Die Hochwasserlage in Tschechien, Polen und Österreich spitzt sich immer weiter zu – und auch in den deutschen Grenzregionen bereiten sich die Menschen auf dramatisch steigende Pegel vor.
Die Hochwasserlage spitzte sich am Sonntag vor allem in Osteuropa weiter zu: In Polen brach ein Staudamm, in Tschechien fanden weitere Evakuierungen statt, und in Österreich war ein Stausee kurz vor dem Überlaufen. Auch in östlichen Regionen in Deutschland stiegen die Pegelstände langsam, aber stetig. In Dresden wurden Schutzmaßnahmen für die Altstadt vorbereitet.
Auch in Tschechien sind die Regionen im Osten des Landes am stärksten betroffen – dort wurden weitere Menschen evakuiert. Nach Angaben der Feuerwehr wurden bereits mehr als 10 000 Personen in Sicherheit gebracht. Die Zahl könnte demnach auf bis zu 30 000 steigen. Im Altvatergebirge sind bereits mehrere Häuser nach den Überflutungen eingestürzt.
Der tschechische Regierungschef Petr Fiala hat an die Menschen im Land appelliert, angesichts von Hochwasser und Überschwemmungen den Anweisungen der Einsatzkräfte zu folgen. Manche Menschen weigerten sich, den Evakuierungsbefehlen Folge zu leisten und ihre Wohnungen oder Häuser zu verlassen. „Damit gefährden sie nicht nur sich selbst, sondern auch diejenigen Menschen, die dann versuchen müssen, sie zu retten, wenn es dramatisch wird“, sagte der liberalkonservative Politiker im öffentlich-rechtlichen Fernsehen CT. Wer glaube, dass die präventiven Maßnahmen unnötig seien, irre sich.
Staudamm in Polen bricht
In Opava an der Grenze zu Polen musste die Feuerwehr bereits mit Booten ausrücken, um in einer überfluteten Plattenbausiedlung Zurückgebliebene zu retten. Andernorts warteten Menschen auf Dächern auf Hilfe. Mindestens vier Menschen gelten seit Beginn des schweren Unwetters als vermisst. An mehreren Pegelmessstationen an Nebenflüssen der Oder wurde ein Jahrhunderthochwasser gemeldet. „Wir müssen damit rechnen, dass das Schlimmste noch nicht hinter uns liegt“, warnte Fiala.
Im Südwesten Polens brach unterdessen ein Staudamm. Nachdem das Bauwerk im niederschlesischen Stronie Slaskie nachgegeben habe, ströme das Wasser jetzt den Fluss Biala Ladecka hinunter und nehme Kurs auf das Gebiet der Glatzer Neiße, teilte das Meteorologische Institut auf X mit. Es sei eine „ernste Bedrohung“ für die Orte entlang dieser Flüsse. Die Polizei habe einen Rettungshubschrauber in die Gegend geschickt, um vom Wasser eingeschlossene Menschen in Sicherheit zu bringen. Auch Armee und des Heimatschutz seien im Einsatz.
Der Ort Stronie Slaskie liegt im Glatzer Schneegebirge an Polens Grenze zu Tschechien. Am Samstagabend war in der gebirgigen Gegend bereits ein Staudamm in Miedzygorze übergelaufen.
Auch in dem schlesischen Dorf Glucholazy bei Oppeln (Opole) mussten Menschen mit Hubschraubern in Sicherheit gebracht werden. Die Wassermassen rissen eine provisorische Brücke weg, auch der Neubau einer Brücke in der Nähe wurde beschädigt.
Die Behörden in Polen rechnen nicht mit einer Entspannung der Lage. Der Sicherheitsberater von Präsident Andrzej Duda, Jacek Siewiera, schrieb nach Beratungen mit der tschechischen Seite auf X, besonders in den Nebenflüssen der Oder, die in Tschechien entspringen, werde der Wasserstand in den kommenden Stunden noch weiter steigen.
In Niederösterreich schauten Einsatzkräfte gebannt auf die Staumauer am Kraftwerk Ottenstein am Fluss Kamp. Weil der Dauerregen anhielt, rechnete der Krisenstab damit, dass das Wasser spätestens am Abend aus dem Staubecken über die Mauer läuft.
Im Kamptal wird mit einer Flutwelle gerechnet. „Die Situation wird sich heute Nachmittag sicherlich noch einmal zuspitzen“, warnte der Bürgermeister von Gars am Fluss Kamp, Martin Falk, im Sender oe24. Im Ort mit rund 300 Einwohner:innen wurden gut 151 Menschen in Sicherheit gebracht. Im ganzen Bundesland Niederösterreich waren vorsichtshalber 1100 Häuser evakuiert worden. Das Kraftwerk Ottenstein liegt rund 120 Kilometer nordwestlich von Wien.
„Wir haben es mit einer noch nie dagewesenen Extremsituation zu tun“, sagte der Stellvertreter der Landeshauptfrau (Ministerpräsidentin) von Niederösterreich, Stephan Pernkopf. In einigen Hochwassergebieten Österreichs ist innerhalb von vier Tagen so viel Regen gefallen wie sonst im gesamten September. Das berichtet Geosphere Austria, die Bundesanstalt für Geologie, Geophysik, Klimatologie und Meteorologie. Zum Beispiel seien unter anderem an der Wetterstation in St. Pölten 300 bis 350 Millimeter gefallen. Das entspricht 350 Litern pro Quadratmeter.
Schutz für Dresdner Altstadt
Auch in Deutschland stiegen die Pegel. So soll die Dresdner Altstadt durch mobile Schutzwände vor dem steigenden Hochwasser geschützt werden. Entsprechend aktueller Pegelstandprognosen sind die Aufbauarbeiten für Montagmorgen geplant, wie die sächsische Landeshauptstadt mitteilte. So soll verhindert werden, dass Wasser über das Terrassenufer in die Altstadt fließt. Sollte der Wasserstand schon früher 5,50 Meter erreichen, wird der Beginn der Arbeiten vorgezogen.
Für Dresden meldete das Landeshochwasserzentrum zuletzt einen Wasserstand von 4,56 Metern, es gilt Alarmstufe 1. Der Normalstand der Elbe liegt am Dresdner Pegel bei 2 Metern, beim Jahrhunderthochwasser 2002 waren es 9,40 Meter. Am Nachmittag oder frühen Abend sollte der Richtwert von 5 Metern für Alarmstufe 2 erreicht werden, am Montagnachmittag 6 Meter (Alarmstufe 3).
Vor dem erwarteten Hochwasser sind wichtige Abrissarbeiten an der zum Teil eingestürzten Carolabrücke über die Elbe in Dresden abgeschlossen worden. Das bestätigte Feuerwehrsprecher Michael Klahre am Sonntag. Das betrifft den Teil der Brücke am Ufer zur Neustadt. Damit sind die Arbeiten schneller beendet worden als geplant. Ursprünglich war Sonntagabend angestrebt worden. Ein Teil der Brücke liegt aber noch immer in der Elbe. Am Abend sollten noch die Maschinen aus dem Uferbereich herausgefahren werden.
Der am Mittwoch in die Elbe gestürzte Teil der Brücke bleibt zunächst an Ort und Stelle. Es hat nach derzeitiger Einschätzung keinen größeren Einfluss auf den Pegelstand. Es kann nach Angaben der Leiterin des Straßen- und Tiefbauamts, Simone Prüfer, erst entfernt werden, wenn das Hochwasser abgeklungen ist. Ein Konzept für den Abbruch sei in Arbeit. D. Heimann & M. Heitmann, dpa
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