Tabubruch von Merz oder Befreiungsschlag? Wo die AfD-Brandmauer längst bröckelt
VonStephanie Munk
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Die Abstimmung mit der AfD im Bundestag ist für manche ein Skandal, für andere ein Befreiungsschlag. Auf anderer Ebene ist die Debatte längst aktuell.
Berlin – Am Tag nach der historischen Abstimmung im Bundestag mit Stimmen der AfD müssen sich viele in Deutschland erstmal sortieren. Was bedeutet das für das Deutschland? Ist der Tabubruch da, hat die Union die Brandmauer zur AfD eingerissen? Welche Konsequenzen folgen jetzt für den Wahlkampf und die Zeit nach der Bundestagswahl?
Die AfD jedenfalls triumphiert: Nach der Abstimmung gab es feixende Gesichter von AfD-Abgeordneten im Bundestag, die in Teilen rechtsextreme Partei sieht sich als Sieger des ganzen Manövers.
Merz will nach umstrittener Brandmauer-Abstimmung keine Zusammenarbeit mit der AfD
CDU-Chef Friedrich Merz, der die gemeinsame Asyl-Abstimmung mit der AfD ins Rollen brachte, will vom Jubel in der AfD nichts wissen. Er wolle nach wie vor keinesfalls mit der AfD aktiv zusammenarbeiten, betonte er Mittwochnacht in den ARD-Tagesthemen: „Es gibt keine Zusammenarbeit zwischen Union und AfD. Und da können jetzt AfD-Leute triumphieren, wie sie wollen, die wird es nicht geben.“ Er wolle, dass die AfD wieder kleiner werde und nicht größer, und zwar, indem er Probleme löse.
Während die SPD und Kanzler Olaf Scholz bereits eine schwarz-blaue Koalition nach der Wahl an die Wand malen, betonte Merz: Eine Stimme für die AfD sei nach der Bundestagswahl „nichts mehr Wert“. Ein Politikwechsel sei nur mit seiner Union möglich. Kritik erntet Merz allerdings auch aus seiner eigenen Partei, besonders scharf von Altkanzlerin Angela Merkel.
Erneute Abstimmung von CDU/CSU und AfD am Freitag: Diesmal wird es für Merz noch ernster
Der Abstimmung über die Unionsanträge am Mittwoch folgt zunächst einmal nichts Inhaltliches: Es waren „nur“ sogenannten Entschließungsanträge. Mit solchen wird die Auffassung des Bundestags zu politischen Fragen zum Ausdruck gebracht, rechtlich bindend ist daran nichts.
Am Freitag, 31. Januar, wird es aber ernster für Unions-Kanzlerkandidat Merz: Dann wird über einen Gesetzesentwurf abgestimmt, den die Union ebenfalls zur Migration eingebracht hat. Es geht um das Zustrombegrenzungsgesetz, das die illegale Migration nach Deutschland anhand mehrerer Maßnahmen begrenzen soll.
Merz appelliert an SPD und Grüne, am Freitag mit CDU abzustimmen
Am Freitag zu einem konkreten Gesetzesentwurf nochmal mit der AfD zu stimmen, scheint Merz Unbehagen zu bereiten. In den Tagesthemen appellierte er an SPD und Grüne, mit der Union über den Gesetzesentwurf zu sprechen, man könne darüber auch nochmals diskutieren. „Ich möchte Mehrheiten in der politischen Mitte unseres Parlaments“, betonte der Kanzlerkandidat.
Brandmauer-Diskussion nach Merz-Abstimmung im Bundestag: „Befreiungsschlag“
Doch tatsächlich drängt sich die Frage auf: Lässt sich nach der Bundestagswahl mit einer wahrscheinlich noch stärkeren AfD im Bundestag die Brandmauer noch halten? Lassen sich gemeinsame Abstimmungen mit der AfD in Zukunft gänzlich vermeiden? Wie schwierig das ist, zeigt der Blick in Kommunal- und Landesparlamente, wo die AfD bereits stark vertreten ist. Der Streit, der jetzt nach Merz‘ Anträgen auf Bundesebene läuft, schwelt zum Beispiel in Sachsen schon lange.
Sven Eppinger, Vorsitzender der Heimatunion in Sachsen, einer Untergruppe der CDU, nannte es in einer Pressemitteilung deshalb einen „Befreiungsschlag“, dass Friedrich Merz seine Asylpläne notfalls auch mit der AfD beschließen will: „Den Luxus, auszusuchen, wer den von uns als notwendig erkannten Maßnahmen zustimmen darf, können und dürfen wir uns als CDU nicht mehr leisten.“ Merz habe die CDU „aus der Geiselhaft durch SPD und Grüne befreit“, heißt es in der Mitteilung triumphierend. Bei Grenzkontrollen und strikterer Migration dürfe nur das Ergebnis zählen.
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CDU will AfD in Sachsen und Thüringen keine Opferrolle mehr zugestehen
In Sachsen und Thüringen arbeitet die CDU zwar bisher nicht direkt im Landtag mit der AfD zusammen, man wolle ihr dort aber auch keine Märtyrerrolle mehr zugestehen, heißt es in einem Artikel der FAZ. Denn davon, sich ständig als Opfer der übrigen Parteien darzustellen, habe die AfD bisher nur profitiert. Die AfD wird daher in den Landesparlamenten in Sachsen und Thüringen weitgehend so behandelt, wie es die Gepflogenheiten vorsehen: Vorsitzende der Fachausschüsse werden nach Fraktionsgröße bestimmt, der AfD fielen in Sachsen so der Vorsitz in vier Ausschüssen zu.
Problematischer ist die Situation im Landtag in Thüringen, wo die AfD eine Sperrminorität hat. Wichtige Gremien können ohne ihre Zustimmung nicht besetzt werden. CDU und BSW schlugen der AfD daher sogar vor, den Posten des Landtagsvizepräsidenten zu erhalten, wenn sie sich kooperativ zeige. Die Debatte schwelt noch, mittlerweile machten CDU und BSW einen Rückzieher. Doch der Vorgang zeigt, wie schwierig es in manchen Landesparlamenten mittlerweile ist, an der AfD vorbeizuregieren.
Brandmauer zur AfD bei Abstimmungen auf kommunaler Ebene teils längst nicht mehr da
Auf kommunaler Ebene ist eine Zusammenarbeit mit der AfD in einigen Gemeinden schon fast Normalität. CDU-Politiker Matthias Grahl plädierte jüngst in der Sächsischen Zeitung für Gespräche mit der AfD. Die CDU rede im Kreistag in Bautzen „mit allen, die gewählt wurden“, betonte er, sie lasse sich nicht von Grünen, SPD, Linken und BSW diktieren, mit wem sie Beschlüsse fasse.
Bei Migrationsthemen stimmte CDU schon öfter mit der AfD
Die Sächsische Zeitung führt Abstimmungen auf Kreisebene auf, bei denen die CDU und AfD bereits gemeinsam stimmten, mehrere davon betreffen Migrationsthemen. In Bautzen votierte die CDU für einen AfD-Antrag, mit dem freiwillige Integrationsleistungen des Landkreises für Asylbewerber gekürzt werden sollen, die ausreisepflichtig sind. In Dresden ging ein AfD-Antrag zu einer Bezahlkarte für Asylbewerber mit Stimmen der CDU durch. Und im Kreistag von Mittelsachsen lehnte eine Mehrheit von CDU, AfD und Freien Wähler es ab, dass 3,5 Millionen Euro an Migrationskosten vom Landtag übernommen werden.
Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer hält es auf Gemeinde- und Kreisebene für ihn Ordnung, dass es keine Brandmauer zur AfD hin gibt, denn Gemeinräte und Kreistage seien Teil der Verwaltung und „kein Parlament“. Außerdem, so Kretschmer: „Im Grundgesetz stehen keine Brandmauern.“
Merz hält nach umstrittener Bundestags-Abstimmung Brandmauer für „das falsche Bild“
Merz wollte am Mittwochnachmittag nach der umstrittenen Abstimmung mit der AfD das Wort „Brandmauer“ gar nicht verwenden, es sei „das falsche Bild“, so der CDU-Chef. „Ich möchte, dass der Brand hinter der Mauer nicht zum Flächenbrand in ganz Deutschland wird. Und deshalb wenden wir uns der Lösung der Probleme zu.“
Merz appelliere an SPD und Grüne, ihm auf diesem Weg zu folgen, denn „das, was in der Sache richtig ist, wird nicht falsch dadurch, dass die Falschen zustimmen“, so Merz. (smu)