VonPamela Dörhöferschließen
Zuletzt hieß es, beim Vulkanausbruch in Pompeji vor 2000 Jahren habe heißes Gas die Menschen getötet – nun stützt eine Studie die These, dass die meisten Opfer erstickt sind.
Das Schicksal der Opfer von Pompeji bewegt auch heute noch, obwohl ihr Tod bereits 2000 Jahre zurückliegt. Das dürfte vor allem damit zu tun haben, dass die antike Stadt nach dem verheerenden Ausbruch des Vesuvs im Spätsommer des Jahres 79 nach Christus unter einer meterhohen Asche- und Bimsschicht begraben wurde. Denn dadurch blieb sie gut erhalten und vermittelt ein anschauliches Bild vom damaligen Alltagsleben. Ganz besonders aber sind es die Gipsabgüsse der Menschen von Pompeji, deren Anblick tief berührt. Festgehalten im Augenblick ihres Todes, fragt man sich unweigerlich, was ihnen widerfahren ist. Auch die Wissenschaft beschäftigt seit Jahrhunderten, woran die Menschen in Pompeji gestorben sind.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Valencia (Spanien) hat versucht, diese Frage mithilfe von Röntgenfluoreszenz zu lösen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Fachrichtungen Archäologie, Chemie und Umweltwissenschaften kommen zu dem Schluss, dass die meisten Opfer nicht von Trümmern und Steinen erschlagen wurden, auch nicht durch Flammen oder glutheißen Dampf umkamen, sondern erstickten. Die Gruppe hat ihre Erkenntnisse im Fachmagazin „Plos One“ veröffentlicht.
Die Forschenden stützen damit die bereits früher favorisierte These, dass die Menschen in Pompeji in den gewaltigen Aschewolken umkamen, die mit dem Ausbruch des nahen Vesuvs einhergingen. Diese Theorie war in den letzten Jahren jedoch zunehmend verworfen worden. Viele Fachleute gingen nun stattdessen davon aus, dass die Menschen damals starben, weil extrem heißes Gas ihre Körperflüssigkeiten verdampfte.
Das Team um die Archäologen Llorenc Alapont und Gianni Gallello von der Universität Valencia setzte zur Klärung der Todesursache auf die Röntgenfluoreszenz-Analyse und arbeitete dabei mit kleinen, transportablen Geräten, mit denen sich die Gipsabgüsse der Toten direkt vor Ort untersuchen ließen. Röntgenfluoreszenz ist ein Verfahren, mit dem sich die chemische Zusammensetzung schnell und ohne Schäden anzurichten bestimmen lässt.
Überrascht von Phase zwei
Die Gipsabgüsse stammen aus den 1870er Jahren. Damals entdeckte der italienische Archäologe Giuseppe Fiorelli bei Ausgrabungen in Pompeji unter meterhohem vulkanischen Material menschliche Knochen in einer Hohlform; das Letzte, was von diesen Menschen übrig geblieben war. Im Laufe der Zeit, als sich die Leichen zersetzen, bildete sich im erhärteten Gestein ein Hohlraum in der ursprünglichen Form des toten Körpers. Fiorelli kam auf die Idee, die Hohlräume mit Gips auszufüllen und nach dem Aushärten die Asche zu entfernen. So entstanden dreidimensionale Gipsfiguren in der Form der Verstorbenen. Zwar gelang es auf diese Weise, in einzigartiger Form die Vergangenheit zu konservieren und ein geradezu „lebendiges“ Zeugnis von ihr zu schaffen. Gleichzeitig jedoch wirkte der Gips zerstörerisch, denn die darin enthaltenen Chemikalien kontaminierten viele Knochen – was es schwierig macht, aus deren Analyse tragfähige Schlussfolgerungen zu ziehen.
Mit kleinen Röntgenfluoreszens-Geräten untersuchte das Team um Alapon und Gallello insgesamt sieben Abgüsse von Toten aus Pompeji, sechs davon wurden am Stadttor Porta Nola geborgen, einer in den Ruinen eines Badehauses gefunden. Mit Hilfe der Röntgenmethode ließen sich in den Gipsabgüssen jene Knochen identifizieren, die am wenigsten durch andere Stoffe verunreinigt waren. Diese Knochen wurden dann mit anderen menschlichen Überresten verglichen, die unter anderem von einem Friedhof in Rom stammten oder absichtlich eingeäschert worden waren. Die chemische Zusammensetzung der Knochen aus Pompeji glich dabei am stärksten den eingeäscherten Überresten.
Für Studienautor Gianni Gallello spricht noch ein weiteres Argument für einen langsamen Tod durch Ersticken, wie in einem Artikel zur Studie im Wissenschaftsmagazin „Science“ zu lesen ist: Die Tatsache, dass die untersuchten Körper in einer entspannten Position auf dem Bauch lagen. Außerdem, so Gallello, zeigten Abdrücke, dass sich einige Opfer mit ihren Kleidern bedeckten und versuchten, das Einatmen von Asche zu vermeiden. Im Gegensatz dazu sehe man bei vielen Skeletten aus der Nachbarstadt Herculaneum, die durch den Vulkanausbruch damals ebenfalls zerstört wurde, eine starre „Boxerposition“ – was charakteristisch für einen schnellen Tod durch heißen Dampf sei.
Der Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 verlief in zwei großen Phasen: Während der ersten, die sich um die Mittagszeit ereignete, spuckte der Vulkan heißes Gas, Asche und pulverisierten Bimsstein aus, und weil der Wind ungünstig stand, trieb er die zerstörerische Wolke Richtung Pompeji. Zwölf Stunden dauerte diese erste Phase der Eruption. Die Menschen in Pompeji, die das überlebt hatten und nicht geflüchtet waren, gingen vermutlich davon aus, das Schlimmste sei überstanden. Doch dann folgte eine Reihe von pyroklastischen Wellen, bei denen sich ein Strom aus Asche und Gestein durch die Gassen der Stadt fraß.
„Die zweite Phase ist die gefährlichste“, wird Studienautor Gianni Gallello, im „Science“-Artikel zitiert. Die von den Forschenden untersuchten Toten am Stadttor Porta Nola dürften während dieser Zeit umgekommen sein. Sie wurden auf einer Lage aus dicken Schichten von Bimsstein gefunden, was nach Ansicht Gallelos darauf hindeutet, dass sie die erste Phase des Ausbruchs überlebt und versucht hatten, aus Pompeji zu flüchten. Die Forschenden gehen davon aus, dass die Mehrheit der Opfer von Pompeji – so wie die Toten von der Porta Nola – in dieser Phase des Ausbruchs starb.

