- VonChristine Dankbarschließen
Familienministerin Lisa Paus stellt das erste „Einsamkeitsbarometer“ vor. Es zeigt sich: Nicht alle sind gut aus der Pandemie gekommen.
Die Pandemie hat uns in Deutschland alle ein bisschen einsamer gemacht. Besonders betrifft das junge Menschen. Dieses Ergebnis findet sich im sogenannten „Einsamkeitsbarometer“, einem Bericht zur Einsamkeit in Deutschland, den Familienministerin Lisa Paus (Grüne) am Donnerstag vorgestellt hat. Für die Langzeitanalyse wurden Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) von 1992 bis 2021 ausgewertet.
Darin zeigte sich, dass Einsamkeit längst kein Phänomen der Alten über 75 Jahre mehr ist. Diese sind zwar in der langjährigen Auswertung der Daten am stärksten von Einsamkeit betroffen. Die Pandemie führte aber dazu, dass sich erstmals jüngere Menschen – zwischen 18 und 29 Jahren – mit 31,8 Prozent stärker einsam fühlten als die Deutschen über 75 Jahre (22,8 Prozent). Während sich bei den Älteren die Werte auf die Vor-Corona-Zeit zurückbildeten, hadern die Jüngeren immer noch stärker mit ihrer Isolation.
„Wir müssen uns der großen Herausforderung stellen, Einsamkeit gemeinsam anzugehen“, sagte Paus am Donnerstag. „Einsame Menschen nehmen seltener an Wahlen teil und engagieren sich weniger.“ Einsamkeit sei ein drängendes Problem, das der Gesellschaft insgesamt schade. Insgesamt fühlt sich in Deutschland jede sechste Person häufig einsam (16,4 Prozent), bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren ist es jede vierte Person (23,6 Prozent).
Das Einsamkeitsbarometer ist die erste Langzeitauswertung zum Thema. Dabei zeigte sich auch, dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer, was daran liegen kann, dass sie einen Großteil der Care-Arbeit leisten. Alleinerziehende und Pflegende gaben besonders häufig an, dass sie sich einsam fühlen, wobei die Pandemie diesen Effekt weiter verstärkt hat. Die Wissenschaft spricht hier vom „Gender Loneliness Gap“.
Viele leben gerne alleine
Auch Migration und Armut hängen stark mit Einsamkeit zusammen. So ist der Anteil von erwerbslosen Menschen mit Einsamkeitsbelastungen stark erhöht. In der Pandemie hatten sich 2020 die diesbezüglichen Unterschiede zwischen Arbeitslosen und Erwerbstätigen bis auf fünf Prozentpunkte stark angeglichen, klafften aber im Jahr darauf mit 16,1 Prozentpunkten wieder weit auseinander. Die Studie hat dabei nur geringe Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Bundesländern festgestellt und keine signifikante Differenz zwischen Menschen in ländlichen und städtischen Gebieten. Interessant ist, dass Einsame weniger Vertrauen in politische und staatliche Institutionen wie Polizei, Parteien und das Rechtssystem haben.
Mit einem Vorurteil räumt das Einsamkeitsbarometer allerdings auf: Wer alleine lebt, muss noch lange nicht einsam sein. Das gilt für nahezu alle Altersgruppen. So weise die aktuelle Forschung darauf hin, dass „kein klarer kausaler Zusammenhang zwischen der Zunahme einzelgängerischer Lebensformen und der Zunahme von Einsamkeitsbelastungen besteht“. Das heißt: Wer alleine lebt, tut das oft freiwillig und gern – wenigstens bei jüngeren Menschen.
Die Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit wurde Ende 2023 beschlossen. Sie enthält mehr als 100 Maßnahmen mit denen unter anderem die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert werden soll und Angebote für Betroffene entwickelt werden sollen. Bereits 2022 hat das Kompetenznetz Einsamkeit gemeinsam mit dem Ministerium eine Konferenz mit dem Titel „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ veranstaltet. Daran nahmen rund 200 Fachkräfte aus der Sozialen Arbeit, Politiker:innen und Forschende teil. Lisa Paus kündigte damals eine Strategie gegen Einsamkeit der Bundesregierung an, die bis zum Ende der Legislaturperiode vorliegen soll.
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