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Unser Autor lässt sich zum Staatsbürger der USA vereidigen – und erlebt dabei kurz nach dem Amtseintritt von Donald Trump ein Wechselbad der Gefühle.
Von Sebastian Moll
Raum 310 der New Yorker Einwanderungsbehörde gleicht einem überdimensionalen Flughafen-Gate. Endlose Reihen fest verschraubter Sitze, Rücken an Rücken, frisch gewienerter Linoleumfußboden. Eine Beamtin läuft auf und ab, verkündet streng Anweisungen. An den Wänden hängen sepiafarbene Fotos von der Quarantäneinsel Ellis Island im New Yorker Hafen, Fotos aus der Zeit der großen Masseneinwanderung nach Amerika zwischen 1860 und 1920. Es sind Familien aus Polen, Italien, Deutschland oder Irland, die ihr Hab und Gut in ein paar Koffern mit sich tragen und mit ebenso ängstlichen wie hoffnungsvollen Augen dem entgegenblicken, was sie wohl in der Neuen Welt erwarten mag.
Die paar Hundert, die heute früh den Raum 310 bevölkern, stehen in der Nachfolge der Ankömmlinge von Ellis Island. Wer durch die Reihen blickt, bekommt den Eindruck, als seien alle Nationen vertreten, die dieser Globus hervorgebracht hat. Da sind Menschen aus Ghana und Burkina Faso, aus Kroatien und Jamaika, aus China und - ja, auch aus Deutschland.
Es liegt eine freudige Aufgeregtheit in der Luft, die auch mich ergreift. Es ist der Tag der Vereidigung zum Staatsbürger der USA, für viele Menschen das Ende eines langen hürdenreichen Weges - gepflastert mit endlosen Interviews, Bergen von Formularen, dem Beschaffen von Bescheinigungen über Lebensweg, Arbeits- und Familienverhältnisse und Finanzen, sowie beträchtlichen Gebühren. Mein eigener Weg hierher war vergleichsweise eben. Ich bin seit 1997 stolzer Inhaber einer Green Card, einer unbefristeten Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Und als die deutsche Bundesregierung im Frühjahr 2024 die doppelte Staatsbürgerschaft erleichterte, packte ich die Gelegenheit beim Schopf und stellte meinen Antrag auf Einbürgerung in die USA.
Vom Wohnsitz über Steuern bis hin zur Sozialversicherung - die doppelte Staatsbürgerschaft macht zahllose bürokratische Vorgänge einfacher.
Es schien damals eine ganz praktische Entscheidung. Vom Wohnsitz über Steuern bis hin zur Sozialversicherung - die doppelte Staatsbürgerschaft macht zahllose bürokratische Vorgänge einfacher. Ich hatte nicht erwartet, dass mich ein gestempeltes blaues Büchlein amerikanischer machen würde, als ich das ohnehin bin. Es ist mehr als 30 Jahre her, dass ich als Student nach New York kam; seither nehme ich, mit Unterbrechungen, bisweilen kritisch, oft aber auch enthusiastisch teil an Leben und Kultur des Landes. Genau, wie ich es auch in Europa tue.
Doch hier, im Raum 310 der Nummer 26 Federal Plaza, einem modernen Zweckbau gegenüber dem neoklassizistischen New Yorker Gerichts, wird der Verwaltungsakt plötzlich doch emotional aufgeladen. Umso mehr, da der Amtsantritt von Donald Trump noch nicht lange zurückliegt.
Man muss an diesem Morgen unweigerlich daran denken, welche Dramen sich in den Räumen desselben Gebäudes täglich abspielen und sich in den kommenden Jahren wohl noch viel häufiger abspielen werden. Wie Asylbewerber:innen nach Monaten, vielleicht Jahren, zu ihrer zweiten oder dritten Anhörung kommen und auf der Stelle deportiert oder interniert werden. Wie die Einwanderungsbehörde vornehmlich zur Abschiebebehörde umfunktioniert wird.
Nachdem wir alle unsere Einbürgerungsurkunde in Empfang und in einem großen Festsaal Platz genommen haben, überkommt mich jedoch das Gefühl, das zumindest hier, zumindest jetzt, das Einwanderungsland Amerika noch lebt. Der Beamte, der in seinem miserabel sitzenden Anzug ans Mikrofon tritt, begrüßt mit offensichtlicher Freude alle seine neuen Mitbürger:innen. Das Motto im Siegel der Vereinigten Staaten, E Pluribus Unum – „aus vielen eines“ –, erfüllt sich spürbar mit Sinn. Wir alle hier, die Frau aus Bogota neben mir, der Familienvater von der Elfenbeinküste, der mexikanische Bauarbeiter und der deutsche Journalist werden heute hier durch einen Sprechakt eins.
Dabei fühlt es sich eben nicht so an, als ob wir als Bittsteller, als Fremde von außen kämen, um eingelassen zu werden. In diesem Raum, in diesem Moment sind wir Amerika. Wir sind die Verkörperung des Ideals einer Nation, jener Novo Ordo Seclorum – einer „neuen Ordnung für die Zeitalter“ -, wie es auf dem Rücken des Staatssiegels heißt, die aus dem Zusammenkommen der Vielen entsteht.
Es ist ein Ideal, das mich immer noch sentimental werden lässt, auch wenn sich selbstredend mein Verhältnis zu den USA um einiges verkompliziert hat, seit ich als 16-Jähriger mit offenem Verdeck und den Bee Gees im Autoradio den Sunset Boulevard in Los Angeles heruntergefahren bin, berauscht von einem ozeanischen Freiheitsgefühl.
Spätestens im Studium hat sich meine Amerikasehnsucht dann konkretisiert, hat ein Vokabular erhalten. Begierig haben wir die US-amerikanische Romantik gelesen, Emerson, Whitman, Thoreau, die von radikalen Neuanfängen, von einer Wiedergeburt auf dem neuen Kontinent geschwärmt haben, vom Abschütteln von der Last der Traditionen, von einem mutigen Nach-vorne-Schreiten ins Ungewisse, erfüllt von Optimismus und dem Glauben an eine bessere Zukunft für die Menschheit.
Natürlich wurde man sich gleichzeitig der Kehrseite des amerikanischen Experiments bewusst: Der Durchsetzung der amerikanischen Geschichte mit extremer Gewalt, dem Völkermord an den Ureinwohner:innen, der Barbarei der Sklaverei, des fortgesetzten systematischen Rassismus, Sexismus und der Homophobie.
Und doch hielt der Glaube daran, dass Amerika es besser hat. Der Glaube, dass das Land die Fähigkeit hat, sich zu reformieren und seinen eigenen Idealen immer mehr anzunähern, einer „more perfect union“ entgegenzustreben, wie Barack Obama es immer wieder ausdrückte. Das Auf und Ab meiner ersten Jahre hier als Journalist bestätigte den Glauben an diese Fähigkeit. Zuerst war da 2004 die niederschmetternde Wiederwahl George W. Bushs und seiner neokonservativen Kamarilla, die man damals als Zeichen für die totale Korruption der US-amerikanischen Politik hielt, nicht ahnend, dass es noch viel schlimmer kommen kann. Dann kam das totale Staatsversagen während des Hurrikans „Katrina“, das eine zynische Gleichgültigkeit gegenüber den Schwächsten der Gesellschaft offenbarte. Aber dann gab es auch wieder Momente wie die extatische Nacht der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten, die wir auf den Straßen von Harlem durchtanzten. Uns kam dieser Moment damals vor wie der Beginn einer neuen Zeit.
Natürlich ist es schwer geworden, im Zeitalter von Trump noch an das Gelingen des amerikanischen Projektes zu glauben. Aber der gelebte Alltag hier als Amerikaner macht dennoch immer wieder Mut. Es mag vielleicht an New York liegen, aber die Mehrheit der Menschen, mit denen man zu tun hat, haben die Werte von Demokratie und Pluralismus, die Hoffnung auf ein funktionierendes Gemeinwesen aus einer grenzenlosen Vielfalt zutiefst verinnerlicht.
So muss ich, wenn ich etwa aus Deutschland gefragt werde, wie man es hier noch aushalten kann, an eine Reise nach Florida denken, auf der ich mit demokratischen Aktivist:innen im Widerstand gegen den radikalen Gouverneur Ron Desantis gesprochen habe. „Bitte gebt uns nicht auf! Bitte vergesst uns nicht!“, flehten sie den Nordostler aus New York an.
Als wir schließlich im Festsaal der Einwanderungsbehörde gemeinsam den Eid auf die Verfassung sprechen, kann sich niemand im Saal der Bewegtheit des Moments entziehen. Und als wir uns langsam zum Fahrstuhl und in Richtung Ausgang bewegen, gibt es viele Umarmungen und herzliches Händeschütteln. Die gemeinsame Wiedergeburt als Amerikanerinnen und Amerikaner bringt uns einander nahe, und bedeutet trotz aller politischen Realitäten noch Aufbruch und Möglichkeit.
Das Gefühl der Neugeburt hält noch ein wenig vor. Als ich nach der Vereidigung durch die vertrauten Straßen des unteren Manhattan, von Tribeca und SoHo laufe, bin ich den Menschen und der Stadt so verbunden wie noch niemals zuvor. Ich komme mir vor wie Walt Whitman, den 1856 beim Überqueren des East River auf der Brooklyn Ferry das Gefühl einer Extase der Gemeinschaft überwältigt hat, einer Gemeinschaft von Individuen, die alle Differenzen überlagert.
Am Abend feiern wir im Red Eye Grill, einem durch und durch amerikanischen Klassiker am Broadway, standesgemäß mit einem New York Strip Steak. Das Smartphone lasse ich bis zum nächsten Morgen aus. Heute will wirklich nicht mehr wissen, mit welchem Unsinn Donald Trump an diesem Tag wieder versucht hat, die amerikanische Demokratie zu torpedieren.
