- VonKlaus Walterschließen
Taylor Swift ist der größte Popstar der Gegenwart, sie lässt Stadien erbeben und beinflusst die US-Volkswirtschaft. Klaus Walter macht sich Gedanken über die Gründe für ihre immense Popularität
Welche Art der Vergemeinschaftung findet eigentlich rund um den größten Popstar der Gegenwart statt? Die Frage beschäftigt auch die Academia. Die Universität Gent bietet einen Kurs zu den Texten von Taylor Swift an, um zu klären, ob die Sängerin ein „literarisches Genie“ ist. In Melbourne wird bei einem „Swiftposium“ erforscht, wie TS Wirtschaft, Gesellschaft und Literatur beeinflusst. Im „New Yorker“ erzählt Joe Garcia, wie es ist, Taylor Swift im Gefängnis zu hören. „Ihre Musik gibt mir das Gefühl, dass ich immer noch Teil der Welt bin, die ich zurückgelassen habe.“ Die Frankfurter Rundschau spekuliert im Wirtschaftsteil, ob Taylor Swift den Nobelpreis bekommt. Zwar sei die Sängerin noch nicht durch Ökonomietheorien aufgefallen, „ihr Effekt auf die US-Volkswirtschaft ist aber unbestreitbar“. Im Sportteil erklärt die FR, „warum das Techtelmechtel zwischen Taylor Swift und Travis Kelce ein PR-Segen ist für die American Football Liga NFL“.
Die kanadische Sängerin Grimes verkündet, dass einzig ihre Kollegin TS die Gespaltenen Staaten von Amerika wieder vereinigen kann – als Präsidentin. Wer die Idee abwegig findet, sollte sich fragen, welche Qualifikationen Donald Trump mitbringt, abgesehen vom landesüblichen Präsidial-Alter und -Geschlecht.
Rekorde über Rekorde, so ein Erfolg will verstanden werden, auch von uns, die wir glaubten, TS ignorieren zu können. Beim Verstehenwollen komme ich mir vor wie einer, der 1970 zum ersten mal die Beatles hört und zu ergründen versucht.
Also frage ich bei Facebook, der Boomerplattform. Wer erklärt die Swiftmania? Erste Antworten spiegeln den herablassenden Ton der Frage. „Weil sie so spießig und clean ist. Projektionsfläche für viele.“ Schreibt Myriam Brüger, Jahrgang 1970, Ex-Hamburger Schule. Ernst Hofacker, 66, Veteran der deutschen Rockkritik („Musikexpress“): „Gibt’s die wirklich? Ich dachte, die sei ein Langzeit-Experiment vom Musicians Institute, L. A., für den Einsatz von KI.“ Viele brüsten sich, keinen Swift-Song zu kennen, und greifen zu Helene-Fischer-Vergleichen. „Die negativen giftigen Kommentare hier haben hauptsächlich Männer verfasst“, moniert Susanne Wolfram, TV-Produzentin im Ruhestand. Julia Orth, Marketingmanagerin, Jahrgang 68, postet „Shake It Off“, Swifts discoides Aerobic-goes-Ballerina-Video, und empfiehlt, „die ‚Jugend‘ zu befragen bzw. Damen in den 20ern & frühen 30ern“.
Jetzt kommen die Senioren-Swifties aus der Deckung. Auch hier ein Gender Gap: Frauen sind inniger mit TS, beziehen sich auf Texte, Bilder, Stoff, der was bedeutet in ihrem Leben. Männer zielen aufs Große und Ganze. Tobias Rapp, Jahrgang 71, Fan und Erklärer beim „Spiegel“: „Taylor Swift ist eine große Songwriterin. Aus der Countryschule, sie kommt also immer vom Erzählerischen her, von der Geschichte.“ TS sei Normcore, funktioniere „lagerübergreifend; sehr inklusives Programm“ und pflege „Freundinnen-Feminismus; jede darf mitmachen“. Klingt plausibel, aber macht wirklich jede mit? Auch die Bindestrich-Amerikanerinnen?
TS löst Beyoncé, Rihanna, Lady Gaga ab und, auf lange Sicht, Madonna. Auf eine Afro-Amerikanerin, eine Karib-Amerikanerin und zwei Italo-Amerikanerinnen folgt eine Amerikanerin ohne Präfix, die anfangs als All American Girl bezeichnet respektive abgetan wurde. Das neutral und inklusiv klingende All American meint natürlich: All American White Girl. Ihre Whiteness gepaart mit der Country-Grundierung des Frühwerks macht TS auch für Trumpisten attraktiv, aber, so Robert Mießner in der „taz“: „Die Liebe, die Vertreter der US-amerikanischen Alt-Right Taylor Swift angetragen haben, hat die Künstlerin nicht erwidert.“ Aber erfüllt TS nach den Beyoncé-Rihanna-Gaga- und den Obama- und Black-Lives-Matter-Jahren nicht doch die Sehnsucht nach einem normalen American Idol, nach einer Figur ohne Migrationsmarker, ohne Sklavereigeschichte, ohne historischen Ballast, die „aber doch auf Mindeststandards an Feminismus, Antirassimus usw. beharrt“, so der Kollege Frank Eckert.
Und die Musik? Macht TS Musik für Leute, die keine Musik mögen, aber auch keine Stille ertragen? Für Leute wie den ehemaligen Intendanten des Hessischen Rundfunks, von dem ein denkwürdiger Satz überliefert ist: „Ich möchte morgens keine Musik hören, die mich beim Zähneputzen stört.“ Hat der Intendant nicht gemerkt, dass das Brummen der elektrischen Zahnbürste beim Musikhören stört?
These: TS besetzt die lange vakante Position eines weißen Mainstream-Superstars, der große Teile der Gesellschaft erreicht, klassenübergreifend, auch altersklassenübergreifend, davon zeugen viele „Mutter, Tochter und Taylor“-Geschichten. Ist es Adult Oriented Rock für Jung und Alt? Erwachsenenmusik für Kinder, die schneller erwachsen werden, und Eltern, die länger jung bleiben als in den 70ern, als AOR erfunden wurde.
Nach Woodstock, Vietnam und Altamont war Rock nicht mehr mit Gegenkultur und Revolution verkoppelt, Rebels und Hippies wurden ruhiger, mit ihnen die Musik. Auf ihrem stilprägenden Bestseller „Tapestry“ singt Carole King 1971 zu gediegenem Folkrock von vergänglicher Liebe und geplatzten Träumen: „It’s too late Baby“. AOR bleibt hegemonial, repräsentiert über ein Jahrzehnt einen (weißen) gesellschaftlichen Mainstream, exemplarisch verkörpert von einer Gruppe, die eine irre Metamorphose hinlegt: von der britischen Männer-Bluesband zur gemischten kalifornischen Biz-Kommune, die den bandinternen Partnerinnenwechselreigen (Polyamorie ist noch nicht erfunden) in süffig-cabriokompatiblen Westcoast-Pop gießt: Fleetwood Mac, deren „Rumours“ die späten Siebziger prägt wie „Tapestry“ die frühen. Sounds und Sentiments dieser Ära werden TS von ihren Upper-Middle-Class-Eltern mitgegeben. Sie taufen ihre Tochter nach James Taylor, Softrock-Star und Proto-Softie, der seinen größten Hit mit einem Carole-King-Song feiert: „You’ve got a friend“. Die Blüte des AOR endet vor Swifts Geburt 1989, ist aber in ihrem Werk aufgehoben, mitunter könnte sie durchgehen als gemeinsame Tochter von Christine McVie und Stevie Nicks, den ungleichen Blonden von Fleetwood Mac.
Zur Person
Taylor Swift kommt 1989 in Reading, Pennsylvania zur Welt, als Tochter einer Familie der gehobenen Mittelschicht. Inspiriert von Country-Sängerinnen wie Dolly Parton und LeAnn Rimes strebt sie schon als Teenager eine Showbiz-Karriere an. Mit vierzehn unterschreibt sie ihren ersten Plattenvertrag. Nach großen Erfolgen auf dem Country-Markt wechselt Swift mit ihrem fünften Album „1989“ zum Pop.
Seitdem bricht sie reihenweise Rekorde. Keine andere Künstlerin hat mehr Nummer-Eins-Alben herausgebracht. Als erste Frau hat sie 100 Millionen Hörer bei Spotify. Ihre Tourneen verzeichnen Rekordeinnahmen. Die Doku ihrer „Eras“-Tour legt den besten Start eines Konzertfilms hin. Swifts Vermögen wird auf 1,1 Milliarden Dollar geschätzt.
Nach juristischen Konflikten mit der Firma Scooter Braun um die Rechte an ihren Songs beginnt Swift 2021 damit, ihre eigenen Alben neu einzuspielen – als „Taylor’s Versions“. Auch dafür wird sie von den Swifties geliebt – so nennen sich die Fans von Taylor Swift. Soeben erschienen: Taylor Swift „1989 – Taylor’s Version“ (Universal).
Das Facebook-Swiftposium puzzelt weiter. „Spex“-Recken schicken ihre Diagnosen. Ali Neander von den Rodgau Monotones berichtet vom Besuch seiner Tochter bei ihrer Schul-Austauschfamilie in Delaware. Liberales Haus, Vater Bauingenieur. Gastschwester und Mutter kommen verspätet vom TS-Konzert, die Stimmung kippt ins Hysterische, bis klar wird: Neuerdings ist Gras legal in Delaware, die ganze family stoned. Robert Rotifer, Musiker und Autor, Jahrgang 1969, schreibt: „Tochter, die Swift selber okay, aber nicht sooo notwendig findet, hat queer-lesbische Freundinnen, die Swift als ihren Draht zur Cis-Hetero-Welt zelebrieren.“
Genderfragen verhandelt auch die Harvard Gazette (ja, die Harvard Uni). Die Lyrikerin Stephanie Burt stellt sich als „queer lady“ vor und doziert: „Als Songwriterin verfügt sie über viele Begabungen, auf der Makroebene, wie das Lied eine Geschichte erzählt oder eine Haltung zum Ausdruck bringt, auf der Mikroebene, wie die Vokale und Konsonanten zusammenpassen.“ Burt glaubt, „dass ihr Songwriting eine größere Anzahl von Wörtern umfasst als alle vergleichbaren Hits eines vergleichbaren Songwriters, mit Ausnahme von Bob Dylan.“ Oh my God!, wüten die Dylanologen, gleich möchte man TS verteidigen gegen die misogynen Senioren. Ja, Burts Sakrileg kommt gut, aber trägt sie nicht eine weiße Brille? Sonst wäre ihr aufgefallen, dass Rap-Hits seit Kurtis Blows „The Breaks“ und Grandmaster Flashs „The Message“ größere Textmengen haben als die langen Dylan- und Swift-Riemen.
Auf den längsten TS-Text bringt mich Jacinta Nandi. Die in Berlin lebende Autorin, Mutter englisch, Vater englisch-indisch, ist mit 43 eine der Jüngsten beim Facebook-Swiftposium. „Ich finde es echt komisch, dass die Leute es schaffen, gleichzeitig stolz zu sein nicht ein einziges Lied zu kennen UND nicht so einen schlechten Geschmack zu haben.“ So kommentiert Nandi eine Boomer Attitude, die problemlos Ignoranz mit Herablassung verbindet. Nandi: „Als die zehnminütige Version von ‚All too well‘ rauskam, habe ich geheult das ganze Wochenende.“
Die literarische Bearbeitung des Heulens zu Swifts Hit „All too well“ findet sich in „50 Ways to Leave Your Ehemann“, Nandis autobiografischer Schrift über ihr prekäres Leben als alleinerziehende Mutter. Jacinta schickt mir „Meine Mama und ich zusammen im Frauenhaus“, das swifty Kapitel: „Meine Mama hatte einen Inder geheiratet, meine Mama ist Kommunistin geworden. Mein Vater hat sie geschlagen, und es gab niemanden, der sie abholen könnte.“ Das Kapitel endet: „Am 12. November 2021 veröffentlichte Taylor Swift ihre eigene Version von ihrem Popsong All Too Well. All Too Well war ein Lied, das sie 2012 über eine kurze Beziehung, wahrscheinlich mit Jake Gyllenhaal, geschrieben hatte. Jetzt, fast zehn Jahre später, hat sie das Lied neu aufgenommen (…) Irgendwas in Taylor Swifts neuer Version hat mein Herz berührt, (…) die Tatsache, dass sie jetzt ihre Geschichte erzählte – und dass es jetzt egal war, ob sie stimmte oder nicht. (…) Sie erinnerte sich ‚allzu gut‘ an die Geschichte.“
All too well erinnert sich TS an eine schmerzhafte Beziehung. Nandi gleicht ihre eigenen Erfahrungen (und die ihrer Mutter) mit dem Song ab. „Ich war nicht so sicher wie andere feministische Freundinnen, dass Taylor Swifts kurze Beziehung, die darin beschrieben wird, unbedingt abusive war – ich neige dazu zu denken, dass es das nicht war. Es ist voll gemein, nicht zu erscheinen beim Geburtstag deiner Freundin, ohne Ausrede – aber ist es Gewalt? Ist es Gewalt, (…) einen Schlüsselbund so unvorsichtig zu werfen, dass ein Schlüsselanhänger mit feministischem Spruch drauf runterfällt?“
„And you were tossing me the car keys, ‚Fuck the patriarchy‘ keychain on the ground“, singt TS in „All too well“. Ein Stream of Memories, allzu hartnäckige Erinnerungen an eine gewaltvolle (?) Beziehung, verpackt in radiofreundlichen Folkpop, der radiounfreundlich auf das Strophe-Refrain-Schema verzichtet und 10:13 Minuten dauert, 961 Wörter. Zum Vergleich: Bob Dylan „Blowing In the Wind“, 184 Wörter, Helene Fischer „Atemlos“ 272 Wörter. Damit ist „All too well“ der längste Song an der Spitze der US-Charts und löst „American Pie“ ab, Don McLeans Epos von 1971 (8:32 Min., 865 Wörter). Zudem symbolisiert die Neuaufnahme TSs Befreiung aus den Fesseln der Kulturindustrie. Nach dem Ende ihres Vertrags mit Big Machine Records 2018 wird das Label von der Firma Scooter Braun aufgekauft. TS verliert die Rechte auf die Masterbänder ihrer ersten sechs Alben. Und nimmt diese komplett neu auf, „Taylor’s Version“, eine Rückaneignung, von Swifties gefeiert als Fempowerment.
Am vergangenen 27. Oktober erscheint das Remake von „1989“, und exakt neun Jahre nach dem Original wird TS zur meistgestreamten Künstlerin binnen einem Tag in der Spotify-Geschichte. Nicht nur Swifties wollen ihrem Idol beim Älterwerden zuhören, rausfinden, was die 33-Jährige mit den Songs ihres 24-jährigen Ichs anstellt. Dazu Carolina Schwarz, eher Generation Z als Boomerin: „Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine Zeitreise machen in die Gefühlswelt Ihres jungen Erwachsenenlebens. Vielleicht eine Zeit voller Herzschmerz. Aber vielleicht auch eine, in der Sie immer selbstständiger wurden und sich von den Meinungen anderer unabhängig machten. Genau so eine Zeitreise hat jetzt Taylor Swift mit ‚1989‘ gemacht.“
Mit den automodifizierten Re-Versionen schlägt sie die Pop-Kapitalisten von Scooter Braun mit deren Waffen. Aber ist TS nicht selbst ein Bilderbuchprodukt des digitalen Kapitalismus? Das behauptet Slavoj Žižek, 74. Der slowenische Universaldeuter kritisiert Swifts „Art und Weise, in der Wünsche im kapitalistischen Rahmen manipuliert werden, dass sie letztendlich dazu dienen, den Status quo aufrechtzuerhalten, indem sie die Menschen in einem ständigen Zustand des Wollens und Konsumierens halten“.
Peter Sloterdijk, 76, recycelt sein Konzept der „intimen Öffentlichkeit“. TS verfüge über die Gabe, „die privaten Aspekte ihres Lebens nachvollziehbar und für ihr Massenpublikum attraktiv zu machen.“ Dass die Swift-Analysen der Philosophen so erwartbar ausfallen, mag daran liegen, dass sie von einer KI stammen. Tobias Nagl, verdienter „Spex“-Autor, hatte ChatGPT gefragt, was Žižek und Sloterdijk zu TS einfällt. Die Antworten bestätigen, dass bei KI unten rauskommt, was oben reinkommt. Nagl ist mittlerweile Professor für Film Studies an der University of Western Ontario, Kanada, und sagt. „Hier in Nordamerika redet eigentlich niemand über Taylor Swift. Das ist ein rein deutsches Phänomen. Hier behandelt man sie wie Walmart. Da Walmart in Deutschland gescheitert ist, muss Taylor Swift für Deutsche erklärt werden.“ Wir bleiben dran.
