosa wie ein Laser, konzentriert, mit gebündelter Energie: „Er sagte seine Nummer. Sie wählte. Das Telefon klingelte bei ihm in der Hosentasche. Er ließ es stecken.“
Existenziell lakonisch war auch die Entscheidung Serhij Zhadans im letzten Sommer, sich zur ukrainischen Armee zu melden, als Freiwilliger, als Autor von 20 Büchern, mit 50 Jahren. Der „Serhij“ hier, in der Geschichte „Das Licht wird aufgehen über der Stadt der Gerechten“, ist ein anderer als der Autor. Es ist die Geschichte über den Verlust eines Augenlichts. „,Was ist ihm denn passiert?‘ ‚Landmine.‘“
Dieser erschütternden Szene zum Trotz kommt es in den Geschichten häufig zu einem Wiedersehen. Wie ja auch für Zhadan-Leser zu einer Wiederbegegnung mit Figuren aus seinen Romanen „Mesopotamien“ oder „Internat“, oft sozial Schwachen auf dem „Wilden Feld“ (der Ostukraine), mit der Metropole Charkiw, Zhadans Lebensmittelpunkt von Geburt an. Man könnte auf den anachronistischen Gedanken kommen, dass diese Sonderlinge ein Nachhutgefecht führen: als sog. überflüssige Menschen einen sog. Vaterländischen Befreiungskrieg gegen das sog. nihilistische Russland. Aber genug 19. Jahrhundert!
Der Krieg des Kremls gegen die Ukraine führt nirgendwo in dem Buch an die Front. Er ist ein flächendeckender Angriff auf die gesamte Ukraine, gezielter Terror gegen das vegetative Nervensystem der Zivilbevölkerung. Ein Vernichtungskrieg gegen die kritischste Infrastruktur der Ukraine, ihre Identität. Durch die famosen Übersetzer Juri Durkot und Sabine Stöhr ist auch dieser Dialog kurz angebunden auf niederschmetternde Art und alles sagende Weise: „,Warum schießen die auf Schulen?‘, fragte er. Das sind doch Bildungseinrichtungen.‘ ,Stimmt‘, lachte der Dicke.“
Das Wort „Russen“ fällt ein einziges Mal in dem Band – wie ein Schuss. Der Krieg verlegt jedwedes Leben unter das Diktat prekärer Überlebenstechniken: „Alles kann verschwinden, wenn man nur die Augen schließt“, doch die dann folgende Aufzählung ist nicht nur lang, denn „diese ganze Ungeschütztheit, Verletzlichkeit“ lässt sich nicht zum Verschwinden bringen.
Im „Nebel des Krieges“ (Clausewitz) verschwinden Figuren, um in einer anderen Geschichte wieder kurz aufzutauchen. Zur Physiognomie des Krieges gehört, dass er Gesichter verändert, so dass sich Menschen binnen kurzem kaum noch wiedererkennen. Mit jedem Abend in der von Drohnen und Raketen angesteuerten Stadt Charkiw werden Nacht und Schlaf zum Alptraum. In Gesprächen ist von Ausreise die Rede, vom Abhauen über die Grenze der Ukraine oder vom Unterkriechen irgendwo auf dem Land.
Nicht von ungefähr ist es der Fußballplatz, der für den Fußballfan Zhadan zu einem Schauplatz wird, auf dem der Fußballanhänger Bohan seinem zwölfjährigen Sohn Tocha die „Spielregeln“ erklärt. Für den Vater zählt nicht, edel zu sein, sondern erfolgreich, es gehe um nichts anderes als darum zu gewinnen – der Fußballplatz als Metapher für das Schlachtfeld, mit dem zählbaren Erfolg, „dem Feind keine Chance zu lassen“, und sei es durch eine „Heldentat“ wie Maradonas WM-Siegtor durch die „Hand Gottes“. Die dem Kind verabreichte Lektion lässt gefrieren. Aber List die Ukraine womöglich überleben?
Die Reihe
Eine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung.
Zuletzt ins Regal gestellt: „Deutsch-ukrainische
Geschichten. Bruchstücke aus einer gemeinsamen Vergangenheit“, hrsg. von Marieluise Beck u.a., Kyrylo Tkachenkos „Rechte Tür Links“, Katja Petrowskajas „als wäre es vorbei“, die von Oswald
Burghardt herausgegebene Anthologie „Dichtung der Verdammten“.
Serhij Zhadan: Keiner wird
um etwas bitten. Neue
Geschichten. Aus dem
Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp, Berlin 2025. 174 S., 24 Euro.
Als Folge 68 wird eine
Anthologie aus dem Ersten Weltkrieg vorgestellt:
„Ein Hauch von Grauen und verborgene Hoffnung“.
Vielleicht ist bemerkenswert, dass Serhij Zhadan über den Futurismus promovierte, der mitunter mutwillig die Entfesselung der Technik zum Selbstzweck und den Krieg zum gleißenden Erweckungserlebnis erklärte. Zhadans Prosa weiß es besser, sie verweigert sich Tempo und Beschleunigung. Die radikal andere Realität, die Russlands Krieg verhängt, besteht aus dem Regime einer „zähen Zeit“. Wie in alten Fabeln ist manche Geschichte, die lange in einer Schwebe gehalten wird, auf eine Pointe hingeschrieben, die vielsagend ist, aber alles andere als erbaulich.
Der Gedankenstrich ist ein wesentliches Stilmittel. Viele Geschichten sind durchsetzt mit diesem Satzzeichen, mit dem es anders weitergeht, gelegentlich sanft, häufiger schroff, noch häufiger unerbittlich. Mit ihm wird ein vorangehender Halbsatz als eine prekäre Aussage hinter sich gelassen: „Die verstaubte Junistraße, das Haus gegenüber – die Fenster schon seit dem letzten Jahr mit Spanplatten vernagelt, als die Stadt besonders intensiv beschossen wurde.“
Trotz aller unsäglichen Umstände behauptet Zhadans Prosa Unausgesprochenes. Trotz der Panik in den Lungen, die „einen nicht atmen ließ“, verharrt die Erzählung häufig in einem tastenden Aggregatzustand. Was dieses Andeuten angeht, so tragen dazu die Zeichnungen des Autors bei – Skizzen. Die zwölf Geschichten sind sehr großzügig gesetzt, der Weißraum lässt die radikal nüchterne Prosa umso monumentaler erscheinen. „Kontakte“ werden von der SIM-Karte gelöscht, es sind die, „,die inzwischen gestorben sind. Bin schon beim Buchstaben D.‘“
Unaufhörlich auf sich allein gestellt
Was schon ist mit dem läppischen Wort Kriegsalltag erklärt, wie wenig mit dem abstrakten Begriff Ausnahmezustand angesichts eines Provisoriums im „staubigen Aquarium der Metrostation“. Oder überirdisch auf einem „halbleeren Charkiwer Markt“. Und doch, es gibt einen Halt, einen im Kleinen, notdürftig, durch einen Blumenstrauß, der dann, wie beklemmend, zurückgeschenkt wird. In einem anderen Maßstab der Auftritt der Sonne. Mag sie auch gelegentlich „rationiert“ sein oder sich verbergen, sie ist die Protagonistin, die unendlich viel dafür unternimmt, dass sie „gut tut“.
Also doch so etwas wie Trans-zendenz? Eine Grenzüberschreitung, die in den Geschichten aus der Deckung kommt? Zhadan, der in seinen früheren Werken stets dafür gesorgt hat, dass sich Engel zeigen, vor wenigen Monaten noch in seiner „Chronik des eigenen Atems“ (Ukraine Bibliothek Nr. 61 vom 13. Dezember 2024), lässt den Glauben an Gott alt aussehen, wenn ein Militärkaplan, befragt nach religiösen „Anleitungen“, den Fragenden bloß anblafft. Nicht zuletzt blufft? Ohne Zweifel ist die Ukraine in dieser zumeist ungemein reduzierten Prosa unaufhörlich auf sich allein gestellt. Das sagt schrecklich viel, und doch, Zhadan macht auf etwas weiteres aufmerksam – und kommt immer wieder auf ein Wort zu sprechen: Wärme. „Doch wenn man ganz genau hinschaut, kann man den Wind sehen, der das Gras berührt, wieder aufsteigt, sich in den Baumkronen verfängt, über den Häusern wirbelt, die gesamte Stadt einhüllt, die voller Wärme und Licht ist, bedeckt vom Himmel, umgeben von Sonne und Mond.“
So oft der Autor Menschen bei einem Abschied zusammenbringt, auf einem Bahnsteig, bei einem Besuch im Krankenhaus, in einem Hotelbett oder zu einer Beerdigung, es geht in den Geschichten um ein Mehr. Um Wärme als psychische Metapher und physikalische Größe für Widerstand. In ihrer Laudatio zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Herbst 2022 bezeichnete Sasha Marianna Salzmann Zhadans Prosa als „Finger auf der Pulsschlagader der Menschen um ihn herum“. Zum Pulsfühlen um ihn herum gehört, dass gerade Zhadans Charkiw weiterhin aufs Pulsieren pocht: „Die Stadt war groß, sie lebte ihr Leben, wärmte sich unter der Sonne und hatte das Gras auf den Hügeln ausgebreitet wie im Fluss gewaschene Wäsche – zum Trocknen, zum Aufwärmen.“
