Methusalem aus dem Meer

Seltene Entdeckung sorgt für Aufsehen: Forscherteam meldet überraschenden Ostsee-Fund

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In der Ostsee lebt eine faszinierende Meerespflanze. Sie ist eine echte Sensation. Wie ein internationales Forscherteam jetzt herausgefunden hat.

Frankfurt – Es soll die bisher älteste bekannte Meerespflanze sein: ein Seegras-Klon in der Ostsee. Er ist über 1400 Jahre alt und stammt aus der Zeit der Völkerwanderung. Das teilt das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel mit. Mit diesem hohen Alter stellt der Seegras-Klon selbst den Grönlandhai in den Schatten.

Sensationeller Ostsee-Fund: Älteste bekannter Meerespflanzen-Klon gefunden

„Damit übertrifft der Seegras-Klon das Alter des Grönlandhais oder der Arktischen Islandmuschel, die nur einige hundert Jahre alt werden“, teilt das GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel mit. Erstmals haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Alter eines marinen Pflanzenklons mithilfe einer sogenannten genetischen Uhr bestimmen können.

MeerespflanzeZostera marina (Großes Seegras)
verbreitetvom Pazifik bis zum Atlantik und Mittelmeer
geschlechtliche Vermehrung Blüten und Samen
klonale Fortpflanzungüber Rhizome (Sprossachsen) im Sediment
AlterSeegras-Klon in der Ostsee 1402 Jahre alt
Ostsee-Fund: Forscherteam entdeckt älteste bisher bekannte Meerespflanze (Symbolfoto).

Seegras-Klon in der Ostsee mehr als 1400 Jahre alt

Das Seegras kann sich über Blüten und Samen, sowie auch über Rhizome im Sediment vervielfältigen. „Die nicht-geschlechtliche vegetative Vermehrung als alternative Fortpflanzungsart ist in der Tier-, Pilz- und Pflanzenwelt weit verbreitet“, erklärt Projektleiter Dr. Thorsten Reusch, Professor für Marine Ökologie am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

Durch diese sogenannte klonale Fortpflanzung könnten genetisch ähnliche Nachkommen oft die Größe eines Fußballfeldes erreichen. Diese Nachkommen seien jedoch genetisch nicht völlig identisch. Hier kommt die neue genetische Uhr ins Spiel.

Großes Seegras (Zostera marina) ist im Pazifik bis zum Mittelmeer verbreitet (Archivfoto). In der Ostsee haben Forschende eine tausend Jahre alte Meerespflanze gefunden.

So funktioniert die Methode der genetischen Uhr

Sogenannte somatische Mutationen, die im Laufe eines Lebens der Pflanze entstanden sind, häufen sich in den Nachkommen an. Dieser Prozess sei laut den Forschenden mit dem Tumorwachstum vergleichbar. Durch diese Mutationen lasse sich das Alter eines jeden Klons mit hoher Präzision bestimmen.

„Eine wichtige Rolle spielen dabei ungerichtete, zufällige Mutationen in der Erbinformation, die im Laufe der Zeit so regelmäßig auftreten, wie Uhren ticken“, heißt es in der Mitteilung.

Das Forscherteam um Reusch wandte die neue genetische Uhr auf einen Datensatz des Seegrases Zostera marina (Großes Seegras) an, das im Pazifik bis zum Atlantik und im Mittelmeer vorkommt. Das Ergebnis:

  • Besonders in Nordeuropa fanden sich Klone, die mehrere hundert Jahre alt sind.
  • Der ältesten identifizierte Seegras-Klon war 1402 Jahre alt und stammt aus der Ostsee.

„Dieser Klon erreichte dieses hohe Alter, trotz einer rauen und wechselhaften Umwelt“, so das Team.

Nach Ostsee-Fund beginnt Suche nach älteste Organismen der Erde

„Wir erwarten, dass andere Seegrasarten und ihre Klone der Gattung Posidonia (Neptungras) in Mittelmeer und vor der australischen Küste, deren Ausbreitung sich über mehr als zehn Kilometer erstrecken, noch viel höhere Alterswerte aufweisen und damit die mit Abstand ältesten Organismen der Erde sind“, sagt Thorsten Reusch.

Bedeutung für die Evolutionsbiologie

Mit der neu entwickelten molekularen Uhr lasse sich laut den Forschenden eine wichtige Wissenslücke über das Alter und die Langlebigkeit klonaler Arten in marinen Lebensräumen schließen. Die Forschungsergebnisse, die in der Fachzeitschrift Nature Ecology and Evolution veröffentlicht wurden, zeigen, dass die molekulare Uhr auf verschiedene Organismen wie Korallen, Algen und Pflanzen angewendet werden kann.

„Solche Daten sind wiederum Voraussetzung, um eines der langjährigen Rätsel der Evolutionsbiologie zu lösen, nämlich warum solche großen Klone trotz variabler und dynamischer Umgebungen überhaupt existieren können“, so Thorsten Reusch.

Zudem hoffen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, diese Ansätze nun auf gefährdete Korallen anzuwenden, um effektive Schutzmaßnahmen zu entwickeln.

In der Ostsee entdeckten Forschende durch Zufall eine mehr als 10.000 Jahre alte Steinmauer. (ml)

Rubriklistenbild: © P.Nowack/imago

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