VonClaus-Jürgen Göpfertschließen
Die Sängerin und Chordirigentin Roza Grigorashvili steht für viele junge Menschen aus Georgien, die ihre Zukunft in Deutschland suchen – auch aus Furcht vor russischem Einfluss.
Der Sommerregen versiegt. Und wir können in den Garten des kleinen Eiscafés im Frankfurter Nordend wechseln. Posieren für eine Kamera: Das gehört nicht zu den Lieblings-Beschäftigungen von Roza Grigorashvili. Man sollte sich von ihrem sanften Auftreten nicht täuschen lassen. Die 26-Jährige geht die Herausforderungen des Alltags entschlossen und mit Zähigkeit an. Seit zweieinhalb Jahren lebt die junge Georgierin in der Stadt. Sie gehört zu der wachsenden Zahl von Landsleuten ihrer Generation, die ihr Glück in Deutschland versuchen. „Unser Ziel ist die Europäische Union“, sagt die klassische Sängerin und Chordirigentin knapp und bestimmt. Wir führen unser Gespräch auf Deutsch. Die junge Frau könnte aber auch Englisch, Französisch, Spanisch, Katalanisch oder Armenisch sprechen. All diese Sprachen hat sie sich mit Selbstdisziplin binnen Kurzem angeeignet.
Sie steht für eine Generation, die entschlossen aus dem Land südlich des Kaukasus nach Europa strebt. 2020 stufte das National Statistic Office of Georgia in der Hauptstadt Tiflis Deutschland als das wichtigste Zielland georgischer Auswanderung ein. Damals wurden im Jahr offiziell 27 315 Personen gezählt, die sich auf den Weg in die Bundesrepublik machten, eine weitaus höhere Dunkelziffer kam hinzu. Schon 2017, als Georgien Gastland der Frankfurter Buchmesse war, gab Mikheil Giorgadze, der damalige Minister für Kultur, bei der Eröffnung die Parole aus: „Europa ist unsere historische Familie, mit der wir Verbindung wollen.“ Doch Russland hält dagegen und will die ehemalige Sowjetrepublik nicht aus seiner Einflusssphäre verlieren.
Roza Grigorashvili hat früh die Konsequenzen gezogen. Die Tochter einer Lehrerin für Georgisch und eines Handwerksmeisters wuchs in Tiflis auf, begann im Alter von sechs Jahren ihre klassische Klavierausbildung, studierte vier Jahre am Konservatorium Chorleitung und Dirigieren. Sie absolvierte in Tiflis den Meisterkurs von Professor Johannes Knecht von der Hochschule für Musik in Stuttgart. Das ebnete den Weg für ein Stipendium des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes (DAAD). 2018 konnte sie zwischen einem Aufenthalt in Finnland, Österreich und Deutschland wählen. Sie entschied sich für Lübeck. Schon damals war ihr klar: „Ich wollte nach Deutschland.“
Deutschland: Ihr Bild dieses Landes prägen klassische Musiker. Da ist Johann Sebastian Bach. Roza schließt kurz die Augen, lächelt und sagt dann: „Von Bach kommt die deutsche Musik.“ Und sie fügt hinzu: „Wenn man Bach spielen kann, kann man weitere Musik machen.“ Und dann war da noch ein Mann, der sie faszinierte und den sie in alten schwarz-weißen Filmen zuerst sah: der Dirigent Herbert von Karajan.
Der Österreicher, der heute eher als Inbegriff eines divenhaften Starkults gilt. „Ich habe mir angeschaut: Wie dirigiert Karajan?“ Eine bestimmte, unnachahmliche Bewegung ist ihr in Erinnerung geblieben, mit der Karajan viele Dirigate eröffnete. Hat sie sich da etwas abgeschaut? Da funkeln die Augen der jungen Künstlerin. „Ich bin Roza“, sagt sie dann, „ich dirigiere nicht wie andere.“ Punkt. In Lübeck blieb sie ein Jahr, schloss ihr Studium mit dem Master ab, kehrte kurz nach Georgien zurück, machte sich aber dann ins ostpolnische Bialystok auf. Dort arbeitete sie an der Oper, organisierte ein internationales Festival, dirigierte einen Chor, sang sehr viel. Ihr Motiv: „Ich wollte die Verbindung zu Europa nicht verlieren.“ Sie lernte Englisch, intensiv. Im Februar 2021 schließlich die Ankunft in Frankfurt. Beim ersten Blick auf das Konzerthaus Alte Oper am Opernplatz der Gedanke: „Hier willst du einmal singen.“ Mittlerweile hat sie dreimal schon dort auf der Bühne gestanden, als Chormitglied der Frankfurter Singakademie.
Die ersten harten Monate in der fremden deutschen Stadt. „Es war eine schwierige Zeit in Frankfurt am Anfang.“ Doch sie überstand sie. Absolvierte Kurse für Deutsch, Integration, deutsche Geschichte, deutsche Politik. Heute, zweieinhalb Jahre später, eine Erfolgsbilanz: Sie arbeitet in einer privaten Musikschule als Lehrerin für Klavier und Gesang. Sie singt im Stuttgarter Philharmonie-Chor und in der Frankfurter Singakademie, wird immer wieder auch vom Lübecker Kammerchor angefordert. Vor wenigen Tagen, beim offiziellen Abschiedskonzert von Sebastian Weigle, des scheidenden Generalmusikdirektors der Oper Frankfurt, darf sie das Einsingen des 200-köpfigen Chors leiten. „Das war eine große Erfahrung.“ Angst? Ein Kopfschütteln. „Nein, ich habe keine Angst.“ Und sie fügt lächelnd hinzu: „Ich liebe meinen Beruf.“
Roza Grigorashvili ist in Deutschland angekommen. Es ist offenkundig: „Ich will hierbleiben.“ Am 3. März 2022, wenige Tage nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, reichte Georgien offiziell einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union ein. Am 23. Juni 2022 erörterte der Europäische Rat das Ersuchen von Georgien. Er erklärte sich bereit, Georgien den Status eines EU-Bewerberlandes zuzuerkennen, sobald die von der EU-Kommission gestellten Forderungen erfüllt worden sind: Rechtsstaatlichkeit, weniger Korruption.
Im Dezember 2022 würdigte die Kommission Georgiens Fortschritte beim Prozess innerer Reformen. Im März 2023 warb die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock bei ihrem Besuch in der georgischen Hauptstadt Tiflis für eine weitere Annäherung Georgiens an die EU. Doch der Weg ist noch weit.
MEhr zu Georgien
Die frühere Sowjetrepublik südlich des Kaukasus liegt in Vorderasien und ist mit knapp 70 000 Quadratkilometern etwas kleiner als Bayern. Lediglich 3,7 Millionen Menschen leben in dem dünn besiedelten Land, davon 1,1 Millionen in der Hauptstadt Tiflis.
1991 hatte sich Georgien für unabhängig erklärt, Deutschland war der erste Staat, der diese Unabhängigkeit anerkannte. In den Landesteilen Südossetien und Abchasien gab es eigene separatistische Bewegungen, die von Russland unterstützt wurden. Als Georgien 2008 Südossetien angriff, nutzte Russland diesen kurzen Krieg zur militärischen Besetzung der beiden Provinzen.
20 Prozent des Staatsgebiets sind seither von russischen Truppen besetzt. 2016 wurde ein Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union (EU) und Georgien geschlossen. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine beantragte Georgien am 3. März 2022 die Aufnahme in die Europäische Union (EU).
Wegen hoher Korruption und mangelnder Demokratie verweigert die EU Georgien bisher den Status eines EU-Beitrittskandidaten. Seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine sind etwa 120 000 Menschen aus Russland nach Georgien geflohen.
Der Milliardär Bidsina Iwanischwili führt seit 2012 eine zunehmend autoritäre Regierung an der Spitze der Partei „Georgischer Traum“. Die Wahlen von 2020, die der „Georgische Traum“ für sich entschied, wurden von Teilen der Opposition als gefälscht verurteilt.
In der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ belegt Georgien Rang 77 von 180. Beim Korruptionsindex wird Georgien auf Rang 41 von 180 geführt. Amnesty International stuft das georgische Justizsystem als „unrechtmäßig“ ein. Es gebe Willkür gegen Oppositionsparteien und Journalisten. In dieser Situation verlassen immer mehr junge Menschen das Land und kommen in die EU, namentlich nach Deutschland. jg
In Frankfurt versucht Roza Grigorashvili in Worte zu fassen, welche Vorteile sie sich von der Mitgliedschaft ihrer Heimat in der EU erhofft. Das erste Wort, das ihr dazu einfällt, ist: „Sicherheit.“ Dann folgen „geschützte Menschenrechte“ und eine „hochwertige Ausbildung.“ Der jungen Georgierin ist jedoch auch wichtig, „dass ich mich persönlich entwickeln kann, ohne unsere georgische Tradition und Identität zu verlieren.“ Das ist auch ein Grund dafür, dass die Musikerin nicht die deutsche Staatsbürgerschaft anstrebt. Denn bekäme sie die, würde sie ihre georgische verlieren. Eine doppelte Staatsbürgerschaft ist nach den Gesetzen ihrer alten Heimat nicht möglich. Ein nachdenklicher Blick: „Es wäre super, zwei Staatsbürgerschaften zu besitzen, aber Georgien ist meine Heimat.“
Roza Grigorashvili hat schon feststellen müssen, dass die allermeisten Deutschen nichts über Georgien wissen. Auch die jüngere Geschichte ist kaum bekannt. 20 Prozent des georgischen Staatsgebietes sind von russischen Truppen besetzt. Abchasien und Südossetien hatten sich nach der Unabhängigkeit Georgiens 1991 ihrerseits von Georgien lösen wollen, unterstützt von Russland. Im August 2008 griffen georgische Einheiten Südossetien an. Daraufhin besetzten russische Militärkräfte Südossetien und Abchasien und stießen sogar ins georgische Kernland vor, zogen sich aber dann wieder zurück. Roza Grigorashvili erinnert sich noch gut: „Ich war elf Jahre alt, mein älterer Bruder konnte nicht mehr zu uns nach Tiflis durchkommen, weil die Russen alles blockierten.“ Es war eine Zeit der Angst.
Seit im Februar 2022 der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begann, ist bei vielen Georgierinnen und Georgiern die Befürchtung groß, dass russische Truppen auch in ihrer Heimat wieder vorrücken. „Wir werden um unsere Unabhängigkeit kämpfen“, sagt die Sängerin. Trotz dieser Zuspitzung hält sie in Frankfurt auch Kontakt zu Russinnen und Russen: „Ich habe russische Freunde, wir machen zusammen Musik.“ Sie versuchen, beides zu trennen: „Wir musizieren gerne zusammen, das andere ist Politik.“ Die junge Frau verurteilt ihre russischen Freunde nicht für die Politik ihrer Regierung: „Ich sage nicht: Du bist ein Okkupant.“ Auch hält sie nichts davon, russische Komponist:innen oder Künstler:innen zu verdammen, zu boykottieren: „Es gibt wunderbare russische Musik, und die vergessen wir nicht.“ Immer mehr junge Menschen, erzählt Roza Grigorashvili, kommen aus Georgien nach Deutschland: „Für ein Studium, als Auxpair oder für ein freiwilliges soziales Jahr.“
Natürlich haben nur sehr wenige das Glück, dass ihnen ein Stipendium den Weg nach Europa ebnet. 8000 Menschen aus Georgien stellten 2022 einen Antrag auf politisches Asyl in Deutschland. Doch das ist völlig aussichtslos. 99 Prozent dieser Anträge werden abgelehnt, weil die deutschen Ausländerbehörden sehr restriktiv verfahren und nicht von einer politisch bedrohlichen Situation in Georgien ausgehen.
Tatsächlich ist das Land aber weit von demokratischen Standards entfernt. Die Regierungspartei „Georgischer Traum“ mit Ministerpräsident Bidsina Iwanischwili, einem reichen Geschäftsmann, steuert einen zunehmend autoritären Kurs. Anfang 2023 gab es Massenproteste, nachdem die Regierung ein Gesetz einführen wollte, das es erlaubt hätte, ausländische Investoren und Organisationen als illegale „Agenten“ einzustufen. Ein ähnliches Gesetz existiert in Russland. Nach wochenlangen Protesten vor allem junger Menschen zog die Regierung das Vorhaben schließlich zurück. Doch Russland umgarnt die georgische Regierung, führte Direktflüge zwischen Moskau und Tiflis wieder ein. Russland ist Georgiens zweitwichtigster Handelspartner.
Roza Grigorashvili will nicht über die Politik in ihrer Heimat sprechen. Ihre Familie lebt dort. Sie hält engen Kontakt zu ihren Eltern, zu Freundinnen und Freunden vom Konservatorium in Tiflis. Aber die junge Georgierin arbeitet entschlossen an ihrer Zukunft in Deutschland. Noch hat sie nur eine befristete Aufenthaltserlaubnis, das soll sich möglichst bald ändern. Sie verbessert ihr Deutsch immer mehr. „Ich fühle mich nicht mehr als Ausländerin.“ So lautet ihr Fazit nach zweieinhalb Jahren in Frankfurt.
2024 stehen in Georgien Parlamentswahlen an. Es wird um eine Grundsatzentscheidung gehen: Kann sich Georgien aus dem Einflussbereich des russischen Regimes lösen, kann es den Weg in Richtung Europa weiter beschreiten? Roza Grigorashvili hat sich entschieden. Im Garten des kleinen Nordend-Cafés wünscht sie sich, dass der deutsche Staat Diplome und Ausbildungs-Abschlüsse aus Georgien rascher anerkennt: „Es müsste einfacher sein und schneller gehen.“ Ansonsten aber gelte: „Deutschland gibt uns viele Möglichkeiten, wir müssen sie nur annehmen.“ Wenn Georgien Mitglied der EU ist, wird sie in ihre alte Heimat zurückkehren. Vielleicht, sagt sie.

