Die Länder des Westens waren in Afghanistan unverantwortlich. Im Untersuchungsausschuss im Bundestag wurde ein Teil aufgearbeitet. Der Kommentar.
Kabul – Als sich die „Koalition der Willigen“ nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 entschloss, in Afghanistan in einen Krieg zu ziehen, haben sich die beteiligten westlichen Staaten – ob sie sich dessen bewusst waren oder nicht – vielfältig große Verantwortung aufgeladen. Wie sehr und in welchen Weisen sie diese Verantwortung wahrgenommen und verletzt haben, ist auch fast 25 Jahre später noch nicht vollkommen klar und aufgeklärt.
Der jetzt vorgestellte Bericht eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Bundestag betrifft eine Facette dieser Verantwortung, nämlich die gegenüber dem eigenen militärischen und zivilen Personal, das zwanzig Jahre nach dem Beginn des Militäreinsatzes letztlich schlagartig aus dem Land abgezogen wurde.
Aufbereitung von Afghanistan-Einsatz zeigt: Versäumnisse und fehlende Kompetenzen
Der Bericht zeigt, dass dieser letzte Akt des militärischen Engagements in Afghanistan von vielen Kompetenzmängeln seitens der Bundesregierung geprägt war. Es waren politische Entscheidungen der USA und ihrer Verbündeten, die zu dem chaotischen Abzug führten. Dass diese Situation nach einem zwei Jahrzehnte dauernden militärischen Engagement in Afghanistan überraschend kam, ist ein großes Versäumnis.
Das gilt aber noch viel mehr dafür, wie der Westen das Land selbst hinterlassen hat. Dass nach all diesen Jahren und zehntausenden getöteten Afghan:innen wieder dieselben Taliban in Kabul regieren, die 2001 von der Macht vertrieben werden sollten, ist eine historische Tragödie.
Klarkommen in der Theokratie: Westen fährt im Nahen Osten Doppelmoral
In der Rückschau muss sich der Westen vor allem mit Blick darauf hinterfragen. Bisher hat man daraus keine Lehren gezogen. Das zeigt etwa, dass dieser Tage die kurdischen Truppen in Syrien, die gegen Islamisten gekämpft haben und kämpfen, drohen, im Stich gelassen zu werden.
Syrien-Rebellen stürzen Assad: Die Bilder des Machtwechsels
Durch die – zeitweise – Ablösung der Taliban sind in Afghanistan auch Freiräume für Frauen und andere von den Islamisten Unterdrückte entstanden, denen durch den Rückzug des Westens wieder der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. In den Ohren dieser Menschen müssen alle Bekenntnisse zu Freiheitswerten wie blanker Hohn klingen, während sie sich mit der Theokratie arrangieren müssen.
Das vielleicht plakativste Beispiel für die fallen gelassene Verantwortung ist Deutschlands Umgang mit Ortskräften, die durch die Intervention in eine prekäre Situation gebracht wurden und von denen immer noch mehr als 3000 in Pakistan auf die versprochene Ausreise nach Deutschland warten. Dieser Aspekt des Rückzugs aus Afghanistan ist beschämend, und verdient mehr Aufmerksamkeit.