Die ehemalige afghanische Provinzgouverneurin Habiba Sarabi erinnert ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban daran, Afghanistan nicht aus den Augen zu verlieren.
Kabul - Ein Jahr nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan warnt die ehemalige afghanische Provinzgouverneurin Habiba Sarabi die internationale Weltgemeinschaft davor, das Land aus den Augen zu verlieren. Afghanistan entwickle sich unter der Herrschaft der Taliban wieder zu einem sicheren Hafen für Terrormilizen, sagte die Politikerin der Deutschen Presse-Agentur. «Die Welt sollte die Taliban nicht anerkennen.»
Sarabi, die unter Präsident Hamid Karsai bis 2005 Bildungsministerin war, verweist zudem auf die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft. Westliche Mächte hätten Warlords und anderen korrupten Politikern in Afghanistan zur Macht verholfen. Gerade die hohe Korruption in den Reihen der alten afghanischen Regierung gilt unter Experten jedoch als eines der wichtigsten Gründe für den Zusammenbruch des afghanischen Staates und der afghanischen Armee.
Die Taliban übernahmen im August 2021 wieder die Macht in Afghanistan, 20 Jahre nach Einmarsch der westlichen Truppen. Vor allem unter afghanischen Soldaten waren in den letzten Jahren hohe Opferzahlen im Kampf gegen die Taliban zu beklagen. Für viele Experten kam der Kollaps des afghanischen Staates jedoch nicht als Überraschung. Neben Unterstützung durch regionale Mächte hat auch der Friedensvertrag zwischen den USA und den Taliban in Doha 2020 den militanten Islamisten zu neuer Stärke verholfen. Für die afghanische Armee seien die Friedensgespräche hingegen ein herber Rückschlag gewesen, meint Sarabi.
Gerade in dieser schwierigen Zeit hätte der Abzug der internationalen Truppen «ohne klaren Plan und ohne klare Verantwortung» stattgefunden. «Afghanistan wurde einfach wieder in die Hände von Terroristen gegeben» moniert die Politikerin. Eine Entwicklung, die sich laut Sarabi noch rächen werde. «Wenn wir Afghanistan vergessen, wird der Extremismus auch an unserer Tür klopfen.» (dpa)