„Bedingt Abwehrbereit“

Carlo Masala über deutsche Atomwaffen: „Politisch eine Katastrophe“

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Soldaten am Truppentransporter Airbus A400M der Luftwaffe: Sicherheitsexperte Masala fordert ein Umdenken der Deutschen im Umgang mit dem Militärischen.
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Politologe Carlo Masala über ein aufgerüstetes Deutschland, Fehler in der Russland-Politik und die Gefahren einer Wiederwahl Trumps.

Herr Masala, Ihr Buch heißt „Bedingt abwehrbereit“, das war einmal ein Titel des „Spiegel“, der einigen Redakteuren Gefängnisaufenthalte bescherte…

(lacht) Mir ist das bislang Gott sei Dank erspart geblieben.

Kann man denn die heutige Situation mit der der 1960er Jahre vergleichen?

Nein, man kann sie nicht vergleichen. Als in den 1960er Jahren der „Spiegel“-Titel Furore gemacht hat, befand sich die Bundeswehr ja aufgrund der historischen Vergangenheit noch in einer Phase des Aufbaus. Heute haben wir es mit einer Bundeswehr zu tun, die in den vergangenen 30 Jahren systematisch heruntergewirtschaftet worden ist. Sie muss jetzt wiederaufgebaut werden. Die Situation war damals auch deshalb eine andere, da man es nicht mit einem großen Landkrieg innerhalb Europas zu tun hatte.

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In Belgorod regiert die Angst

Probleme der Bundeswehr finden sich auch bei anderen Nato-Staaten

Wie steht die Bundeswehr heute im internationalen Vergleich da?

Das ist eine Frage, die wir in unserer deutschen Debatte oftmals nicht berücksichtigen. Ich meine damit, dass es anderen Streitkräften auch nicht viel besser geht. Die großen Probleme, die die Bundeswehr hat, bürokratische Strukturen, Personalmangel, fehlendes Gerät, ist etwas, unter dem die meisten anderen europäischen Streitkräfte auch zu leiden haben. Alle Nato-Armeen haben in den vergangenen drei Jahrzehnten sowohl in Bezug auf Material als auch Strukturen beständig abgebaut. Das hilft uns natürlich nicht, dass es den Franzosen grundsätzlich auch nicht besser geht, denn wir müssen eben unsere Situation hier in Deutschland verbessern.

Sie fordern eine Aufrüstung, wieviel darf das kosten?

Ich fordere, dass die Bundeswehr das bekommt, was schon lange im Nato-Planungsprozess angekündigt wurde – und dass wir eine vollausgerüstete Bundeswehr haben. Das bedeutet, dass jede Truppengattung das erhält, was sie zur Erfüllung ihres Auftrages benötigt. Heute hat nicht einmal jede Panzerbrigade ihre eigenen oder genügend Panzer. Das muss man ändern.

Was passiert, wenn Donald Trump wieder Präsident wird?

Und wie?

Es gibt das Prinzip „train as you fight“. Ein grundlegendes Prinzip aller Streitkräfte! Man muss so üben können wie man, wenn es hart auf hart kommt, kämpfen muss. Das kann die Bundeswehr heute in großen Teilen nicht, einfach weil das Material fehlt. Nochmals: Die jetzige Truppenstärke muss das erhalten, was sie laut Auftrag und Planung auch braucht.

Was passiert, wenn Donald Trump US-Präsident wird? Wie sollte die deutsche Regierung darauf reagieren?

Wenn Trump Präsident der USA werden sollte, müssen wir uns darauf einstellen, dass wir die Hauptlast der Verteidigung Europas gegen eine russische Aggression alleine tragen müssen. Das wird Fragen aufwerfen, die man bislang in Deutschland nicht öffentlich diskutiert.

Was meinen Sie konkret?

Zwei Prozent Verteidigungshaushalt gemessen am Bruttoinlandprodukt werden dann nicht mehr ausreichen. Dann reden wir über andere Zahlen, vielleicht 3 oder 3,5 Prozent des BIP. Aber ganz sicher nicht mehr von 2 Prozent. Denn wenn in Folge eines Trump-Sieges bei der US-Wahl 2024 sich die USA militärisch sukzessive aus Europa zurückzieht, reichen die derzeitigen Aufwendungen der europäischen Staaten für ihre Verteidigung nicht mehr aus.

Mehr Geld für die Bundeswehr bedeutet Kürzungen an anderer Stelle

Die EU-Staaten diskutieren seit einem Monat, ob sie sich an einem Militäreinsatz im Roten Meer zum Schutz der Handelsschiffe beteiligen sollen oder nicht. Haben Sie da Vertrauen, dass es in dem Fall einer erneuten Wahl Trumps anders aussieht?

Ich habe kein großes Vertrauen in einen solchen Prozess. Ich sehe auch nicht, dass es in Deutschland eine gesellschaftliche Stimmung geben würde, in der solche Maßnahmen beschlossen werden könnten. Mehr Geld für die Verteidigung auszugeben bedeutet eben auch, woanders zu kürzen. Man sieht ja, was in Deutschland passiert, wenn die Subventionen für Agrardiesel bei den Bauern gestrichen werden sollen. Außerdem haben wir noch ein zusätzliches Problem.

Welches meinen Sie?

Wenn Sie sich einmal ansehen, was passiert, wenn die 100 Milliarden Euro an Sondervermögen ausgegeben sind und damit beschafft wurde und dann da ist, schafft das Folgekosten. Die müssen dann aus dem Verteidigungsetat gedeckt werden. Schon jetzt sagen Experten aus dem Bundestag, dass das Delta zu dem, was die Bundeswehr heute kostet, und nach Anschaffungen durch das Sondervermögen, jährlich 30 Milliarden Euro ausmacht. Schon da sehe ich keine Bereitschaft in Politik oder Gesellschaft, dieses Delta zu minimieren. Wer jetzt kommt und fordert, 40 Milliarden jährlich mehr auszugeben, weil die USA als Sicherheitsgarant wegbrechen, dürfte sich kaum durchsetzen können.

Wenn Deutschland allein auf zwei Prozent des BIP Verteidigungshaushalt kommt, hätte es gleich eine der größten Armeen der Welt, sagen Kritiker der Aufrüstung.

Wir hätten vielleicht die stärkste konventionelle Armee in Europa, aber nicht die größte.

Die Vorstellung, dass wir mit der derzeitigen Truppenstärke von 183 000 Mann Angriffskriege führen könnten, ist geradezu grotesk. 

Carlo Masala über die Stärke der Bundeswehr

Die Deutschen haben ein ambivalentes Verhältnis zum Militär, ist das nicht verständlich angesichts zweier Weltkriege?

Da sage ich: Können wir das mal ablegen? Der Weltkrieg ist seit fast acht Jahrzehnten vorüber. Seit Mitte der 1950er Jahre gibt es eine Bundeswehr, von der klar ist, dass es keine Armee ist, die ein „Staat im Staate“ ist. Auch dann nicht, wenn man an die Skandale um Rechtsextremismus denkt. Wer so etwas denkt, sollte sein Geschichtsbild über die Bundesrepublik seit 1949 noch einmal gründlich überdenken. Es gibt im Grundgesetz ein Verbot von Angriffskriegen. Die Befürchtungen, die die Menschen 1955 bei Gründung der Bundeswehr hatten, gelten heute nicht mehr. Die Vorstellung, dass wir mit der derzeitigen Truppenstärke von 183 000 Mann Angriffskriege führen könnten, ist geradezu grotesk. Wir können laut Verfassung nur mit Mandat und innerhalb multilateraler Koalitionen agieren. Außerdem: Wir diskutieren diese Frage nicht im luftleeren Raum, sondern angesichts eines Angriffskrieges in Europa. Es geht hier um eine Nuklearmacht, die beständig Drohungen auch gegenüber Nato-Partnern ausstößt.

Im Kalten Krieg blieb Europa von heißen Kriegen verschont, weil man auf die atomare Abschreckung setzte. Wie wollte man das ohne die USA realisieren?

Das ist die große und die härteste Frage, die wir uns stellen müssen. Eine harte Nuss, die es zu knacken gilt. Wir sollten anfangen, mit der Atommacht Frankreich zu reden, nicht nur die Deutschen, auch andere europäische Staaten sind damit gemeint. Ich sehe keine einfache Lösung für einen europäischen Nuklearschirm. Aber man sollte zumindest einen politischen Prozess starten, in dem man die Frage der Nuklearmacht EU mit Frankreich zu diskutieren beginnt. Es gibt von Präsident Macron Angebote, auf die man sich einlassen könnte.

Zur Person

Carlo Masala ist Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München. Er studierte zwischen 1988 und 1992 in Köln und Bonn Politikwissenschaften, Deutsche und Romanische Philologie. Seine Dissertation reichte er 1996 mit einer Arbeit über die deutsch-italienischen Beziehungen von 1963 bis 1969 ein.

Als Mitherausgebe r ist er bei mehreren Zeitschriften aktiv, unter anderem der „Zeitschrift für Politik“ (ZfP) und der „Zeitschrift für Internationale Beziehungen“ (ZIB). Zuletzt war von ihm erschienen: „Weltunordnung“ (C.H. Beck).

Bedingt abwehrbereit. C.H. Beck, München 2023. 207 S., 18 Euro.

Würde Frankreich im Fall eines Angriffs von Russland Berlin verteidigen? Einige haben da Zweifel.

Natürlich ist Frankreich bereit, Berlin im Angriffsfall zu verteidigen. Täte es das nicht, würde es riskieren, dass die russischen Truppen vor der französischen Grenze stünden. Da die Nuklearwaffen einzusetzen, hätte enorme Konsequenzen für französisches Territorium zur Folge.

„Ein nukleares Deutschland wäre der Alptraum für die europäischen Nachbarn“

Dennoch, wenn man in der Logik atomarer Abschreckung denkt: Müssten die Deutschen nicht im Grunde selbst Atomwaffen anschaffen?

Meine Antwort lautet: nein. Es wäre politisch eine Katastrophe. Ein nukleares Deutschland wäre der Alptraum der meisten europäischen Nachbarn. Es würde sehr schnell Koalitionen zwischen Polen und Franzosen und anderen Ländern geben, um genau das zu verhindern. Diese Frage muss man europäisch angehen und nicht national. Zudem: Man müsste die ganze Technologie dafür haben. Das ist sehr kostenintensiv und würde große strukturelle Veränderungen nach sich ziehen. Die komplette Struktur von Streitkräften wird dadurch verändert. Da steckt mehr dahinter, als nur über 20 oder 30 Atombomben zu verfügen.

Viele fordern eine Führungsrolle Deutschlands, auch Polen.

Ja, aber nicht die einer Nuklearmacht. Sogar eine militärische deutsche Führungsrolle will man nicht, sondern fordert eine politische Führung durch Deutschland. Aber wenn Deutschland die stärkste konventionelle Armee hat, Nuklearmacht und die stärkste Wirtschaftsnation in Europa ist, dann ist es sofort aus Sicht aller anderen der neue Hegemon in Europa. Das will keiner.

Privatisierung keine Lösung für die Probleme in der Bundeswehr

Sie geben auch dem Neoliberalismus eine gewisse Schuld für den Zustand der Bundeswehr. Weniger Staat bedeutet eben auch weniger Landesverteidigung?

Die neoliberale Idee, die ich hier jetzt einmal auf Privatisierung reduziere, hat auch Folgen für die Streitkräfte gehabt. Deshalb konnte man über bestimmte Dinge nicht mehr verfügen, weil es privatisiert wurde. In Fragen der äußeren und inneren Sicherheit muss ein Staat alles selber haben. Natürlich kann man die Reinigung privatisieren, aber wenn man anfängt, Schutzfunktionen oder sogar militärische Funktionen zu privatisieren, dann ist das eine ziemliche Katastrophe.

Können Sie ein Beispiel geben?

Sehen Sie sich doch die Starlink-Geschichte in der Ukraine an, das zu Elon Musk, einem privaten Unternehmer, gehört. Das Land hängt von einem Privatunternehmen ab. Und wenn deren Chef morgens aufsteht und heißt Elon Musk und sagt: Nee, die Krim dürft ihr aber jetzt nicht angreifen, sonst schalte ich die Satellitenaufklärung aus, dann ist man militärisch extrem gebunden. Das ist schon ziemlich irre.

Nach dem Fall der Berliner Mauer sprach Francis Fukuyama vom Ende der Geschichte. Es wurde großzügig abgerüstet. Mit Putins Antritt als Präsident in Russland änderte sich etwas. Zunächst schien er auf den Westen zugehen zu wollen, halten Sie das im Nachhinein für glaubwürdig?

Das lässt sich ohne Aktenzugang schwer beurteilen. Wir sehen schon relativ am Anfang unter Wladimir Putin, dass die russischen Sicherheitsvorstellungen in Europa immer mit einer Schwächung der USA einhergingen. Da lag Putin immer auf einer Linie mit den Vorstellungen der Sowjetunion und des Warschauer Paktes. Bereits der Rapacki-Plan von 1958, der eine gesamteuropäische Konferenz vorsah, um Sicherheit und Stabilität in Europa herzustellen, hatte die Idee, dass die USA und Kanada nicht daran teilnehmen sollten. Damit wäre Russland die einzig dominierende Macht in Europa gewesen.

Wladimir Putin: Der Aufstieg von Russlands Machthaber in Bildern

Wladimir Putin ist seit dem 24. Februar 2022 auch Kriegsherr – auch wenn in Russland nach offizieller Lesart nur von einer militärischen „Spezialoperation“ in der Ukraine gesprochen wird.
Am 24. Februar 2022 befahl Wladimir Putin den Angriff russischer Truppen auf die Ukraine. Setdem ist er nicht nur Präsident Russlands, sondern Kriegsherr – auch wenn in Russland der Ukraine-Krieg nach offizieller Lesart nur eine militärische „Spezialoperation“ genannt wird. © Mikhail Klimentyev/Imago
Wladmir Putin mit Flottenchef Kurojedow
Von 1975 bis 1982 war der am 7. Oktober 1952 geborene Putin KGB-Offizier, von 1984 bis 1985 besuchte er die KGB-Hochschule in Moskau. Ab 1985 war er in der DDR tätig, hauptsächlich in Dresden. Danach ging es wieder zurück nach St. Petersburg. Vom 25. Juli 1998 bis August 1999 war Putin Direktor des Inlandsgeheimdienstes FSB. In dieser Eigenschaft traf er sich im November 1998 mit Flottenchef Wladmir Kurojedow (rechts). © Stringer/dpa
So sah Wladimir Putin im Alter von 40 Jahren aus, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm.
Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt Wladimir Putin im Jahr 1992 im Alter von 40 Jahren, als er an der Eröffnung der Honda Motor Show 1992 in St. Petersburg teilnahm. Zwei Jahre später wurde er von einem der Vizebürgermeister zum ersten Vizebürgermeister der Stadt ernannt. Sein politischer Aufstieg nahm Formen an. © Russian Look/IMAGO
Dieses Foto zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin im Jahr 1994 in seinem Büro. Damals war er 42 Jahre alt und Vizebürgermeister von St. Petersburg.
In seinem ersten Jahr als erster Vizebürgermeister der Stadt St. Petersburg im Jahr 1994 wurde Wladimir Putin in seinem Büro fotografiert. Damals war er 42 Jahre alt. Von körperlichen Beschwerden aus dieser Zeit ist nichts bekannt. Putin war zudem bereits seit seiner Jugend sportlich und ging unter anderem dem Kampfsport Judo nach, in dem er sich einen Schwarzen Gurt verdiente. © Russian Look/IMAGO
Drei Jahre später enstand dieses Foto von Wladimir Putin zusammen mit Anatoly Sobchak, ehemaliger Bürgermeister von St. Petersburg.
Dieses Foto entstand drei Jahre später, 1997, und zeigt Wladimir Putin – damals 45 Jahre alt – zusammen mit Anatoly Sobchak, dem ehemaligen Bürgermeister von St. Petersburg. © Russian Look/IMAGO
Wladimir Putin mit Boris Jelzin im Kreml.
Im Jahr 1999 übernahm Putin zum ersten Mal das Amt des Ministerpräsidenten – mit Option auf die Nachfolge von Präsident Boris Jelzin (links). Als Jelzin am 31. Dezember 1999 sein Amt niederlegte, übernahm Putin kommissarisch auch die Amtsgeschäfte des Präsidenten. Im Mai 2000 wurde Putin dann regulär zum Präsidenten Russlands gewählt. © dpa
Im Jahr 2000 wurde Putin zum ersten Mal Präsident der Russichen Föderation. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin.
Im Jahr 2000 wurde Wladimir Putin erstmals zum Präsidenten der Russischen Föderation gewählt. Das Foto zeigt den damals 48-Jährigen zusammen mit Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin. Die Beiden sollte im weiteren Verlauf eine innige Freundschaft verbinden, die auch über Schröders politische Karriere hinaus Bestand hatte. © Thomas Imo/IMAGO
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen.
Wladimir Putin während einer Trainingssession in Sotschi im Jahr 2019. Der russische Präsident gilt als großer Judo-Fan und hat im Jahr 2000 in Tokio den Titel des sechsten Dan des „Kodokan-Judo“ verliehen bekommen. © Mikhail Metzel/Imago
Am 7. Mai 2000 legte Putin seinen Amtseid ab.
Am 7. Mai 2000 legte Putin unter den Augen von Boris Jelzin seinen Amtseid ab. Mit einer Ausnahme einer Zeit als Regierungschef von 2008 bis 2012 hat Putin seither das Amt des Präsidenten der Russischen Föderation inne.  © Imago
Wladimir Putin und Bill Clinton bei der Unterzeichnung eines Vertrages in New York.
Im September 2000 führte Putin der Weg in die USA. Bill Clinton (rechts) war der erste US-Präsident, mit dem er es in den kommenden Jahren zu tun bekam. in seiner Mit dem damals noch amtierenden US-Präsidenten B © Imago
Mit einer Umarmung begrüßen sich Gerhard Schröder und Wladmir Putin im Foyer des Taschenbergpalais in Dresden.
Als Russlands Präsident reiste Putin im September 2001 zu einem dreitägigen Staatsbesuch nach Deutschland. Im Foyer des Taschenbergpalais in der sächsischen Landeshauptstadt Dresden begrüßte ihn auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (links). Die beiden verstanden sich offensichtlich schon damals ausnehmend gut. Die Freundschaft hat auch heute noch Bestand. © Jan-Peter Kasper/dpa
Der schwarze Labrador von Wladimir Putin läuft beim Treffen seines Herrchens mit Angela Merkel durchs Zimmer.
Putin spielt gerne psychologische Spielchen – so auch 2007 mit Kanzlerin Angela Merkel. Bei ihrem Treffen in Sotschi am Schwarzen Meer ließ Putin während einer gemeinsamen Pressekonferenz eine Labradorhündin ohne Leine herumlaufen. Merkel, einst in ihrer Jugend von einem Hund gebissen worden, fühlte sich sichtlich unwohl.  © Dmitry Astakhov/dpa
George Bush und Wladimir Putin spazieren auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei.
George W. Bush (rechts) war der zweite US-Präsident, mit dem es Putin zu tun bekam. Im April 2008 trafen sich beiden Staatschefs auf dem Gelände von Putins Sommerresidenz Bocharov Ruchei. © Imago
Wladimir Putin neuer russischer Regierungschef.
Am 7. Mai 2008 löste Dmitri Medwedew nach zwei Amtszeiten Putin im Amt des russischen Präsidenten ab. Einen Tag danach wählte die Duma Putin auf Vorschlag des neuen Präsidenten zum neuen Regierungschef. Putin blieb auch in dieser Position der starke Mann. © dpa
Im Jahr 2009 ließ sich Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend zur Demonstration von Macht fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt.
Im Jahr 2009 ließ sich Wladimir Putin mit freiem Oberkörper auf einem Pferd sitzend fotografieren, als er durch die südsibirische Republik Tuwa ritt. Mit solchen Fotos pflegte Putin sein Macho-Image. Er wollte er laut Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ Wirkung in der russischen Bevölkerung erzielen und auch international demonstrieren, dass er ein starker Gegner ist. © epa Alexey Druzhinyn
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben.
Bekleidet mit olivgrüner Jagdhose und einem dazu passenden Sonnenhut präsentiert sich Wladimir Putin beim Angeln in den sibirischen Bergen im Jahr 2017. Geht es nach dem russischen Präsidenten, hat der Oberkörper aber freizubleiben. Das gilt für Reiten wie offenbar auch fürs Angeln. © Aleksey Nikolskyi/Imago
Putin und Obama stoßen miteinander an.
Am 7. Mai 2012 wurde Putin erneut zum Präsidenten gewählt. Sein Verhältnis zu US-Präsident Barack Obama war von Distanz geprägt. Das war auch im September 2015 bei einer Veranstaltung der Vereinten Nationen in New York der Fall.  © Amanda Voisard/dpa
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause.
Wladimir Putin in einem camouflage-farbendem Tauchanzug während eines Ausflugs in der russischen Republik Tuwa in Sibirien im Jahr 2017. Das Foto zeigt den russischen Präsidenten während einer Verschnaufpause. © Alexei Nikolsky/Imago
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam.
Als Donald Trump die US-Wahl 2016 gegen Hillary Clinton gewann, hatte Russland wohl seine Hände mit im Spiel. Putin hatte sicher seinen Grund. Mit Donald Trump kam er jedenfalls gut zurecht. Im November 2017 begrüßten sie sich Familienfoto im Rahmen des Gipfeltreffens der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) in Da Nang (Vietnam) herzlich.  © Mikhail Klimentyev/dpa
Der chinesische Präsident Xi Jinping (r) und der russische Präsident Wladimir Putin (l) geben sich am 04.07.2017 im Kreml in Moskau (Russland) bei einem Gespräch die Hände
Unter Putin sind sich Russland und China zuletzt immer nähergekommen. Ein wichtiger Termin war der 4. Juli 2017, als der chinesische Präsident Xi Jiping im Kreml in Moskau zu Besuch war. Damals wurden mehrere Verträge und Wirtschaftsabkommen unterzeichnet. © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin und Olaf Scholz am Tisch im Kreml.
So pflegt Putin inzwischen seine Gäste zu empfangen – vor allem die aus dem Westen. Am 15. Februar 2022 reiste Kanzler Olaf Scholz nach Moskau. Damals hatte der Ukraine-Krieg noch nicht begonnen. Putin ließ sich von Scholz aber nicht beeindrucken. © Kremlin Pool/Imago
Wladimir Putin im Kreml.
Putin forcierte in seiner dritten Amtszeit die kriegerischen Auseinandersetzungen. Seit dem 21. März 2014 betrachtet Russland die Krim als Teil des eigenen Staatsgebiets, seit September 2015 unterstützt die russische Luftwaffe im Militäreinsatz in Syrien den syrischen Präsidenten Assad im dortigen Bürgerkrieg.  © Sergei Ilnitsky/dpa
Wladimir Putin (links) und Joe Biden schütteln sich bei ihrem Treffen in der „Villa la Grange“ die Hand.
Anlässlich der Genfer Gipfelkonferenz traf sich Putin am 16. Juni 2021 mit US-Präsident Joe Biden zu einem Gespräch. Schon damals waren die russischen Truppenaufmärsche an der Grenze zur Ukraine ein Thema. © Denis Balibouse/dpa
Wladimir Putin lacht
Genutzt hat das Gipfelgespräch wenig. Am 24. Februar 2022 begann mit dem Einmarsch der russischen Truppen ins Nachbarland der Ukraine-Krieg. Putin wusste es wohl schon in Genf.  © Denis Balibouse/dpa
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen.
Selbst wenn sich der Kreml-Chef nahe den Gewässern Russlands erholt, sind die Kameras der russischen Staatspresse nicht weit entfernt. Schnappschüsse von einem schwimmenden Wladimir Putin, wie hier im Jahr 2017, würde ihnen sonst glatt entgehen. © Alexei Nikolsky/Imago

Putins Rede auf der Münchener Sicherheitskonferenz als Wendepunkt

Putin führte bereits 1999 Jelzins Krieg gegen Tschetschenien auf äußerst brutale Weise fort. Es folgte der Krieg in Georgien, zuvor der Auftritt in München 2007, dann Kriege in Syrien und der Ukraine. Hätte man da schon wissen müssen, dass hier eine massive Richtungskorrektur vorliegt?

Der entscheidende Punkt war 2007, der Auftritt Putins vor der Münchner Sicherheitskonferenz. Seine Rede dort war der großangekündigte Kurswechsel Russlands – oder besser: eine Kampfansage an den sogenannten Westen. Da hätte man reagieren müssen. Aber man hat nicht dran geglaubt. Aber spätestens 2014 hätte man eine Reaktion zeigen müssen. Da war klar, dass es Putin um Landnahme geht, um Vergrößerung des russischen Territoriums und Einflusses.

Haben alle geschlafen?

Es gab mahnende Stimmen. Es herrschte der Eindruck vor, dass Putin es nicht so ernst meint und die Partnerschaft mit Europa braucht, um sein Land nach vorne zu bringen. Es wurde massiv in Rohstoffe investiert, es gab starke europäische ökonomische Interessen, die uns in die Abhängigkeit vom russischen Gas gebracht haben. All das führte dazu, dass man Putins Auftritt nicht ernst genommen hat. Auch der brutale Krieg Russlands in Syrien war dem Westen relativ egal.

„Russische Kriegsführung geht immer einher mit totaler Zerstörung“

Was haben die Kriege vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine gezeigt?

Die russische Kriegsführung geht immer einher mit totaler Zerstörung. Ob es Zivilisten oder Kombattanten sind, ist aus russischer Sicht völlig egal. Letzten Endes werden Städte dem Erdboden gleichgemacht.

Das Minsker Abkommen wurde von Sarkozy, Merkel und Steinmeier ausgehandelt. War es im Nachhinein ein Fehlschlag, eine Fehlkonstruktion?

Man hätte zumindest agieren müssen in Bezug auf die Aufrüstung der ukrainischen Streitkräfte und die Abschreckung seitens der Nato. Das gilt nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für andere Streitkräfte, sieht man einmal von den Polen und den baltischen Staaten ab. Der Besuch von Robert Habeck in der Ostukraine im Sommer 2021, als er sagte, dass man die Ukraine mit Selbstverteidigungswaffen beliefern solle, hat mich beeindruckt. Wäre man seinem Vorschlag gefolgt, hätte man den Russen vor 2022 klar gemacht, dass ihr Angriff zumindest unkalkulierbare Folgen haben würde. Man hätte den Preis in die Höhe getrieben. Stattdessen wurde er von allen angegriffen, nicht nur in seiner eigenen Partei.

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

Olaf Scholz in Sachen Ukraine-Krieg „eine kluge Politik gemacht“

Wie bewerten Sie da die Politik von Scholz nach dem russischen Angriff?

Er hat eine kluge Politik gemacht. Seine Partei war tief gespalten. Er hat versucht, alle mitzunehmen. Das musste dann Lars Klingbeil als Parteivorsitzender ausführen. In den ersten Wochen nach Kriegsausbruch hat der Kanzler das Richtige getan. Was er machen musste, war eine Operation am offenen Herzen. Putin hat gleich zu Beginn mit dem Einsatz taktischer Nuklearwaffen gedroht. So etwas ignoriert man nicht einfach.

Gab es Fehler des Westens, die den russischen Angriff begünstigten?

Man hat signalisiert, dass man sich raushalten will und bei den eigenen Prinzipien einzuknicken, damit es zu keinem Krieg kommt. Die Russen verstanden dass so, dass der Westen nicht mucken wird. Das aber mussten wir in den letzten beiden Jahren lernen: Putin reagiert nur auf Stärke, nicht auf Schwäche.

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