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Das Gefühl der Bedrohung: Ist die Welt gefährlicher geworden?

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Wie war das noch in den 1980ern? Hatten die Jugendlichen nicht im Kalten Krieg stets das Gefühl einer allgemeinen Bedrohung?

Schon bald werde ich die Kunstausstellung eines alten Freundes besuchen. Er hat die Werke seines früh verstorbenen Vaters zusammengetragen und stellt sie nun in einer kleinen unbedeutenden Stadt in der Nähe Kölns aus. Den Freund kenne ich seit Ende der 1970er Jahre. Gemeinsam erinnern wir uns an ein Gefühl, das in den 80ern viele Jugendliche gehabt haben mögen. Es war das einer diffusen Angst, das Gefühl einer latenten Bedrohung. Viele haben das vielleicht vergessen, aber das Gegeneinander der beiden Blöcke, Nato und Warschauer Pakt, mit ihren irrsinnig vielen Atomsprengköpfen, der saure Regen, der Regierungswechsel in Bonn von Schmidt zu Kohl, Reagan, Thatcher, all das hinterließ Spuren in der jugendlichen Wahrnehmung der Welt.

Ist die heutige Welt so viel gefährlicher als die damalige, frage ich mich oft. Ich bin älter geworden, dadurch auch gelassener. Ist diese Kriegs- und Krisenverdichtung der Gegenwart vielleicht viel bedrohlicher, als ich sie wahrnehme? Ein bekannter Historiker sagte zu mir in einem Gespräch, dass er sich nicht an Zeiten wie diese zurückerinnern könne. Er ist bereits über 80 Jahre alt und kennt daher alle politischen Konstellationen nach dem Zweiten Weltkrieg aus eigener Erfahrung. Er hat vielleicht recht.

Jom-Kippur-Krieg, Ölkrise und Nato-Doppelbeschluss: Auch die 1970er waren Jahre der Krise

Die ökonomische Talfahrt in vielen Ländern der Welt, auch Europa, schwächelt ja, könnte kriegerische Auseinandersetzungen befördern. Der Klimawandel und seine Folgen zeigen immer deutlicher, dass es keinen Sinn macht, weiter an seiner Existenz zu zweifeln. Menschen in vielen Ländern suchen einen Ausweg aus ihren persönlichen Lebensumständen, indem sie autoritären Politikern ihre Stimme geben – und mittelfristig ihr Stimmrecht auf diesem Weg einbüßen könnten.

Eine russische nukleare Langstreckenrakete bei einer Parade auf dem Roten Platz in Moskau.

Andererseits: In den 1970er Jahren gab es den Jom-Kippur-Krieg, es folgte die Ölkrise, auf die eine Wirtschaftskrise folgte, die Sowjetunion beging den historischen Fehler, in Afghanistan einzumarschieren. Die westlichen Staaten boykottierten die Olympischen Spiele in Moskau. Dann der Nato-Doppelbeschluss. Auch das war eine bis dahin nicht oft vorgekommene Krisenhäufigkeit.

Die Frage bleibt offen. Die Geschichte wird sie irgendwann beantworten. Kurios ist nur, wie schnell die Dinge umschlagen können, die Ereignisse einen völlig unerwarteten Lauf nehmen. Dinge, die völlig irrational klingen, wenn man sie äußert, können schon acht Wochen später Realität sein. Man denke an den Oktober 1989. Niemand hätte damals gedacht, dass ein paar Monate später das riesige Imperium der UdSSR Geschichte sein würde. Geschichte ist unerbittlich, manchmal aber auch freundlich. Wir warten ab und hoffen.

Rubriklistenbild: © Yuri Kochetkov

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