Burkhard Blienert, der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, über den Umgang mit Alkohol-Konsum, Rauchen und Cannabis.
Herr Blienert, der Gesetzesentwurf zur Cannabis-Legalisierung sollte 2022 vorliegen, er kam im Sommer 2023. Dann war er für den 1. Januar 2024 geplant. Jetzt heißt es April – wird der Start nochmal verschoben?
Es ist komplexer, als sich das viele am Anfang vielleicht vorgestellt haben. Aber wir sind auf der Ziellinie. Die kontrollierte Freigabe und das Cannabis-Gesetz sind sehr ambitionierte Vorhaben. Der jetzt diskutierte Gesetzentwurf stärkt vor allem den Gesundheitsschutz bei regelmäßig Konsumierenden. Im zweiten Schritt muss es mit den wissenschaftlich begleiteten Modellprojekten um die Gelegenheitskonsumierenden gehen.
Viele rechneten mit dem unkomplizierten, legalen Kaufen von Gras. Jetzt ist ein Zwei-Säulen-Modell mit Cannabis-Clubs geplant. Was macht jemand, der am Wochenende spontan einen Joint rauchen will, aber kein Club-Mitglied ist? Bleibt ja nur der Weg zum Dealer?
Ja, deshalb müssen wir die zweite Säule in Angriff nehmen, und damit den Gesundheitsschutz auch für die Gelegenheitskonsumierenden. Damit niemand mehr, der unbedingt konsumieren will und sich davon auch nicht abbringen lässt, beim Dealer an der Straßenecke gestrecktes Gras kaufen muss. Wir müssen endlich ehrlich eingestehen, dass Cannabis in Deutschland nicht nur von einigen wenigen Menschen, sondern eben doch von mehreren Millionen konsumiert wird.
Kommen wir zu einer anderen Seite des Rausches: Beim Konsum von reinem Alkohol liegen laut WHO europaweit nur die Tschech:innen und Lett:innen vor den Deutschen. Hat Deutschland ein Alkoholproblem?
Alkohol und dessen Konsum gehört bei uns zu selbstverständlich zum Alltag. Damit ist das Problem sehr groß und betrifft insbesondere auch sehr junge Menschen.
In den USA darf man ab 21 Jahren trinken, in vielen europäischen Ländern ab 18. In Deutschland dürfen schon 16-Jährige Wein und Bier kaufen …
… und ab 14 ist der Konsum als begleitetes Trinken mit den Eltern erlaubt, diese Regelung ist einmalig in Europa. Darin spiegelt sich die anachronistische Wahrnehmung, dass wir in Deutschland kein Alkoholproblem hätten. Wir haben aber ein dickes Problem beim Alkoholkonsum. Alkohol ist ein sehr starkes Zellgift. Das begleitete Trinken muss abgeschafft werden. Wenn Kinder und Jugendliche neben ihren Eltern sitzen, ist und bleibt die Wirkung von Alkohol dieselbe und katastrophal in diesem Alter. Wir brauchen aber auch den politischen Willen, diese Regelung zu ändern. Bisher haben sich die wenigsten dafür starkgemacht.
Sollte die allgemeine Grenze bei 16 Jahren bleiben?
Sinnvoll wäre: einheitliche Regelungen für alle Suchtmittel – also generell auf 18 Jahre setzen. Das wäre vernünftig. Das kann ich nicht allein entscheiden, aber so lautet auch die Empfehlung, die viele Medizinerinnen und Mediziner unterstützen.
Sie sagten am Weltnichtrauchertag 2023, sie wollen Deutschland zur „Nichtrauchergesellschaft“ machen. Bis wann und wie soll das gelingen?
Die Strategie von der Nichtrauchergesellschaft ist ein internationales Ziel. Bis 2030 ist Ziel, dass weniger als 13 Prozent der Erwachsenen und weniger als drei Prozent der Jugendlichen Tabakprodukte, E-Zigaretten oder andere verwandte Erzeugnisse, insbesondere, wenn diese suchterzeugendes Nikotin enthalten, konsumieren. Ich sehe zurzeit nicht, dass Deutschland das erreichen kann. Wir hinken schon bei einfachsten Maßnahmen hinterher, etwa bei der strikten Regulierung von Werbung und Sponsoring oder der unliebsamen Frage nach einer weiteren Verteuerung der Nikotinprodukte.
Frankreich will das Rauchen in der Öffentlichkeit zurückfahren, in Skandinavien gibt es keine Zigarettenautomaten. Ist so etwas
auch bei uns denkbar?
Der Baukasten ist vielfältig. Das Rauchen im Außengastro-Bereich sollte aus Gesundheitssicht nicht mehr erlaubt sein. Ich bin auch dafür, das Rauchen im Auto zu unterbinden, wenn Kinder und Jugendliche unter 18 oder auch Schwangere mitfahren. Da bin ich ganz klar bei Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach.
Interview: Andreas Schmid