Namibia

Aktivist Dempers aus Namibia: „Beschämendes Ausmaß von Armut und Hoffnungslosigkeit“

+
Windhuks Vorort Katutura: Der Name steht für „Ort, an dem man nicht leben möchte“.
  • schließen

Der namibische Menschenrechtsaktivist Uhuru Dempers über den Umgang Deutschlands mit dem Völkermord an den Nama und Ovaherero, das Versöhnungsabkommen mit Namibia und die Situation vor Ort. Ein Interview von Fabian Scheuermann

Bis zu 100 000 Männer, Frauen und Kinder wurden in den Jahren 1904 bis 1908 in Südwestafrika von deutschen Kolonialtruppen ermordet. Manche von ihnen verdursteten unter Abriegelung von Wasserstellen, andere wurden erschossen oder starben in Konzentrationslagern. Erst 2015 starteten offizielle Versöhnungsgespräche zwischen Deutschland und Namibia – die 2021 in einer gemeinsamen Erklärung mündeten. Diese enthielt eine Entschuldigung und die Anerkennung, dass es sich aus „heutiger Sicht“ um einen Völkermord handelt – sowie die Zusage Deutschlands, innerhalb von 30 Jahren 1,1 Milliarden Euro für „Wiederaufbau und Entwicklung“ in Namibia zu zahlen. Seitdem laufen Verhandlungen über die konkrete Ausführung.

Herr Dempers, wo stehen die deutsch-namibischen Beziehungen heute, vier Jahre nach der Erklärung von 2021?
Da muss ich etwas ausholen. Deutschland war ungefähr seit der Berliner Afrika-Konferenz 1884 bis 1915 in Namibia als Kolonialmacht aktiv. In dieser Zeit begingen die deutschen Truppen auch den Völkermord an den Ovaherero und Nama und anderer indigener Gemeinschaften. Danach standen wir im heutigen Namibia 70 Jahre unter einer südafrikanischen Apartheid-Administration, die die brutale Unterdrückung der Einheimischen samt Landraub im Grunde weitergeführt hat. Wir hatten also nie eine Chance, uns mit dem Völkermord auseinanderzusetzen. Erst mit der Unabhängigkeit Namibias 1990 konnten wir anfangen, darüber zu sprechen. Doch was dann folgte, ist leider eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten.
Wie meinen Sie das?
Nehmen Sie den ersten Besuch eines deutschen Kanzlers in Namibia 1995: Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, um sich mit dem Völkermord zu beschäftigen. Stattdessen besuchte Helmut Kohl eine deutsche Schule und traf sich mit Vertreter:innen aus der Wirtschaft, wo in manchen Bereichen immer noch Nachfahren der deutschen Siedler das Sagen haben. Als sich dann 2004, 100 Jahre nach dem Völkermord, die damalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul bei einem Besuch für die Taten der Deutschen entschuldigte, distanzierte sich die Regierung in Berlin davon. Das war eine weitere verpasste Gelegenheit.
Und dann kam nach jahrelangen Verhandlungen die Erklärung von 2021. Und jetzt? Namibias High Court beschäftigt sich noch mit einer Klage gegen die Erklärung …
In Namibia gab es mehr Kritik als Lob für das Verhandlungsergebnis. Die Entschuldigung klang nicht echt, dafür wurde zu viel diplomatische Sprache verwendet. Und der Betrag wurde von vielen als nicht hoch genug eingeschätzt. Man wird von namibischer Seite her wohl darauf drängen, dass es noch einmal Änderungen am Verhandlungsergebnis gibt. Ich hoffe, dass die neue deutsche Regierung offen für Gespräche darüber ist. Führende Persönlichkeiten aus den Communitys der Ovaherero und Nama, gegen die General von Trotha damals den Vernichtungsbefehl gegeben hatte, fühlen sich weiter von den Verhandlungen ausgeschlossen. Trotzdem muss man sagen, dass es Fortschritte gibt.
Zum Beispiel?
Vor einer Weile hat die deutsche Regierung noch abgestritten, dass die Vernichtung von bis zu 100 000 Menschen überhaupt ein Völkermord war. Heute sieht man das ein und zeigt auch die Bereitschaft, sich zu entschuldigen. Außerdem haben die langjährigen Verhandlungen in Namibia – und zu einem gewissen Grad auch in Deutschland – ein Bewusstsein für das Thema entstehen lassen.
Wie geht es denn heute den Nachfahren der Überlebenden des Völkermords?
Die Erfahrung eines Völkermordes, die Enteignung und Unterdrückung hat Traumata erzeugt, die weitergetragen werden. Ich selbst betrachte mich als Nama, habe aber auch Vorfahren, die Ovaherero waren und Damara, ich teile also einen Stammbaum mit den betroffenen Communitys. Diese befinden sich vor allem im Süden und Osten des Landes. Wenn man dorthin fährt, aber auch in den Vororten der Hauptstadt Windhuk, dann sieht man Folgendes: Die Menschen leben oft in informellen Siedlungen. In Hütten aus Plastikresten oder Holzbrettern. Das sind Behausungen – als Zuhause kann man sie nicht bezeichnen. Der Grund und Boden, auf dem die Menschen hausen, gehört ihnen nicht. Sie haben oft kein fließendes Wasser, keine Abwasserentsorgung, und Schulen und Gesundheitsdienste sind weit weg. Wenn es so wie in 2024 zu einer Dürre kommt, leiden die Menschen Hunger. In der Omaheke-Region – jene Region, wo die Menschen besonders stark unter dem Genozid gelitten haben – sterben immer wieder Menschen an Unterernährung. Das sind beschämende Ausmaße von Armut, Hunger und Hoffnungslosigkeit, in denen viele Nama und Ovaherero heute leben.
Wie sind die Perspektiven?
Wer Arbeit hat, verdingt sich als Arbeiter auf einer Farm, die meistens einem Nachfahren der deutschen Siedler gehört oder Weißen aus Südafrika – oder aus anderen Ländern wie Luxemburg, Russland, Australien ...
Was muss in Ihren Augen geschehen, damit sich das ändert? Und was sollte Deutschland tun?
Wir müssen uns mit der Landfrage befassen. Unsere Verfassung besagt, dass wir Land nicht ohne Entschädigung enteignen können. Und Land zum Marktpreis zu kaufen, ist zu teuer. Aber in unserer Verfassung ist auch nicht die Rede von Marktpreisen, sondern davon, dass Entschädigungen „fair“ sein müssen. Wir sollten uns in Namibia also überlegen: Was ist „fair“? Was ist fair gegenüber den Landlosen, deren Vorfahren ja selbst einmal gewaltsam im Kolonialismus enteignet worden sind? Wenn Deutschland sein finanzielles Angebot an Reparationszahlungen substanziell erhöht, könnte ein Teil des Geldes in den Erwerb von Land fließen. Und dann könnte Deutschland den Menschen dabei helfen, dieses Land produktiv zu bewirtschaften. Deutschland ist eines der führenden Länder in moderner Landwirtschaftstechnologie und auch bei erneuerbaren Energien. Wir haben sehr gute Bedingungen hier für Solarenergie und wir wollen auch etwas gegen den Klimawandel tun … und Deutschland ist weltweit führend im Bereich der Berufsausbildung. Wir müssen uns also fragen, wie Deutschland Namibia da noch besser helfen könnte. Denn bei uns sind viele junge Leute arbeitslos.
Schülerinnen passieren das Genozid-Denkmal in Windhuk.
Deutschland zahlt ja vergleichsweise viel Entwicklungshilfe an Namibia. Gleichzeitig ist unklar, wie es unter einer Regierung Merz weitergeht. Im Koalitionsvertrag wird der ganze afrikanische Kontinent nur kurz erwähnt, Namibia gar nicht. Die Afrikastrategie der neuen Regierung wird sich vor allem um Handel drehen und darum, wie Deutschland an Ressourcen wie grünen Wasserstoff kommt. Woher nehmen Sie die Hoffnung, dass sich trotzdem etwas tut?
Unser Aufruf ist ja nicht nur an die deutsche Regierung gerichtet, sondern an alle deutschen Bürger:innen. Deshalb bin ich auch viel in der deutschen Zivilgesellschaft unterwegs, etwa bei den Kirchen und NGOs. Diese Akteure können uns helfen und sich bei der Regierung dafür einsetzen, dass wir in Namibia einen fairen Deal bekommen – so dass wir dem Erbe unserer Vergangenheit spürbar etwas entgegensetzen können. Dieser Druck ist noch nicht groß genug. Was man recht leicht erreichen könnte – ich nenne das eine „low hanging fruit“, eine Frucht, die man leicht ernten kann –, ist die Rückgabe aller menschlichen Überreste unserer Vorfahren aus Sammlungen in Deutschland. Auch das wäre wichtig im Rahmen des Versöhnungsprozesses, denn es geht nicht nur um Geld – es geht auch um unsere Menschenwürde. Es ist nicht verständlich, warum wir rund 120 Jahre nach dem Völkermord an den Herero und Nama immer noch über so etwas reden müssen.
Was bedeutet es, dass es auch in Namibia nun eine neue Regierung gibt – mit einer Präsidentin an der Spitze?
Die Regierung ist nicht wirklich neu, denn viele Personen und auch die Regierungspartei sind gleich geblieben. Mein Wunsch an die neue Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwa ist, dass sie mehr dafür tut, die Menschen bei diesem Thema zusammenzubringen und auch jene Personen aus den Ovaherero- und Nama-Communitys einzubeziehen, die sich in der Vergangenheit bei den Verhandlungen nicht mitgenommen gefühlt haben. Je vereinter wir in Namibia bei diesem Thema Deutschland gegenübertreten, desto mehr Erfolg werden wir haben. Und ich träume von einer Zukunft, in der es ganz viel Austausch zwischen der deutschen und der namibischen Jugend gibt, auch im Bildungs-, im kulturellen, wissenschaftlichen und sportlichen Bereich. Es geht um die Vision einer Zukunft des gegenseitigen Respekts, in der klar ist, dass wir nie wieder dorthin zurückgehen werden, von wo wir gekommen sind.

Kommentare