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Durch seine Nähe zu Donald Trump hat der Tech-Milliardär und Tesla-Chef einen unvergleichlichen Einfluss gewonnen. Niemand weiß, was das für die Welt bedeutet
Als Kind, das in Südafrika aufwuchs, kannte Elon Musk Schmerz, und er lernte, ihn auszuhalten.“ Das ist der erste Satz in der Biografie von Walter Isaacson über den Tech-Milliardär, den derzeit reichsten Mann der Welt. Als Unternehmer hatte er bereits einen immensen Einfluss auf das Geschehen in der Welt. Sein Satellitensystem Starlink ermöglichte es der Ukraine, im Kampf gegen die Russen zu bestehen. Entzieht Musk dem Land die Nutzung dieser Daten, könnte sich der Krieg rasch zugunsten Russlands wenden. Seit einigen Monaten unterstützt Musk auch Donald Trump. Er finanzierte großzügig Teile von dessen Wahlkampf. Doch eine Hand wäscht die andere: Nun muss Trump die Gegenleistung erbringen. Musk stehen die Türen zur politischen Macht weit offen. Er soll, das ist der Wille Trumps, den Staat zerschlagen, ähnlich brutal, wie es der argentinische Präsident Javier Milei vorgemacht hat. Darin sehen beide eine Mission. Trumps Ende als Präsident ist abzusehen. Nach vier Jahren wird er aus dem Amt ausscheiden, in zwei Jahren wird er eine lahme Ente sein, eine lame duck. Steht dann der Einzug von Musk ins Weiße Haus bevor?
Schon seit Jahren erkennt Timothy Snyder Ähnlichkeiten zwischen den politischen Systemen Russlands und der USA. Jeder kann sehen, dass in Russland ein oligarchisches System Fuß gefasst hat. Nur wenige sehr reiche Unternehmer haben das Sagen in dem Riesenreich, sofern sie Präsident Wladimir Putin nicht in die Quere kommen. Snyder, der Osteuropa-Historiker, beschreibt das System in vielen seiner Bücher minutiös. Doch die Strukturen der beiden einstigen Supermächte würden sich immer mehr angleichen, warnt er. Elon Musk könnte der Vorläufer einer Entwicklung sein, deren Ende der Welt noch unbekannt ist.
Walter Isaacson hat Musk zwei Jahre lang begleitet. Seine extreme Zielstrebigkeit gehe oft auf Kosten seiner Mitmenschen, erklärt der Musk-Biograf. Er schildert ihn in dem Buch als eine Mischung aus Luke Skywalker und Darth Vader. Musk zeige wenig Empathie, neige zu impulsiven Entscheidungen und könne ungeheuer destruktiv sein, was ihm den Spitznamen „Dämon-Modus“ einbrachte. Kurz: Der Mann ist rücksichtslos und launisch. Aber er sei eben ein Visionär und Genie. Seine Fixierung auf Effizienz und Leistung sei allgegenwärtig.
Seine „Dämonen“ stammen aus einer traumatischen Kindheit in Südafrika, erzählt Isaacson, Musk sei geprägt von Gewalt und emotionalem Missbrauch durch seinen Vater, dessen Eigenschaften sich in ihm spiegeln würden. Er sei ständig auf der Suche nach Intensität und Dramatik, was ihn sowohl faszinierend als auch anstrengend mache.
Was ihn auszeichne, sei der Wille zur Macht. 100 Millionen Dollar investierte Musk zusätzlich in den Wahlkampf Trumps. Und auch sonst mischt Musk eifrig in der Innenpolitik anderer Staaten mit. Jüngstes Beispiel sind seine Tweets zu Deutschland. Kanzler Olaf Scholz wird von ihm zum Rücktritt aufgefordert. Nur die AfD könne Deutschland retten, posaunt der Multimilliardär da heraus – was ihm in den USA den Vorwurf einbrachte, er unterstütze eine Nazi-Partei. Seine exorbitante Stellung führt auch zu Anbiederungen, zuletzt von FDP-Chef Christian Lindner, der in seiner Verzweiflung nun auch die Nähe autoritärer Persönlichkeiten zu suchen scheint.
Seine Macht hat Anfang 2022 mit der spektakulären Übernahme von Twitter erheblich zugenommen. 2021 hatte er mit SpaceX 31 Satelliten ins All befördert, seine Autofirma Tesla hatte eine Million Autos verkauft, Musk war zum reichsten Mann der Welt aufgestiegen. „X“ ist durch die Aufweichung von Standards zur „Kloake“ verkommen. Doch der Kauf hat das politische Feld verändert. Musk greift zur Macht. Aber es geht ihm auch um wirtschaftliche Vorteile: Die 100 Millionen Dollar Investment in Trump haben sich ökonomisch längst ausgezahlt. Die Tesla-Aktie ist nach Trumps Sieg so gestiegen, dass 100 Millionen dagegen Peanuts sind. Und SpaceX wird in den kommenden Jahren weitere Milliarden erhalten, eine neue NASA-Mission zum Mars könnte den Zapfhahn der Bundesregierung noch weiter öffnen. Und Dogecoin, die Meme-basierte Kryptowährung, für die Musk in den letzten Jahren stark geworben hat, hat bereits mächtig von Trumps Sieg profitiert. Seit dem 5. November hat sich ihr Wert mehr als verdoppelt – ein viel größerer Sprung als der von Bitcoin.
Musk wird gerne mit den Bösewichten in James-Bond-Filmen verglichen. Doch wenn man schon eine fiktionale Figur wählen wollte, wäre Citizen Kane die naheliegendste. Die reale Person dahinter war der US-amerikanische Verleger und Medien Tycoon William Randolph Hearst (1863-1951), der ín seiner Zeit zu den reichsten Menschen der Welt zählte. Sein Vater hatte ihm bereits ein ungeheures Vermögen hinterlassen. Hearst kaufte sich daher Zeitungen. Die Pressemacht nutzte er, um politische und wirtschaftliche Ziele zu verfolgen. Seine Blätter halfen dabei, die USA in den Krieg mit Spanien zu treiben, um Kuba habhaft zu werden. Und er sorgte dafür, dass der Verkauf von Hanf verboten wurde, weil es eine gefährliche Alternative für seine Papiermühlen darstellte. Seine Blätter setzten auf Sensationsnachrichten. Sie geißelten Marihuana als die gefährlichste Droge seit Anbeginn der Menschheit. Schließlich wollte er Präsident der USA werden, dieser Plan sollte nie aufgehen. Hearst hegte Sympathien für den Nationalsozialismus in den 1930er Jahren. Geschichte wiederholt sich nicht? Aber sie kann sich verdammt ähnlich sein. Am Ende lebte er in einem Schloss, das er für über 30 Millionen Dollar errichten ließ. Orson Welles lässt Citizen Kane im sagenumwobenen Xanadu einsam sterben.
Dass reiche Menschen nach der politischen Macht greifen, ist Jahrtausende altes Wissensgut. Ein für sie gutes Ende ist nicht garantiert, trotz ihres Reichtums. Ein gutes Beispiel hierfür ist auch Marcus Licinius Crassus, der im 1. Jahrhundert v. Chr. lebte. Auch er nutzte seinen enormen Reichtum, um politischen Einfluss zu gewinnen und seine Macht im römischen Reich zu festigen. Crassus war ein wichtiger Unterstützer von Julius Caesar in dessen Aufstiegszeit und hatte ihm seine exorbitanten Schulden ausgeglichen. Dafür erwartete auch er Gegenleistungen. Mit Caesar und Pompeius bildete er das sogenannte Erste Triumvirat – eine Machtallianz, die das politische Leben der späten Republik dominierte. Crassus, von dem sich das Prädikat „krass reich“ herleitet, verlor auf dem Weg zur Macht seinen Kopf. Er zog in einen Kampf gegen die Parther und verlor kläglich. Die Schlacht bei Carrhae (53 v. Chr.) wurde zu einer Katastrophe. Die Parther enthaupteten ihn. Sein Ende war nur der Anfang auf dem Weg zur Zerstörung der Römischen Republik. Caesar riss die Macht bekanntlich an sich und wurde schließlich erdolcht. Das rettete jedoch nicht die Republik, sondern leitete die Ära der römischen Kaiserzeit ein. Aber erst nachdem ein blutiger Bürgerkrieg tobte.
Steht Amerika, dessen Macht so oft mit der des Römischen Reiches verglichen wird, vor einem ähnlichen Wandel? Historiker Timothy Snyder warnt schon seit vielen Jahren vor einer Zeit, in der Leute wie Musk in den USA das Sagen haben. Auf sie sei kein Verlass, betont Snyder. „Die Oligarchen werden Feiglinge sein, die sich an Fluchtphantasien nach Neuseeland oder zum Mars oder zur Unsterblichkeit oder was auch immer orientieren und sich von den harten Entscheidungen fernhalten, die der Rest von uns inmitten der durch sie verschärften Krisen treffen muss.“
„Wir müssen unsere Genies schützen. Wir haben nicht so viele von ihnen“, sagte Trump in der Wahlnacht über Musk. Doch manchmal muss man die Welt vor solchen Genies schützen. Auch das ist eine Lehre, die sich aus der Geschichte ziehen lässt.
