New Orleans Zehn Jahre nach Hurrikan "Katrina"

„Wie nach einem Krieg“

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Das Wasser stand teilweise fünf Meter hoch: New Orleans, Ende August 2005.

New Orleans wurde 2005 nach dem verheerenden Hurrikan "Katrina" fast vollständig überflutet. Die Katastrophe begann am 29. August 2005 - heute vor zehn Jahren. Die Folgen spüren viele Menschen noch heute – der Wiederaufbau dauert an.

Von Chris Melzer

Als er kam, war sie gerade unterwegs“, sagt Shanice Williams. Sie deutet auf ihre neunjährige Tochter, die etwas gelangweilt auf dem Rasen spielt, und mit „er“ ist der Sturm gemeint. Der Hurrikan „Katrina“. 2005 verwüstete der gewaltige Wirbelsturm erst die Karibik, dann den Südosten der USA. Keine Naturkatastrophe hat je in der Geschichte der USA solche Schäden angerichtet. Zehn Jahre später sind die Narben, auch die Wunden unübersehbar – aber die Stadt ist weiter, als selbst Optimisten gehofft hatten.

„Ich war im vierten Monat schwanger“, erzählt Shanice. „Ich wollte nicht gehen, aber wir mussten. Und das war gut so. Sonst wäre ich jetzt tot.“ Sie schweigt einen Moment. „Nicht ich, wir wären jetzt tot“, sagt sie mit einem Blick auf ihre Tochter. Als sie wieder zurück durften, stand das Wasser in ihrem Haus eineinhalb Meter hoch. „Kaum war es nach vier Wochen abgelaufen, haben wir hier wieder geschlafen. Es war furchtbar. Aber es war zu Hause.“

New Orleans ist praktisch eine Insel und der Hochwasserschutz war gut, aber längst nicht gut genug. Und so brach am 29. August 2005 die Flutmauer etwa 50 Mal und das Wasser fiel über die Stadt her. Gut 80 Prozent von New Orleans wurden überflutet und etwa 1300 Menschen getötet. Hunderte galten als vermisst – die meisten von ihnen bis heute. Mehr als die Hälfte der Opfer war 75 Jahre alt oder älter.

„So viele hier hatten alles verloren, obwohl sie kaum etwas hatten“, sagt Carolyna Gallup. Sie leitet ein Begegnungszentrum im Ninth Ward, dem ärmsten und am schwersten getroffenen Teil der Stadt. „Es sah hier aus wie nach einem Krieg. Und die Menschen waren weg. Entweder geflohen, von den Behörden in alle Teile der USA gebracht. Oder tot.“

Der Ninth Ward sei immer noch das Armenhaus einer armen Region. „Aber die Menschen halten jetzt fester zusammen und die Kriminalität ging zurück“, sagt Gallup. Sie würdigt die Millionen US-Dollar, die zum Aufbau nach New Orleans gepumpt wurden. „Die Krankenversorgung ist richtig gut, selbst für die Ärmsten.“ Und es gebe mehr Geld für Bildung.

„Die Stadt wird nie wieder so ein, wie sie war“, hört man immer wieder. Die Streetcars fahren wieder, in den Bars der Bourbon Street wird längst wieder guter Jazz gespielt, selbst morgens um elf, wenn die ersten – oder die letzten? – Touristen schon etwas Schräglage haben. Aber außerhalb der Touristengebiete ist es anders. Leerer. Überall stehen neue Häuser, aber dazwischen ist plötzlich eine leere Fläche. Da stand mal ein Haus, da wohnten Menschen.

„Die beste Comeback-Story“

Unmittelbar vor dem Sturm hatte New Orleans 480.000 Einwohner. Ein paar Monate später war es noch die Hälfte. Hunderttausende waren während der großen Evakuierung in alle Teile der USA gebracht worden. Nicht jeder kehrte zurück. Manche hatten einfach keine Lust mehr auf eine arme, im Sommer kaum erträglich heiße Heimat, über die immer wieder ein Sturm herfällt. Und doch: Nach und nach kehrten die meisten zurück. „Unsere Region hat jetzt wieder etwa 95 Prozent der Einwohner, die sie vor Katrina hatte“, sagt Mitch Landrieu.

Er muss es wissen, er ist seit fünf Jahren Bürgermeister der Stadt – und ein Optimist. „Die großen Wiederaufbauprojekte sind bereits – oder fast – abgeschlossen, die Region ist deutlich besser in Sachen Kriminalitätsbekämpfung und Strafverfolgung, bietet bessere Bildung, mehr Fördermöglichkeiten für die Wirtschaft und auch zur Belebung der Stadtviertel.“ Die Geschichte von New Orleans sei „Amerikas beste Comeback-Story“.

Und das Umland? Biloxi ist 150 Kilometer entfernt, das ist dann nicht mehr Louisiana, sondern Mississippi. Das Städtchen hatte es noch härter getroffen. Gut 90 Prozent der Gebäude wurden zerstört.

„Ich war damals im Knast und habe nicht viel vom Sturm mitbekommen“, sagt Jalyn Brown. „Als ich rauskam, sah es aus wie nach einem Krieg, Mann. Wie nach einem Krieg!“ Biloxi habe sich, auch dank der Spielcasinos in der Stadt, gut entwickelt. Allerdings sei das relativ, sagt er: „Früher waren wir das Armenhaus Amerikas. Dann kam der Sturm und uns ging es noch schlechter. Vielleicht haben wir bald aufgeholt. Dann sind wir einfach nur wieder das Armenhaus. Tja, so ist das hier im tiefen Süden.“ (dpa)

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