Tourismus

Willkommen in Spanien, lästige Reisegäste

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2023 verbrachten so viele Reisende ihren Urlaub in Spanien, wie nie zuvor. Auf den Kanaren kommt es nun zu Protesten – nicht gegen den Tourismus, aber um ihn zu begrenzen.

Früher war alles besser. „Vor 40 Jahren gab es gemütliche Hotels, aber keine ungemütliche Masse (...) Touristen waren damals eine Seltenheit, und der billige Reisepöbel von heutzutage fehlte ganz (...) Im Lauf des letzten halben Jahrhunderts ist eine erschreckende Veränderung eingetreten (...) riesige Hotels sind überall hervorgeschossen (...) die Heiligtümer (...) sind entweiht und zum Tummelplatz der Masse erniedrigt worden“. So schreibt es der Schotte Alexander Innes Shand in seinem Reisebuch „Old time travel“, erschienen 1903.

Reisende, die sich über Reisende beklagen, ähneln Autofahrer:innen, die über die vielen Autos schimpfen. Es ist wahr: An den Stränden Mallorcas, auf der Rambla von Barcelona und neuerdings sogar auf der Gran Vía von Madrid treiben sich so viele Besucherinnen und Besucher herum wie noch nie. Wer sie nicht sehen will, muss zuhause bleiben.

Die meisten bleiben aber nicht zuhause, sondern reisen mit einer Lust, die nach den schlimmen Jahren der Pandemie nur noch größer geworden ist. In Spanien kamen im Vorjahr 85 Millionen Gäste aus dem Ausland an, um Urlaub zu machen. So viele wie noch nie. Etwa doppelt so viele wie 1998, und damals war es schon gängige Überzeugung, dass das spanische Tourismusmodell erschöpft sei. Ist es aber nicht. Immer noch nicht.

Wer den Touristenströmen nicht entgehen kann, sind die Einheimischen. Die sind gelegentlich zwar auch Tourist:innen, aber wenn sie es gerade nicht sind, können ihnen die Besucherinnen und Besucher gehörig auf die Nerven gehen. Einfach, weil sie da sind, weil sie den Weg versperren, weil ihre Rollkoffer Lärm machen und deren Eigentümer noch mehr, wenn sie betrunken sind. Das Phänomen ist nicht neu. Der damals in Toronto lehrende Ökonom George Victor Doxey versuchte die Reaktion auf den Fremdenverkehr 1975 mit dem „Index of Tourist Irritation“ zu beschreiben: Auf die Anfangseuphorie über das gute Geschäft mit den Tourist:innen folgt die Gewöhnung, dann die Irritation und schließlich die Ablehnung – wenn alle Probleme nur noch den Gästen zugeschrieben werden. In Spanien muss man sich das nicht als Abfolge einander ablösender Empfindungen vorstellen, sondern als Gefühlsgemisch, in dem Euphorie, Gewöhnung, Irritation und Ablehnung miteinander wettstreiten. Was gerade vorherrscht, hängt von Moment, Ort und der Person ab.

Auf Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote, Fuerteventura, La Palma und El Hierro werden an diesem Samstag voraussichtlich Tausende Menschen zum Protest auf die Straße gehen, weil sie finden, dass es reicht. „Canarias tiene un límite“, ist ihr Motto: Die Kanaren haben ihre Grenzen. Sie fordern einen Stopp des weiteren Zubaus von Touristenunterkünften, eine „effektive Regulierung“ des Wohnungsmarktes und die Einführung einer Touristensteuer oder Kurtaxe.

Das ist bemerkenswert. Die Kanaren sind, was sie heute sind, wegen des Tourismus. „Er hat uns eine soziale und wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht, wie wir sie in unserer über 500-jährigen Geschichte nicht erlebt haben“, sagt Paulino Rivero, ein ehemaliger Ministerpräsident der Kanarischen Inseln. „Jemand muss anfangen, die Leute darüber aufzuklären, wie wir vor den 1980er Jahren auf den Inseln gelebt haben – darüber, wie wir zum Auswandern verurteilt waren.“ Noch heute wird auf den Kanaren Venezuela gelegentlich als „die achte Insel“ bezeichnet, weil eben dorthin so viele Menschen von den sieben kanarischen Inseln auswanderten. Das ist lange her.

Ferienbungalows auf Gran Canaria: der Tourismus brachte den Inseln auch mehr Wohlstand.

Heute sind die Kanaren Zuwanderungsgebiet. In den vergangenen 50 Jahren ist die Bevölkerung der Inseln um eine Million auf 2,2 Millionen Menschen gewachsen. Dort gab und gibt es Arbeit, dank des Tourismus, der 35 Prozent zur regionalen Wirtschaftsleistung und 40 Prozent zur Beschäftigung beiträgt. Für ganz Spanien bezifferte das Nationale Statistikinstitut das Gewicht des Fremdenverkehrs für 2022 mit 11,6 Prozent des Inlandsprodukts und 9,3 Prozent der Beschäftigung.

Die größte Irritation, die Reisende dem Land bereiten können, ist fernzubleiben. Das hat Spanien während der Pandemie ziemlich schmerzhaft gelernt. Die 85 Millionen Ausländerinnen und Ausländer des vergangenen Jahres – und die 109 Milliarden Euro, die sie ausgaben – sind immer noch hauptsächlich Anlass zur Euphorie: Spanien ist eine touristische Weltmacht! Das soll dem Land mal jemand nachmachen.

Einer der Veranstalter der Protestmärsche vom kommenden Samstag, der Verein der Naturfreunde Teneriffas, stellt in einer Mitteilung klar: „Die Demonstration ist nicht gegen den Tourismus. Wir sind für den Tourismus, aber wir sind überzeugt, dass es Zeit ist, ihm Grenzen zu setzen.“ Vielleicht. Die Reisegäste stören manchmal. Sie nutzen Ressourcen, die gelegentlich knapp sind, Wasser zum Beispiel oder Wohnraum.

Der kanarische Ökonom José Carlos Francisco, Präsident des regionalen Wirtschafts- und Sozialrates, hält das für kein fundamentales Hindernis für weiteres Wachstum. „Wenn man das Wasser klärt, wenn man kein Öl verbraucht, weil man erneuerbare Energien einsetzt, wenn man gute Straßen und genügend Wohnungen für alle Einkommen hat, dann kann die Bevölkerung zunehmen, ohne dass die Lebensqualität leidet oder die Umwelt noch mehr geschädigt wird“, sagt er in einem Interview mit dem „Diario de Canarias“. „Aber klar, wenn das Gegenteil geschieht, dann ist jede weitere Zunahme ein großes Problem.“

Kreuzfahrtschiff vor Lanzarote: 109 Milliarden Euro haben Urlaubsgäste in Spanien vergangenes Jahr ausgegeben.

Rubriklistenbild: © Dirk Holst/Imago

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