Mali

Abzug westlicher Truppen aus Mali: Ein Vorzeigestaat sabotiert sich selbst

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Schlachtfeld Kidal.
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In Mali stehen alle Zeichen auf Sturm: Die UN gehen, „Wagner“ bleibt, die Warlords kommen. Für den Konflikt zwischen Junta und Tuareg ist keine Lösung in Sicht.

Die Erleichterung war derart groß, dass das Büro des UN-Generalsekretärs in New York gleich eine sechs Absätze lange Jubelmeldung absonderte: „Der Konvoi der UN-Mission Minusma aus Kidal ist in Gao eingetroffen.“ Die Strecke in dem Unruhestaat Mali ist 350 Kilometer lang: Google veranschlagt dafür großzügig zehn Stunden Fahrt. Der neun Kilometer lange Militär-Konvoi brauchte dafür acht Tage.

Für die 848 Blauhelme aus dem Tschad, Guinea, Ägypten, Nepal und Bangladesch stellte sich das so dar: Sechs Mal explodierten Sprengsätze neben oder unter einem Fahrzeug, 37 Kameraden wurden verletzt. Auch stellte sich das Wetter als genauso mies wie die Straße heraus: Andauernd blieb eines der 143 UN-Fahrzeuge liegen und musste wieder flottgemacht werden. Die Reise aus dem Nordosten zog sich dermaßen in die Länge, dass die Truppe aus der Luft mit Wasser, Nahrung und Benzin versorgt werden musste. Inzwischen sind die Blauhelme in Gao, von wo aus sie ausgeflogen werden können. „Ein Beispiel der fantastischen Arbeit, die unsere Friedenssoldaten selbst unter schwierigsten Bedingungen leisten“, schwelgt UN-Sprecher Stéphane Dujarric.

Mali: Putschisten in Bamako verlangen Abzug der Bundeswehr bis 2024

Der Stützpunkt in Kidal war der achte, aus dem sich die Blauhelme bislang zurückgezogen haben, fünf müssen noch folgen. Darunter auch das Bundeswehrlager bei Goa, in dem mal mehr als 1000 Deutsche stationiert waren. Die Mission muss bis Anfang 2024 abgewickelt sein: So wollten es die Putschisten in der Hauptstadt Bamako, denen die Friedenssoldaten dabei im Weg sind, die Islamisten endgültig auszuschalten. Malis Soldaten werden von den Russen der „Wagner“-Truppe unterstützt: Dass diese keinerlei Rücksicht auf „Kollateralschäden“ in der Bevölkerung nehmen, haben sie schon mehrfach unter Beweis gestellt.

Obwohl die Junta den möglichst raschen Abzug der Blauhelme forderte, wirft sie ihnen gleichzeitig alle nur erdenklichen Knüppel zwischen die Beine. Sie erteilt Minusma keine Erlaubnis, Einheiten aus entlegenen Stützpunkten auszufliegen und genehmigt keine Transporte mit Sattelschleppern, um kaputte Militärfahrzeuge oder sperrige Ausrüstung abzutransportieren. Offensichtlich wollten Malis Militärs zurückgelassenes Gerät für sich einkassieren. Minusma verkauft das Material deshalb – oder schenkt es gleich der Bevölkerung. Teilweise wurden Waffen und Munition vernichtet. Zählt man noch vier reparaturbedürftige UN-Flugzeuge dazu, die in Mali gestrandet sind, so haben die UN dort laut Agentur Reuters „Millionen an US-Dollar“ verloren.

Tuareg-Separatisten in Mali: Rückkehr ins Jahr 2012 befürchtet

Ihre Stützpunkte pflegt Minusma der jeweils in der Region dominanten Macht zu übergeben. So kommt es im Norden regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und der Tuareg-Allianz „Ständiger strategischer Rahmen für Frieden, Sicherheit und Entwicklung“ (CSP-PSD). Beide Seiten hatten 2015 den Friedensvertrag von Algier unterzeichnet, der den Tuareg weitgehende Autonomie im Norden einräumte und den seit 60 Jahren immer wieder auch gewaltsam geäußerten Sezessions-Bestrebungen des Wüstenvolks erstmal Genüge tat. Die Junta erkennt den Vertrag von Algier allerdings nicht an.

Beim Abzug aus Tessalit an der Grenze zu Algerien gelang es den Regierungstruppen, den UN-Stützpunkt unter ihre Kontrolle zu bringen. Dagegen konnten sich die Tuareg das Blauhelmlager im 100 Kilometer weiter südlich gelegenen Aguelhok sichern. Als den Separatisten dasselbe auch Anfang November in Kidal glückte, griffen die malischen Streitkräfte die Stadt mit Drohnen und Kampfjets an. Dabei sollen mindestens 15 Menschen, darunter auch Kinder, getötet worden sein. Am Sonntag flammten die Kämpfe dort mit neuer Intensität auf. Nicht bestätigten Berichten nach soll das Putschmilitär nun die Oberhand dort haben.

Das CSP-PSD rief zur „Generalmobilmachung an allen Fronten“ auf, „um den institutionalisierten Terrorismus auf unserem Territorium endgültig zu beenden“. Nun wird befürchtet, dass sich ohne die Blauhelme das Jahr 2012 wiederholt, als Tuareg gemeinsam mit islamistischen Extremisten den Norden Malis überrannten und ihn bis zur Intervention des französischen Militärs ein Jahr später kontrollierten. Das nun nicht mehr dort gewollte Frankreich wird gewiss nicht erneut eingreifen. Schlechte Aussichten für ein Land, das einst zu Afrikas Vorzeigestaaten gehörte. (Johannes Dieterich)

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