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Wie Japan und Deutschland die „Zeitenwende“ handhaben Von Claus Leggewie
Tokyo, im Herbst. Wer sich längere Zeit in Ostasien aufhält, nimmt die grauenhaften Nachrichten aus der Ukraine und Israel wie hinter einem Paravent wahr, als ob die Entfernung und die Zeitverschiebung einen vor dem Unheil bewahren könnten. Japans Regierung verurteilt den Terrorangriff der Hamas auf Israel, hält aber an der Neutralität in Sachen Palästina fest. Ebenso beharrlich ist die Forderung nach allseitiger atomarer Abrüstung und sofortigen Teststopps, die so machtvoll von den Gedenkstätten in Hiroshima und Nagasaki ausgegangen ist und beim jüngsten G7-Treffen in Hiroshima noch einmal unterstrichen wurde. Im Atomic Bomb Museum in Nagasaki sind sämtliche Rückschläge wie die Kündigung einschlägiger Abkommen, Nordkoreas nukleares Vabanque, Chinas Kanonendiplomatie gegenüber Taiwan und Putins unverhohlener Wink mit der A-Bombe gar nicht mehr verzeichnet. Sie berühren aber existenziell die geostrategischen Nahkonflikte Japans mit seinen Nachbarn, sofern es sich weiterhin dem G7-Westen zugehörig fühlen und entsprechend agieren möchte.
Die einstigen „Achsenmächte“ Japan und das Deutsche Reich waren notorische Kriegstreiber im 20. Jahrhundert, deren Militarismus 1945 mit den bedingungslosen Kapitulationen ein für alle Mal aus der Welt geschafft werden sollte. Verinnerlicht wurde ein Pazifismus, der einen Franz Josef Strauß zu dem Ausspruch geführt haben soll: „Wer noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, dem soll die Hand abfallen“ – was Gesinnungspazifisten dem späteren Verteidigungs- und Atomminister gerne vorhielten.
Wiederaufrüstung und Westbindung waren in beiden Teilen Deutschlands lange umstritten, diese Skepsis führte die Friedensbewegungen zusammen, und die Ausläufer – ein virulenter Antiamerikanismus und die Ablehnung der Unterstützung für ein angegriffenes Land – strahlen bis heute aus.
Japans Reaktionen auf Hiroshima und Nagasaki waren verblüffend. Einerseits statuiert Artikel 9 der Verfassung ganz klar: „In aufrichtigem Streben nach einem auf Gerechtigkeit und Ordnung gegründeten internationalen Frieden verzichtet das japanische Volk für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten. Um das Ziel des vorhergehenden Absatzes zu erreichen, werden keine Land-, See- und Luftstreitkräfte oder sonstige Kriegsmittel unterhalten. Ein Recht des Staates zur Kriegführung wird nicht anerkannt.“ Auf der internationalen Ebene agierte Japan wie Deutschland als wirtschaftlicher Riese und politischer Zwerg, der seine Ressourcen für den Ausbau multilateraler Kooperationen und humanitäre Hilfen verwendete und sich in bewaffneten Konflikten höchstens als Zahlmeister betätigte.
Andererseits wird der Atombombenkatastrophe meist ohne jeden historischen Kontext des japanischen Imperialismus gedacht, wie ein abstraktes, in Nagasaki auch stark religiös aufgeladenes Geschichtszeichen, das einer flexiblen und pragmatischen Haltung der Mehrheit der Japanerinnen und Japaner nicht im Wege stehen soll. Der Pazifismus-Artikel blieb bestehen, er wurde jedoch durch eine ganze Reihe von Neuinterpretationen mit dem Recht auf kollektive Selbstverteidigung relativiert. Unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine will Japan nun seinen Wehretat bis 2027 auf 80 Milliarden Dollar verdoppeln, unter anderem für die Anschaffung von Offensivwaffen, die eine Gegenschlagkapazität gegen Attacken aus China und Nordkorea bereitstellen sollen. Und alle Kenner des Landes bestätigen, dass das wohl auch umgesetzt und Japan den drittgrößten Verteidigungshaushalt der Welt haben wird.
Mit dem Begriff „Zeitenwende“ wird das gleichwohl nicht bedacht. Der Leiter des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo, Franz Waldenberger, bringt ein Paradox im deutsch-japanischen Verhältnis prägnant zum Ausdruck: „In Japan explodiert ein Atomkraftwerk, Deutschland steigt aus der Atomenergie aus. In Europa bricht Krieg aus, Japan rüstet effektiv auf.“ Der Konfliktforscher Hideshi Tokuchi, der Deutschland gut kennt, ergänzt zu den Drohungen Putins und angesichts eines möglichen Isolationismus der USA: „Während die Deutschen unter den atomaren Schutzschild Frankreichs und Großbritanniens schlüpfen wollen, glaubt Japan nicht an eine nukleare Eskalation und lehnt jede nukleare Teilhabe ab.“ Dabei sind die Beziehungen zu Washington so eng wie wohl noch nie, und nach der Havarie von Fukushima ist das Land zum zivil-nuklearen business as usual übergegangen, ohne dass sich dagegen noch große Proteste regen.
Die japanische Gesellschaft versteht es meisterlich, mit Widersprüchen umzugehen, die Europäer sogleich als solche brandmarken würden. Der schon länger in offiziellen Dokumenten und Verträgen verankerte „proaktive Beitrag zur Sicherung des Friedens“ lautet in der Landessprache „sekkyokuteki heiwashugi“, was man mit proaktivem Pazifismus übersetzen kann. Die traditionelle Linke, die an dem Vermächtnis vom August 1945 strikt festhalten will, hält das für einen klaren Verrat, sie spielt aber keine große Rolle mehr. Anders verhält sich das beim Koalitionspartner Komeito (Gerechtigkeitspartei), die der dauerregierenden Liberaldemokratischen Partei LDP die parlamentarische Mehrheit sichert. Die mitgliederstarke und programmatisch uneindeutige Partei wurde 1964 von dem bekannten pazifistischen Philosophen Daisaku Ikeda gegründet, der damals der neu-religiösen Bewegung Soka Gakkai vorstand. Diese ist stark vom Buddhismus beeinflusst und wurde nach 1945 zu einer einflussreichen Laienbewegung, die zu den führenden Kräften gehörte, die sich nach der Verheerung von Hiroshima und Nagasaki für den Weltfrieden einsetzten; mit der Errichtung von Friedenspagoden und Friedensmärschen wurde Soka Gakkei auch weltweit aktiv.
Der Buddhismus gilt weithin als Religion der Gewaltlosigkeit. Er erlaubt aber sehr wohl Tötung (nicht aus Notwehr, sondern) aus „Mitleid“ mit einem sonst zur ewigen Verdammnis verurteilten Missetäter, was auch militärische Aktionen legitimieren kann. Und so duldet Komeito, die sich im Übrigen für den Wohlfahrtsstaat, Allgemeinbildung und Umweltschutz einsetzt, auch den Kurs präventiver Wehrhaftigkeit im Rahmen kollektiver Sicherheitsbündnisse. Ceteris paribus kann man ihr Dilemma mit dem deutscher Pazifisten vergleichen. Der Sicherheitsforscher Tom Phuong Le seht das pazifistische Milieu in Japan „in Würde altern“, während linksgrüne Kräfte in der Rhetorik der Zeitenwende alte Hegemonieträume aufblühen sehen.
Das gilt vor allem für den wichtigsten Wegbereiter der japanischen Variante, den viermaligen (und 2022 einem Attentat zum Opfer gefallenen) Premierminister Shinzo Abe, der Artikel 9 ausdrücklich zur Disposition stellte und mit seiner revisionistischen Geschichtspolitik zum Sprachrohr der ultranationalistischen Rechten wurde. Ihm und seinen LDP-Nachfolgern wird unterstellt, Japans einstige Großmachtrolle im asiatischen Raum wiederherstellen zu wollen. Davon ist das Land aber weit entfernt. Die Wiederaufrüstung wurde begleitet durch diplomatische Aktivitäten, mit denen ein breites Kooperations- und Beistandsnetzwerk im indo-pazifischen Raum entstand.
Japans Sicherheitspolitiker beobachten mit Interesse die Beachtung dieses Netzwerks durch die deutsche Außenpolitik, womit eine „Achse“ zwischen Berlin und Tokyo unter ganz neuen Vorzeichen zur Abwehr des russischen und chinesischen Imperialismus entstehen könnte. Wenn Japan oder gar Deutschland damit Großmacht-Träumen nachhängen sollten, wäre das eine kolossale Selbstüberschätzung: Ihre Sicherheit liegt elementar in amerikanischer Hand, der Schuldenstand ist namentlich in Japan enorm und die Überalterung erforderte eine aktive Einwanderungspolitik, die in beiden Gesellschaften auf starke Vorbehalte stößt. Ihre Nachkriegsgeschichte weist viele Konvergenzen und starke Unterschiede auf. Eine der auffälligsten Divergenzen ist die Pünktlichkeit der Züge.
Politikwissenschaftler Claus Leggewie lehrt an der Universität Gießen und forscht zu Themen wie kulturelle Globalisierung, Erinnerungskultur und Energiewende.
