Interview

Tatsiana Khomich über ihre Schwester in belarussischer Haft: „Ich hoffe jeden Moment, dass Maria überlebt“

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Maria Kolesnikova im September 2021 vor dem Gericht in Belarus.
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Tatsiana Khomich ist die Schwester der inhaftierten belarussischen Oppositionellen Maria Kolesnikova, von der es seit Februar kein Lebenszeichen gibt.

Tatsiana Khomich, seit Februar gibt es kein Lebenszeichen von Ihrer Schwester Maria Kolesnikova. Was ist ihr neuester Stand?

Aus anonymen Quellen wissen wir, dass Maria seit vielen Monaten in Isolationshaft sein soll, einer winzigen Einzelzelle für politische Gefangene, die im Gefängnis angeblich Regeln gebrochen haben. Die Gefängnisverwaltung antwortet auf Mails von Marias Anwälten immer das Gleiche: dass Maria mit ihren Anwälten und ihrer Familie offenbar nicht sprechen und sie nicht sehen wolle. Das ist natürlich dreist gelogen. Vor einigen Tagen wurden Wohnungen von Verwandten von uns durchsucht. Sie wollen uns weiterhin Angst einjagen.

Bevor sie seit inzwischen mindestens zehn Monaten vermutlich in Isolationshaft sitzt, musste Ihre Schwester operiert werden, es hieß, sie habe einen Magendurchbruch gehabt.

Das stimmt. Sie hatte nur sieben Minuten Freigang, durfte pro Woche 20 Minuten duschen, alle Kommunikationswege wurden ihr verboten. Sie war vor der OP schon in Einzelhaft – dort konnte sie nicht schlafen, weil es zu kalt war. Vor der Operation hatte sie 15 Kilo abgenommen, das Essen war sehr schlecht. Nachher ging es ihr zwischenzeitlich etwas besser.

Wann haben Sie zuletzt mit ihr gesprochen?

Im Juli 2022. Damals waren ihr noch Video-Gespräche erlaubt, für fünf Minuten. Man konnte nicht frei reden, aber man konnte ihr Hoffnung machen – indirekt vermitteln, dass sich viele Menschen für sie einsetzen. Schon damals wirkte Maria mental angeschlagen, trotzdem aber auch sehr stark und kämpferisch. Rechtsanwälte konnten sie damals noch alle 14 Tage sehen, ich habe ein- bis zweimal im Monat mit ihr gesprochen. Mein Vater konnte sie im November noch einmal besuchen – und dann nochmal sehr kurz nach ihrer Operation. Seit Februar hat niemand mehr mit ihr gesprochen. Sie darf auch keine Briefe schreiben. Ich hoffe, dass sie zumindest lesen darf.

Stimmt es, dass Ihre Schwester, die Musikerin ist, in den ersten Monaten Partituren in die Zelle geschickt bekam – das aber verboten wurde, weil ihr das gut getan hat?

Ja, es wurde ihr irgendwann verboten. Maria liebt Musik – und diese Liebe sollte sie wohl in keiner Weise erfahren dürfen.

Was ist Ihre größte Sorge?

Dass es Maria mental und körperlich sehr schlecht geht. Sie wollen sie brechen, um jeden Preis. Man kann so stark sein wie man will – eine so lange Einzelhaft übersteht niemand unbeschadet. Ich habe große Sorge, dass meine Schwester die Haft nicht überlebt. Im Sommer sind der Künstler Ales Pushkin und der Blogger Nikolai Klimovich in Haft gestorben, weil ihnen dringend benötigte medizinische Versorgung verwehrt wurde. Es gibt viele andere Todesfälle von politischen Inhaftierten. Klimovich hatte gebeten, aus gesundheitlichen Gründen nicht in die Einzelhaft zu müssen – er kam trotzdem dorthin und starb wenig später. Die Insassen bekommen keine ausgewogene Ernährung, kaum Freigang. Auch Maria wird nicht die Medikamente erhalten, die sie braucht.

Die internationalen Medien berichten aktuell sehr wenig über Belarus. Frustriert Sie das?

Wir versuchen jeden Tag, das zu ändern. Im Sommer hat sich der deutsche Präsident Frank-Walter Steinmeier noch für die Freilassung meiner Schwester und anderer politischer Gefangener eingesetzt. Belarus spielt eine wichtige Rolle im Krieg Russlands gegen die Ukraine, auch von Belarus aus haben die Russen angegriffen – und Belarus war wie die Ukraine auf dem Weg in Richtung Demokratie. Bei einer fairen Wahl wäre Svetlana Tichanowskaja Präsidentin geworden im Sommer 2020. Belarus war vor der brutalen Niederschlagung der Demokratiebewegung das prosperierende Silicon Valley Osteuropas. Es gab internationalen Austausch von Akademikern – dadurch ist die Freiheitsbewegung gewachsen. Das ist jetzt alles eingefroren. Der Westen darf nicht vergessen, dass die meisten Belarussen nicht für Lukaschenko und nicht für Putin sind – im Gegenteil. Sie verachten das System. Putin will Belarus so kolonialisieren wie die Ukraine – nur ohne Krieg. Das kann der Westen nicht wollen.

Zur Person

Tatsiana Khomich (37), studierte Mathematikerin, ist die Schwester der seit September 2020 in Belarus inhaftierten Oppositionellen Maria Kolesnikova. Kolesnikova trat nach der Verhaftung des Präsidentschaftskandidaten Wiktar Babaryka an dessen Stelle in den Präsidentschaftswahlkampf 2020 ein. Mit Swetlana Tichanowskaja und Waleryj Zepkala bildete sie ein Frauen-Trio, das äußerst beliebt war.

Kolesnikova blieb nach der Wahl als einzige der drei Frauen im Land. Am 7. September 2020 wurde sie festgenommen und zu elf Jahren Haft verurteilt. Tatsiana Khomich verließ Belarus kurz vor der Wahl. Sie ist Repräsentantin für politische Gefangene des Koordinierungsrates von Belarus, der sich im Exil befindenden „Gegenregierung“.

Ist Protest gegen das Regime in Belarus noch möglich?

Es ist sehr gefährlich, sich auch nur irgendwie gegen das Regime zu äußern. Ein Post in den Sozialen Medien gegen den Krieg der Russen oder eine Forderung zur Freilassung meiner Schwester kann zur Inhaftierung führen. Seit August werden jeden Monat 600 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert. 2024 sollen Parlamentswahlen sein, da sollen alle Regimekritiker vorher aus dem Spiel genommen werden.

Noch brutaler als 2020 …

Viktor Babariko lag in inoffiziellen Umfragen zur Präsidentschaftswahl vorn, als er im Juni 2020 verhaftet wurde. Unser Bündnis hat sich dann Svetlana Tichanowskaja angeschlossen. Meine Schwester wurde eine der Sprecherinnen seiner Bewegung – durch ihr Charisma und ihren Charme mit großem Erfolg. Die Freiheitsbewegung wurde immer größer. Wir wussten, wie gefährlich das für sie und uns alle ist. Aber es gab eine echte Chance, Lukaschenko zu stürzen. Der Ausgang der Geschichte ist bekannt. Jetzt will das Regime jede Opposition im Keim ersticken.

Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Schwester eines Tages eine wichtige Politikerin in Belarus wird, Präsidentin sogar?

Das ist ein schöner Traum, für den ich im Moment keine Bilder habe. Ich weiß nicht, was Maria gerade fühlt und denkt. Ich hoffe einfach jeden Tag und jeden Moment, dass sie mental und körperlich gesund bleibt. Ich hoffe jeden Tag und jeden Moment, dass sie überlebt.

Sie sind kurz vor den Wahlen im Sommer 2020 aus Belarus ausgereist. Wie sieht Ihr Leben heute aus?

Völlig anders als zuvor. Ich bin Mathematikerin und habe als Business-Analystin in Belarus gearbeitet. Kurz vor der Wahl wurden sehr viele Verwandte von Oppositionellen verhaftet – daher bin ich ausgereist. Wir wussten, dass wir uns künftig aus dem Ausland organisieren müssen. Jetzt bin ich politische Aktivistin im Exil. Ich arbeite für den Koordinierungsrat, um Strukturen der Opposition aus dem Ausland aufrechtzuerhalten. Zusammen mit der Organisation Libereco haben wir Abgeordnete aus vielen Ländern angeschrieben und Medienkampagnen organisiert. Ich war vor dem Menschenrechtsausschuss der USA, dem EU-Parlament und vieler europäischer Länder. Seit Beginn des Krieges in der Ukraine und jetzt des Nahost-Konflikts ist es schwer geworden, Aufmerksamkeit für Belarus zu gewinnen.

Ihre Schwester wurde am 7. September 2020 gekidnappt, inhaftiert und wegen „Extremismus“, „versuchter Machtergreifung“ und „Aufrufens zu staatsgefährdenden Handlungen“ zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Seitdem hat sie mehr als 20 internationale Preise erhalten. Sie nehmen viele Auszeichnungen für sie entgegen und sprechen seit dreieinhalb Jahren mehr über Ihre Schwester als über alles andere.

Ich bin seit ihrer Verschleppung und Inhaftierung zur Stimme meiner Schwester geworden – engagiere mich aber auch für viele politische Gefangene in Belarus. Ich arbeite weiter im Koordinierungsrat, einer Organisation für die demokratischen Kräfte in Belarus, die von Svetlana Tichanowskaja angeführt wird. Wir glauben, dass wir damit eine Mehrheit in Belarus vertreten und eine Gegenregierung bilden.

Der Koordinierungsrat erkennt Präsident Lukaschenko nicht als Wahlsieger an. Er fordert die Freilassung aller politischer Gefangener. Haben Sie Hoffnung, dass das eines Tages passiert?

Es ist ein weiter Weg. Die Mehrheit der Menschen im Land ist weiterhin gegen Lukaschenko. Wir brauchen die massive Unterstützung des Westens. Und werden die Hoffnung nicht verlieren.

Tatsiana Khomich. Foto: Viktar Babaryka HQ

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