„Ein schrecklicher Zwiespalt“

Gastbeitrag: Wenn Patchwork eine Qual ist – Mutter berichtet über Probleme für leibliche Eltern

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Das Familienleben genießen: Für viele Menschen in Patchwork-Situationen ein weit entfernter Traum.

Eine alleinerziehende Mutter berichtet, wieso sie ihre Familiensituation als schmerzhaft empfindet. Und fragt: Wieso gibt es Hilfsangebote für Stiefeltern, aber keine für die leiblichen?

Ich schreibe hier ohne Angabe meines Namens. Und der eine oder die andere mag sagen, das sei feige. Aber tatsächlich möchte ich damit meinen Ex-Mann schützen, seine Freundin, sein neues Kind – und vor allem die zwei Kinder, die ich mit diesem Ex-Mann habe. Ich möchte niemanden bloßstellen und öffentlich angreifbar machen – und ich denke, jeder weiß, dass das Internet heute Platz für verheerende Angriffe öffnet.

Probleme in der Patchworkfamilie betreffen nicht nur Stiefeltern

Stattdessen möchte ich über ein Thema berichten, dass, so denke ich zumindest, viele Menschen betrifft – und leider wenig beleuchtet wird. Und ich hoffe tatsächlich, dass es darauf Resonanz gibt und ich merke: Ich bin nicht alleine damit. Das Thema ist: Patchworkfamilien.

Ich habe das Gefühl, es gibt wahnsinnig viele Beiträge über Stiefeltern. Und ihre Berichte darüber, wie schwierig ihre Situation ist. Wie schwierig es ist, mit den neuen Kindern zurechtzukommen. Wie schwierig es ist, einen neuen Familienbund zu gründen. Wie schwierig es ist, ein Arrangement mit der oder dem Ex zu finden, dem leiblichen Elternteil der Kinder. Und vor allem, dass das Problem gesellschaftlich nicht erkannt sei. Auch in dieser Zeitung wurde vor nicht allzu langer Zeit Platz eingeräumt für eine Stiefmutter, die über ihre Probleme berichtete.

Etliche Patchwork-Tipps für Stiefeltern – wenig Angebote für „übrig gebliebene“ Elternteile

Ich möchte dagegenhalten: Schauen Sie auf Google, wie viele Ratschläge und Bücher es gibt für Stiefeltern, wie viele Podcasts es gibt zu dem Thema, wie Stiefeltern sich verhalten sollten. Wie Patchworkfamilien sich verhalten sollten. Und ich möchte hier wirklich klar sagen: Ich verstehe die Probleme von Stiefmüttern, Stiefvätern und Patchwork und erkenne sie an. Ich möchte ihre Themen also überhaupt nicht kleinreden.

Aber es gibt absolut nichts dazu, wie die „übrig gebliebenen“ Elternteile von diesen neuen Familienkonstellationen betroffen sind, wie sie leiden, wie sie damit umgehen sollen. Es gibt kurze Ratschläge wie „Sie sollten ihr Kind nie gegen die Stiefmutter oder den Stiefvater aufbringen, das schadet dem Kind“ – aber das war es auch schon.

Leibliche Eltern gelten in Patchworkfamilien oft als „Störenfriede“

Wie „außenstehende Elternteile“ es seelisch bewältigen sollen, dass plötzlich eine „Bonus-Mutter“ oder ein „Bonus-Vater“ einen großen Teil der Zeit mit ihren Kindern verbringt, das wird kaum thematisiert. So als seien nur die Stiefeltern einer ungeheuren Belastung ausgesetzt und nicht auch die leiblichen Eltern, die es mit ansehen müssen, wie ihre Kinder in einer vollkommen ungewollten Familiensituation aufwachsen müssen.

Stattdessen findet man viele Beiträge im Netz und in Magazinen, in denen die leiblichen Eltern alleine als Störenfriede dargestellt werden. Sie sind angeblich diejenigen, die ihre Kinder gegen die Stiefeltern aufhetzen, die, die die neue Beziehung der Ex-Partnerin oder des Ex-Partners sabotieren wollen – kurzum: die, die dem Glück der neuen Patchworkfamilie bösartig im Weg stehen.

Schwierige Trennung: Probleme miteinander sollten die Kinder nicht belasten

Vollkommen ausgeblendet wird dabei, dass es auch immer die andere Seite der Geschichte gibt. Ich bin eine alleinerziehende Mutter, Mitte vierzig. Aber nur die Hälfte der Woche. Die andere Hälfte der Woche erzieht der Vater unsere beiden Kinder. Wir verstehen uns überhaupt nicht mehr, aber rund um die Erziehung der Kinder lief es immer gut. Unsere Söhne sind sieben und elf. Sie sind, denke ich, halbwegs gut aus der Trennung, die bereits vor über vier Jahren passiert ist, herausgegangen – weil wir uns über ihre Erziehung eigentlich immer einigen konnten. Wir haben immer gesagt: Unsere Probleme miteinander sollen die Kinder nicht belasten.

Die Beziehung war eine toxische, 13 Jahre lang. Vermutlich für beide, aber ich würde sagen: für mich deutlich mehr.

Aber ich möchte meine persönliche Lebensgeschichte hier überhaupt nicht ausbreiten, weil das Kritikerinnen und Kritikern die Möglichkeit geben würde zu sagen: Ha, das ist ja deine persönliche Geschichte, nicht vergleichbar mit anderen. Aber ich denke, das stimmt nicht.

Wie unterstützt man die Kinder nach der Trennung?

Mein Mann ist gegangen. Auf eine sehr unschöne Art und Weise, aber auch das möchte ich nicht ausbreiten. Er hatte dann irgendwann eine deutlich jüngere Freundin. Und sehr schnell nach dem Kennenlernen war sie schwanger. Unseren Kindern hat er die neue Frau erst vorgestellt, als sie schon schwanger war, nur wussten wir nichts davon. Sie ist auch danach nur selten aufgetreten, monatelang gar nicht. Und dann, nur sehr wenige Wochen vor der Geburt, hat er uns, erst den Kindern und dann mir, mitgeteilt, dass ein Kind unterwegs ist. Das war ein großer Schock für alle.

Meine Geschichte mag speziell sein. Aber eigentlich ist das ja jede Geschichte, jede ist anders. Tatsache ist aber, dass die Probleme von Stiefeltern stark problematisiert werden – die von zurückgelassenen Elternteilen jedoch nicht.

Ich liebe meine Kinder über alles. Ich möchte es richtig machen für sie. Ich möchte ihnen keine schweren Schäden mitgeben. Nur: Wer hilft denn dabei, es richtig zu machen für sie?

Außenstehende Elternteile sollen die Kinder ermutigen, das Patchwork anzunehmen. Sie sollen nichts Schlechtes sagen über Stiefmutter oder Stiefvater. Sie sollen den Kindern den Rücken stärken.

Was tun, wenn Patchwork zur Qual wird?

Aber was, wenn man das ganz anders empfindet? Wenn es eine Qual ist, die eigenen Kinder einem fremden Menschen für die Hälfte der Woche oder auch nur an jedem zweiten Wochenende zu überlassen? Wenn es furchtbar ist zu sehen, dass dieser fremde Mensch plötzlich Einfluss auf die eigenen Kinder hat? Wenn man das Gefühl hat: Das ist vielleicht gar kein guter Mensch für sie. Er oder sie teilt meine Werte nicht. Wenn man immer davon geträumt hat, eine intakte Familie zu haben – was heißt, die Kinder die ganze Woche zu begleiten und nicht nur die Hälfte –, und dann auch noch akzeptieren muss, dass da eine ganz fremde Person mitmischt? Ich sage: Es ist unglaublich quälend, so wollte ich das nie haben. Es verursacht mir große seelische Schmerzen.

Aber niemand spricht darüber, was das den leiblichen Elternteilen abverlangt. Überall in den Medien begegnen mir Artikel über Patchworkfamilien, ihre Probleme, ihre Freuden. Es wird suggeriert, dass das eben das neue gesellschaftliche Normal sei – und dass das auch gut so sei, dieses vermeintlich lustige, bunte Durcheinander. Wer Patchwork ablehnt, gilt inzwischen als unmodern, spießig. Dabei habe ich gar nichts gegen Patchworkfamilien, jeder und jede soll so leben, wie er oder sie es mag. Nur: Es war halt nie mein Lebensmodell. Mir gefällt es nicht, und ich würde mir wünschen, dass auch das akzeptiert wird.

Ein schrecklicher Zwiespalt: Mein Sohn soll glücklich sein – auch bei der „neuen Mutter“

Ich atme oft tief durch, bevor ich meinem jüngeren Sohn antworte, wenn er über die neue Frau und das neue Baby berichtet. Er ist unbefangen; er war klein, als sein Vater und ich uns getrennt haben; und ich versuche dann – trotz aller inneren Abwehrmechanismen –, ihm auch unbefangen und leicht zu antworten. Aber kann es mir wirklich jemand verdenken, dass ich nicht möchte, dass er nachts mit der neuen Frau kuschelt, dass sie ihn zu Bett bringt und ihn tröstet, wenn es ihm schlecht geht? Ich traue ihr nicht. Und auf der anderen Seite wünsche ich meinem Sohn, dass er mit dieser Frau glücklich ist. Ich wünsche ihm eine glückliche Kindheit. Ein schrecklicher Zwiespalt.

Ich überlege mir genau, wie ich meinen älteren Sohn auffange, wenn er sagt, dass er leidet unter der neuen Situation und das alles so nicht will. Wie spreche ich mit ihm so, dass er mit der Lage zurecht kommt? Obwohl ich sie selbst ja so hasse. Halbe Ehrlichkeit habe ich mir verschrieben. Weil Kinder merken, wenn man nicht authentisch ist. Also sage ich ihm: Ich verstehe dich, ich fand das auch unvermittelt und nicht so schön. Aber: Alles wird gut. Und bestimmt ist die Freundin vom Papa ganz nett. Ihr könnt vielleicht gute Zeiten haben miteinander. Und der Papa wird sich bestimmt weiterhin ganz viel Zeit für dich nehmen.

Seelische Probleme mit der Patchworkfamilie: Niemand fragt, wie ich mich fühle

Wie ich mich damit fühle? Niemand fragt danach. Ich suche im Internet oder auf Spotify in Podcasts nach Ratschlägen dazu, wie ich damit umgehen soll. Es gibt keine Antworten. Nur für Stiefeltern. Da gibt es viele Angebote. Dabei kenne ich einige Elternteile, die mit ähnlichen Problemen kämpfen. Vielleicht nicht so schlimm wie ich – eben weil Lebenserfahrungen unterschiedlich sind –, aber die sich damit schon einsam fühlen. Weil sie nicht beachtet werden. Weil so getan wird: Das echte Problem haben ja die Stiefeltern.

Aber ich möchte die neue Frau meines Ex-Mannes fragen: Möchtest du dein Baby die Hälfte der Woche mir überlassen? Ich wäre nett zu dem Kind. Aber sie würde ganz sicher Nein sagen.

Wieso also wird das mir abverlangt, dass ich diesem Patchworkkonzept freundlich gegenüberstehe? Wieso soll ich denn ihr meine Kinder die Hälfte der Woche überlassen, wenn sie das nicht auch so machen möchte? Wie kann sie denken, dass ich ein Problem für ihr Leben darstelle – und nicht andersherum sehen, dass sie ein großes Problem für mich darstellt?

Appell an Therapeutinnen und Therapeuten: Kümmert euch um Elternteile, die unter Patchwork leiden

Ich appelliere an alle Therapeutinnen und Therapeuten, die Artikel schreiben und Podcasts anbieten: Könntet ihr auch bitte mal an die Elternteile denken, die das ertragen müssen? Ihnen gute Ratschläge geben? Emotionale Unterstützung bieten? Ihnen erklären, wie sie das alles ertragen sollen? Ich wäre wirklich unglaublich dankbar!

Die Mutter, die hier schreibt, ist der Redaktion bekannt. Dass sie mit ihrem Bekenntnis lieber anonym bleiben will, hat gute Gründe.

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