Russischer Aufmarsch

„Abnormal hohe Truppenkonzentration“: Kippt das Momentum im Osten der Ukraine?

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Kiew muss möglicherweise Truppen verlegen. iMAGO iMAGES
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Kiews Truppen setzen die russische Südfront weiter unter Druck, geraten im Nordosten aber in die Defensive. Plant Moskau nur Entlastungsangriffe – oder gar eine große Offensive auf Charkiw?

Seit Tagen schlagen Kiewer Militärs Alarm. „Der Feind hat seine Hauptkräfte vor Kupjansk versammelt, das die ukrainischen Truppen verteidigen“, schrieb Olexandr Syrskyj, Kommandeur der Landstreitkräfte, am Dienstag auf Telegram: „Die Situation ist schwierig, aber unter Kontrolle.“

Bei Liman und Kupjansk hätten die Russen 900 Panzer und über 100 000 Mann konzentriert, warnte zuvor Sergij Tscherewatyj, Sprecher der Ostgruppe von Kiews Truppen, am Montag im ukrainischen Fernsehen und ordnete ein: „Zum Verständnis, auf dem Höhepunkt des Afghanistankrieges waren 120 000 Sowjetsoldaten im Einsatz“.

Experte„Russland hat taktische Erfolge errungen“

Während Kiews Armee die Russen im Süden weiter unter Druck setzt, um Richtung Asowsches Meer vorzustoßen, ist sie im Nordosten an der Grenze der Regionen Lugansk und Charkiw, selbst in die Defensive geraten.

Das russische Verteidigungsministerium verlautbarte am Dienstag, man sei bei Kupjansk auf einer Front von zwei Kilometer eineinhalb Kilometer weit vorgerückt. Das Portal „topwar.ru“ meldete die Eroberung des Dorfes Nowoseliwske bei Kupjansk. „Russland hat zumindest taktische Erfolge errungen“, sagt Oleksyj Melnyk, Militärexperte des Kiewer Rasumkow-Instituts. „Es wäre laienhaft zu glauben, die Russen säßen ruhig da und schauten zu, wie wir angreifen, ohne selbst etwas zu unternehmen.“ Und die Feinde profitierten bei Kupjansk davon, dass die Nachschubwege aus Russland sehr kurz und deshalb relativ sicher seien.

Hohe Truppenzahl gemeldet

Der ukrainische Militärblogger Konstantin Maschowjez schreibt auf Telegram, mehr als 100 000 russische Soldaten, 830 Panzer, 1500 Panzerwagen, 770 Geschütze und 330 Raketenwerfer seien auf einer Frontbreite von 120 Kilometer aufmarschiert, „eine anormal hohe Truppenkonzentration“. Sie hofften sehr, dass ihre Kameraden im Süden das ukrainische Oberkommando zwingen, die Hauptmasse der Reserven auszupacken, um dann selbst loszuschlagen.

Russland versucht, der Ukraine die strategische Initiative wieder zu entwinden. Aber die Mehrzahl der ukrainischen Militärs erwartet eher eine beschränkte Offensive des Feindes, um Kiew zu nötigen, seine Reserven aus dem Süden Richtung Kupjansk zu werfen. Experte Melnyk glaubt aber, für die Russen sei es auch politisch wichtig, zumindest wieder bis zur Grenze der umkämpften „Lugansker Volksrepublik“ vorzudringen. Andere schließen nicht aus, dass der Feind danach trachtet, die im Herbst in der Region Charkiw verlorenen Gebiete zurückzuerobern. Und die russische Massenzeitung „Moskowskij Komsomoljez“ prophezeit schon die Einnahme der Millionenstadt Charkiw.

„‘Sturm-Z‘-Angriffstruppen eingesetzt.“

Allerdings ist unklar, wie viel Kampfkraft sich hinter der Zahl von mehr als 100 000 Russen bei Kupjansk verbirgt. „Ein Großteil dieser Truppen sind für Logistik zuständig“, sagt Melnyk, „die eigentlichen Angriffsabteilungen werden von Fachleuten auf etwa 20 000 Mann geschätzt.“ Und die Beobachter:innen des US-Militärforschungsinstituts ISW schreiben, die Zusammensetzung dieser Streitmacht würde den Russen nur taktische Erfolge erlauben. „Laut ukrainischen und russischen Quellen werden im Raum Kupjansk aus Sträflingen gebildete „Sturm-Z“-Angriffstruppen eingesetzt.“ Die aber seien mangels Moral und Disziplin wenig effektiv.

Melnyk dagegen bezeichnet das russische Know-how, die ukrainische Verteidigung durch Massenangriffe von Häftlingen zu verschleißen, als durchaus gefährlich, weil es Lücken für nachfolgende professionelle Einheiten öffne. „Allerdings haben die Kämpfe in Bachmut gezeigt, dass auch diese Taktik an ihre Grenzen stößt.“ Auf russischer Seite aber erinnert man sich schon mit Pathos an die blutigen, doch halbwegs erfolgreichen Straßenkämpfe um die Kleinstadt in der Donezker Nachbarregion. „Kupjansk“, tönt der staatliche Youtube-Kanal Perwyj Nowostnoj, „ist das neue Bachmut.“

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