Katholische Kirche

Konklave – Papst-Wahl: Welche Philosophen die Kardinäle beeinflussen

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Kardinäle versammeln sich zum Konklave: Ihre Birettas verbleiben auf einer Bank.
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Welche philosophischen Strömungen im Konklave eine Rolle spielen, wusste keiner besser als der verstorbene Plotin-Kenner Jens Halfwassen. Von Michael Hesse

Philosophie und Kirche – das Spannungsverhältnis könnte nicht größer sein. Die Nähe allerdings auch nicht, schließlich kümmern sich beide Richtungen um die letzten Fragen des menschlichen Seins.  Im Konklave, jener traditionsreichen Versammlung zur Wahl eines neuen Papstes, begegnen sich nicht nur Stimmen der Gegenwart, sondern auch die langen Linien der Kirchengeschichte – und mit ihnen ganze Denktraditionen.

Zur Person

Jens Halfwassen (1958–2020) war Philosophie-Professor an der Universität Heidelberg. Sein Schwerpunkt bildete die neuplatonische Philosophie Plotins. Er galt als exzellenter Kenner der antiken Philosophie. Aus seiner Feder stammt unter anderem die Einführung „Plotin“ (C.H. Beck).

Eine der einflussreichsten unter ihnen ist der Thomismus, die seit Jahrhunderten das intellektuelle Rückgrat der katholischen Kirche bildet. Das sagte der Philosoph Jens Halfwassen. Er galt als einer der besten Kenner der Philosophie Plotins. Dieser wiederum galt als Kopf der neuplatonischen Philosophie, die einen enormen Einfluss auf das Christentum hatte. Halfwassen identifizierte im Jahr 2013 im Gespräch mit dieser Zeitung die großen Strömungen innerhalb der Kirche, die im Konklave wirksam werden. Gewählt wurde damals der jetzt verstorbene Papst Franziskus..

Neben den großen thomistischen Strömungen, die das Konklave dominieren, existieren kleinere, aber einflussreiche Denkschulen, die andere Schwerpunkte setzen. Etwa die cusanische Linie, die sich auf den spätmittelalterlichen Metaphysiker Nikolaus von Kues stützt. „Es gibt einige Kardinäle, die stark von Cusanus beeinflusst sind“, erklärte Jens Halfwassen. „Der Thomismus ist am Ende des 19. Jahrhunderts von Leo XIII. noch einmal mit starkem Nachdruck zur offiziellen Doktrin der Kirche gemacht worden. Er bestimmt die beiden größten Fraktionen im Kardinalskollegium, die Italiener und die Lateinamerikaner. Die Italiener stellen nicht mehr die Mehrheit, wie bis zu Paul VI. eigentlich immer. Aber sie sind die stärkste Fraktion, gefolgt von den Lateinamerikanern. Dort ist die Prägung durch den Thomismus nach wie vor ganz massiv.“


Doch was ist eigentlich unter „Thomismus“ zu verstehen? Halfwassen erklärte die philosophische Richtung so: „Unter Thomismus versteht man eine an Aristoteles orientierte christliche Philosophie, die Aristoteles mit Motiven des Augustinus und solchen des Platonismus anreichert. Historisch war der auf Thomas von Aquin zurückgehende Thomismus ein Kompromiss zwischen den platonisierenden Einflüssen von Augustinus und Boethius, die das frühere Mittelalter bestimmt hatten, und dem seit dem 12. Jahrhundert zunehmend dominanter werdenden Aristotelismus. Aus der Sicht spekulativer Metaphysiker wie Nikolaus von Kues oder Hegel handelt es sich um eine Verstandesphilosophie, die philosophisch unbefriedigend bleibt. Im Zuge der Gegenreformation wurde der Thomismus zur offiziellen Philosophie der katholischen Kirche erklärt und Leo XIII. hat das noch einmal bekräftigt.“

Allerdings gibt es unterschiedliche Strömungen im Thomismus: „Es gibt einerseits den traditionellen neu-scholastischen Thomismus, wie er von Leo XIII. installiert und propagiert worden ist. Innerhalb des Neu-Thomismus gibt es aber Versuche, Thomas von Aquin mit Kant oder mit Heidegger oder mit beiden aufzurüsten. Das firmiert gelegentlich unter dem Namen Transzendental-Thomismus. Der große französische Theologe Joseph Maréchal ist dafür der maßgebende Denker, ebenso Karl Rahner, der sehr stark Heidegger einbezogen hat. Der mit Kant und Heidegger aufgerüstete Thomismus ist eine philosophische Tradition, die sich stark bei den sogenannten Modernisten findet.“ Der intellektuell profilierteste Vertreter dieser Richtung im Kardinalskollegium war aus deutscher Sicht übrigens ein alter Bekannter: Kardinal Karl Lehmann, ein Schüler von Rahner.

Auch in der US-amerikanischen Fraktion fand sich ein starker Rückhalt für den Thomismus, vor allem in seiner neuscholastischen Ausprägung. Der theologisch wichtigste Vertreter sei Kardinal Levada gewesen, so Halfwassen, „er war als Nachfolger von Joseph Ratzinger Chef der Glaubenskongregation, bis Ratzinger ihn durch seinen früheren Assistenten Müller ersetzte.“


In Frankreich – und mit ihnen kulturell verbunden: in Kanada – zeigt sich eine andere Ausprägung. Dort ist der Transzendental-Thomismus ebenfalls verbreitet, allerdings in stärkerer Nähe zur griechischen Theologie der Kirchenväter und zum christlichen Neuplatonismus. „Kardinal Jean Daniélou, der frühere Erzbischof von Lyon, ist ein wichtiger Vertreter dieser Richtung“, sagte Halfwassen im Jahr 2013.

Besonders über Kreuz lagen Kirche und Philosophie in der Zeit der Aufklärung. Die federführenden Philosophen suchten nach einer natürlichen Religion als Ersatz für die doktrinäre Lehre der Kirche. Ein Name fällt hier immer wieder: Immanuel Kant. Seine „Kritik der reinen Vernunft“ landete sogar auf dem Index der von der Kirche verbotenen Bücher. Dennoch interessierten sich die Kirchenvertreter für sein Denken. „Bei Kant interessierte die Vertreter des Thomismus der transzendentale Ansatz und auch die Erkenntniskritik“, so Halfwassen.

„Kant kritisiert die Metaphysik als Unternehmen der theoretischen Philosophie, will sie allerdings nicht zerstören, sondern auf den Postulaten der praktischen Vernunft neu errichten. Was nun in der thomistischen Richtung eine Rolle spielt, ist die Begrenztheit der menschlichen Erkenntnis, die für die Thomisten insofern wichtig ist, weil man damit der Offenbarung die Tür öffnen will.“ Das ist ein erstaunlicher Befund, zumal Kant als „Alleszermalmer“ und Zerstörer der Gottesbeweise gilt. „Kant als Kritiker des ontologischen Gottesbeweises stört kaum. Thomas selbst hat den ontologischen Gottesbeweis kritisiert und abgelehnt“, erklärte Halfwassen.

Man versuchte vor Kant die Existenz Gottes aus seinem Begriff zu erweisen. Man kann nichts Größeres als Gott denken, darum muss er existieren, lautete die Konklusion. „Der ontologische Beweis setzt damit die Einheit von Denken und Sein voraus: was vernünftig ist, ist auch wirklich, Sein bedeutet nicht empirische, faktische Vorfindlichkeit, sondern letztlich Geist. Die großen spekulativen Metaphysiker von Meister Eckhart über Spinoza und Leibniz bis zu Hegel waren Anhänger dieses Beweises, den Anselm von Canterbury begründet und den Hegel gegen die Kritik Kants mit großer Verve verteidigt hat. Kant lehnt aber nicht nur den ontologischen, sondern alle Formen des Gottesbeweises mit Ausnahme des moralischen, des sogenannten ethiko-theologischen Beweises ab. Es ist aber seit dem I. Vatikanum Teil des Kirchendogmas, dass sich Gottes Existenz aus reiner Vernunft beweisen lässt, allerdings ist man dogmatisch nicht auf einen bestimmten Beweis festgelegt. Der ontologische Gottesbeweis findet bei den Thomisten keine, aber bei den christlichen Platonikern große Sympathie“, sagte Halfwassen.


Aber wie steht es um Reformer und Traditionalisten in der Kirche? Lassen sie sich auf die sogenannten Neu-Thomisten und jene, die an die griechischen Kirchenväter anknüpfen, verteilen? Halfwassen führte dazu aus: „Nein, das nicht. Was man eher sagen kann, ist, dass die Traditionen Einfluss haben auf die Haltung zur Ökumene. Wer von den griechischen Kirchenvätern und vom Platonismus beeinflusst ist, hat eher eine besondere Nähe zu den orthodoxen Kirchen, teilweise auch zum Anglikanismus.“ Halfwassen erinnerte hier an den Primas von England, Rowan Williams, einen großen Origines-Forscher. „Origines war vielleicht der wichtigste griechische Theologe der Spätantike. Die anglikanische Theologie steht ihm in großen Teilen sehr nahe, weil sie Luther, teilweise aber auch Augustinus ablehnt und gegen beide die Freiheit des menschlichen Willens verteidigt.“

Das Verhältnis zum Protestantismus ist eher durch Distanz gekennzeichnet. Bei den Transzendental-Thomisten sei eine größere Nähe zum Protestantismus als zur Orthodoxie festzustellen. „Man kann sie aber nicht als Reformer und Traditionalisten einteilen, weil hiermit eher eine kirchenpolitische, weniger eine philosophische gemeint ist. Man kann es nicht so einfach auf die intellektuellen Strömungen abbilden.“ Zu den Modernisten zählte Halfwassen auch den „Transzendental-Thomisten“ Lehmann als auch den Schellingianer Walter Kasper. Zu den Konservativen zählten seiner Meinung nach viele italienische Thomisten, aber auch eher dem christlichen Platonismus nahestehende frühere Kardinäle wie Ratzinger oder Schönborn.

Doch wie ist es mit den sogenannten deutschen Idealisten, Fichte, Schelling und Hegel? Gerade die großen Vertreter des deutschen Idealismus, Fichte, Schelling oder Hegel ließen sich nicht konfessionell zuordnen, hierfür sei ihre Wirkung einfach zu universell. „Hegel und Schelling, beide Protestanten, werden in der katholischen Theologie stark beachtet. Sie werden allerdings nicht als besonders protestantische Denker wahrgenommen. Ganz im Gegenteil. Hegel hält man gelegentlich für einen besseren Katholiken als für einen Protestanten“, so Halfwassen. „Man ist der Meinung, dass er in einen katholischen Kontext viel besser hineinpasst als in einen protestantischen, weil er ein entschiedener Gegner des Fideísmus ist, also einer Deutung des Christentums, für die der Glaube allein, ohne Vernunft und Erkenntnis, selig macht.“

Die französischen Theologen und katholischen Philosophen, die sich der Moderne öffnen, seien teils an Hegel, teils an Heidegger orientiert, oder auch an beiden, so Halfwassen, dazu komme häufig eine Orientierung an der Phänomenologie, die mit Max Scheler ja früh einen bedeutenden katholischen Denker hervorgebracht hat. „Bei Heidegger werden die religiösen Motive stark gemacht. Hinter Heideggers Konzept vom Sein vermutet man im Grunde Gott. Oder man setzt es sogar explizit gleich. Von einem thomistischen Standpunkt aus liegt es ja relativ nah, wenn man sieht, dass Thomas ausdrücklich lehrt, Gott sei das Sein selbst. Heidegger hat auf die Thomisten immer eine besondere Faszination ausgeübt, auch deshalb, weil er selbst aus der aristotelisch-thomistischen Tradition stammt und darin groß geworden ist. Auch die Seinsfrage hat er aus dieser Tradition eines scholastischen Aristotelismus aufgenommen.“


Philosophie und Theologie, die einstigen Geschwister, stehen immer noch eng zusammen? Benedikt habe ja stärker als jeder seiner Vorgänger die Vernünftigkeit des Christentums und die Zusammengehörigkeit von Religion und Vernunft betont, so Halfwassen. „Das war schon in der Antike eine verbreitete Position, bei Kirchenvätern, aber auch bei heidnischen Platonikern wie Proklos. Und in der modernen Philosophie hat das niemand stärker vertreten als Hegel. Die Disziplinentrennung, die es heute an den Universitäten gibt, ist das Resultat einer späten Entwicklung“, sagte Halfwassen. „Jemand wie Augustinus hat sich ganz selbstverständlich als Philosoph bezeichnet und betrachtet.“

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