Gaza

Weihnachtslichter in Bethlehem, Gedanken in Gaza

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Der Konflikt ist allgegenwärtig: Israel zerstört Häuser von palästinensischen Familien nahe Bethlehem.

Eine Reise ins Westjordanland zur Zeit der Festtage. Von Elias Feroz

Nach mehr als zwei Jahren brutaler militärischer Gewalt im Gazastreifen begrüßte Bethlehem, die palästinensische Stadt, die als Geburtsort Jesu Christi gilt, die Weihnachtszeit erneut – jedoch mit spürbarer Zurückhaltung. Auch wenn Bethlehem und andere palästinensische Städte in diesem Jahr wieder Weihnachten feiern, wird die Festfreude von den anhaltenden Belastungen im Westjordanland überschattet – sowie von der Erkenntnis, dass das Leid in Gaza andauert.

„Christen stellen eine Minderheit in Israel und Palästina dar, und feiern Weihnachten jedoch an drei unterschiedlichen Tagen. Die Westchristen feiern am 25. Dezember, die griechisch-orthodoxen Christen am 7. Januar“, erklärt Nikodemus Schnabel, der Abt der Dormitio-Abtei in Jerusalem. Griechisch-orthodoxe Christen in Palästina orientieren sich immer noch am julianischen Kalender, der zum gregorianischen Kalender eine Verschiebung von 13 Tagen aufweist. „Die armenische Kirche hier feiert wiederum am 19. Januar (laut gregorianischem Kalender). Das zeigt, dass die christliche Minderheit hier zusätzlich in unterschiedliche Gruppen zersplittert ist“, fügt Abt Schnabel hinzu.

Die Besucherzahlen sinken

Unabhängig von konfessionellen Unterschieden teilen die Menschen in Bethlehem und anderen palästinensischen Städten jedoch eines: Ihre Gedanken sind weiterhin bei den Menschen in Gaza. „Auch vor dem Krieg war Gaza ein Ort, in welchem die Lebensqualität sehr gering war“, sagt Abt Schnabel, der Gaza selbst vor dem Krieg bereits besuchen durfte, wie er erzählt. Ein Privileg, das nicht viele haben, denn seit der Machtübernahme der Hamas im Jahr 2007 wird der Gazastreifen sowohl von Israel als auch von Ägypten blockiert. „Rundherum ist natürlich weiterhin das Elend und die Not präsent. Die Menschen dort haben nun auch mit starken Regenfällen zu kämpfen. Es gibt dort nicht mal mehr eine funktionierende Kanalisation“, fügt Abt Schnabel, der weiterhin im Kontakt mit den christlichen Gemeinden Gazas steht, hinzu. Der Fokus scheint, so befürchtet er, seit der verkündeten Feuerpause zwischen Israel und der Hamas weitergezogen zu sein. Was aber weiterhin fehle, sei die Vision für eine Zukunft und einen Wiederaufbau.

Neben dem Krieg im Gazastreifen belasten auch Bewegungsbeschränkungen durch die israelische Besatzung, wirtschaftliche Not und anhaltende Gewalt die palästinensischen christlichen Gemeinden schwer. Infolge des Hamas-Angriffs am 7. Oktober 2023 wurden die Einschränkungen für Palästinenser und Palästinenserinnen verstärkt. Viele christliche Familien denken darüber nach, auszuwandern, weil der Tourismus seit dem Krieg, aber auch schon zuvor wegen der Corona-Pandemie, stark zurückgegangen ist. Der Tourismus zu Weihnachten ist die wirtschaftliche Haupteinnahmequelle Betlehems. Souvenirshops und Hotels haben mit dem Überleben zu kämpfen. „Auch lokale Restaurants befinden sich in einer ähnlich schwierigen Lage“, erzählt Saliba Salameh, der Inhaber des Falafel-Restaurants „Afteem“ ist, welches sich nahe des Krippenplatzes in Bethlehem befindet.

Für Palästinenser und Palästinenserinnen im Westjordanland, zu dem auch Bethlehem gehört, ist die Einreise nach Jerusalem und nach Israel mit großen Hürden verbunden. Um etwa die Grabeskirche in Jerusalem oder die Verkündigungsbasilika in Nazareth besuchen zu können, ist Saliba Salameh auf Genehmigungen der israelischen Behörden angewiesen – doch seit Beginn des Krieges ist es erheblich schwieriger geworden, diese zu erhalten. So bleiben Palästinenser über territoriale Trennlinien hinweg zersplittert und werden daran gehindert, ihre Pilgerstätte frei zu besuchen. Leute wie ich oder Abt Nikodemus Schnabel hingegen haben kaum Einschränkungen, wenn wir die militärischen Kontrollpunkte durchqueren, und dies nur, weil wir über europäische Reisepässe verfügen. So haben Europäer oder US-Amerikanerinnen oft weniger Hürden beim Reisen als viele Palästinenser in ihrer eigenen Heimat.

Während in den 1950er Jahren die überwiegende Mehrheit der Bewohner und Bewohnerinnen Bethlehems dem Christentum angehörte, beträgt der heutige Prozentsatz der Christen in der Stadt nur etwa zwölf Prozent. Muslime stellen nun die Mehrheit dar. Wer jedoch in der Vergangenheit die Stadt während der Festlichkeiten besuchte, der weiß, dass diese stets gemeinsam gefeiert wurden. Auch in diesem Jahr waren Muslime wie Christen gemeinsam in den Stadtzentren Bethlehems und Jerusalems zu Heiligabend zu sehen.

Auf die Schwierigkeiten angesprochen, mit denen Christen in den palästinensischen Gebieten konfrontiert sind, betont der Restaurantinhaber Salameh, der der griechisch-orthodoxen Gemeinde Bethlehems angehört, dass alle Palästinenser Unterdrückung erfahren. „Hier gibt es keinen Unterschied zwischen Muslimen und Christen. Wir alle leiden unter der Besatzung – unabhängig davon, ob wir Muslime oder Christen sind“, sagte er. Salameh hat Verwandte im Gazastreifen. Vor etwa drei Monaten wurde dort einer von ihnen, ein aktives Mitglied der christlichen Gemeinschaft, getötet, wie er erzählt. Aufgrund der schlechten Internetverbindung ist es ihm derzeit nicht möglich, mit seinen übrigen Angehörigen Kontakt aufzunehmen.

In den vergangenen zwei Jahren überschattete der Krieg die Weihnachtszeit, weshalb palästinensische christliche Gemeinden weitgehend auf öffentliche Feierlichkeiten verzichteten, da festliche Darstellungen angesichts der umfassenden Zerstörung im Gazastreifen als unangebracht empfunden wurden. Infolgedessen verschwanden Weihnachtsschmuck und -märkte nahezu vollständig aus den Straßen – sowohl in Israel als auch im besetzten Westjordanland. Die Atmosphäre war geprägt von Stille und Trauer. Pilgerstätten glichen Geisterstädten, und selbst israelische Militärkontrollpunkte waren ungewöhnlich leer.

In diesem Jahr jedoch kehren erstmals wieder vereinzelt Touristen zurück, und die lokale Gemeinschaft in Bethlehem hat erneut einen Weihnachtsbaum sowie eine Krippenszene vor der Geburtskirche errichtet – der ältesten Kirche im Heiligen Land. „Die Straßen sind immer noch vergleichsweise leer, wenn man an die Zeit vor dem Krieg und vor Corona zurückblickt“, sagt Salameh. Tatsächlich war praktisch kein Stau auf dem Weg von Jerusalem nach Bethlehem zu bemerken. Die einzige Verzögerung kam aufgrund des israelischen Checkpoints zwischen den beiden Städten zustande.

Ob Weihnachten angesichts des Krieges im Gazastreifen in diesem Jahr überhaupt gefeiert werden sollte, war für palästinensische Christen in Jerusalem, Bethlehem und Nazareth – den Kernregionen des Christentums – eine zentrale Frage. Trotz der verkündeten Feuerpause zwischen Israel und der Hamas im Oktober wurden seitdem nach Angaben humanitärer Hilfsorganisationen (darunter auch der israelischen NGO B’Tselem) mehr als 400 Palästinenser und Palästinenserinnen in Gaza durch israelische Angriffe getötet und über 1100 verletzt.

Zwischen Trauer und Hoffnung

Während Lichter und Musik in den Straßen Bethlehems und Jerusalems zurückgekehrt sind, bleiben die Gedanken vieler Bewohner bei den Menschen in Gaza, wo die winzige christliche Gemeinschaft von weniger als 1000 Gläubigen um ihr Überleben kämpft. Pater Issa Thaljieh, griechisch-orthodoxer Priester an der Geburtskirche in Bethlehem, erklärt im Gespräch, dass die Trauer weiterhin allgegenwärtig sei, da Freunde und Familien in Gaza nach wie vor unter der Zerstörung ihrer Häuser sowie unter der zusätzlichen Härte des Winters leiden.

Auch innerhalb seiner Gemeinde wurde darüber diskutiert, ob öffentliche Feierlichkeiten stattfinden sollten, während nur wenige Kilometer entfernt die Bevölkerung des Gazastreifens katastrophalen Bedingungen ausgesetzt ist. Mit Blick auf das bevorstehende orthodoxe Weihnachtsfest in diesem Monat erklärte Pater Thaljieh, er könne dieses nicht unbeschwert feiern. Gleichzeitig, fügte er hinzu, sei es wichtig, zu zeigen, dass palästinensische Christen nicht ohne Hoffnung seien. Dieses Gefühl des Glaubens, so sagte er, lasse sich eher vermitteln, wenn die Menschen begännen, wieder nach Bethlehem zurückzukehren.

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