VonJutta Rippegatherschließen
Der Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Hessen, Tarek Al-Wazir, sorgt sich um die Demokratie. Die Wahl in Hessen sei auch ein Kampf gegen Populismus.
Wiesbaden – Tarek Al-Wazir blickt auf die Uhr. „Nur noch 73 Stunden bis zum Schließen der Wahllokale.“ Die Spannung steigt. Acht Wochen tingelt der Grüne schon durch Hessen, er will Regierungschef werden. Jetzt ist Endspurt. Der beginnt am Donnerstag vor der Wahl in der Heimatstadt des Offenbachers – vor kleinerem Publikum. Völlig überraschend hat er hier vor fünf Jahren das Direktmandat gewonnen. „Ich war wirklich gerührt.“ Eineinhalb Stunden später ist dann der „Wahlkampfhöhepunkt“ angesagt, im Musiklokal Südbahnhof in der Grünen-Hochburg Frankfurt. Mit 450 Politikerinnen und Politikern aus Stadt, Land, auch aus dem Bund. Letztere haben einiges gut zu machen – Rückenwind für die Hessenwahl lieferte Berlin nun wahrlich nicht.
Spitzenkandidat der Grünen zur Hessen-Wahl: Tarek Al-Wazir betont „Verunsicherung“
Mit dabei bei beiden Terminen: Robert Habeck. Auch er wie Al-Wazir Wirtschaftsminister, nur eben auf Bundesebene. Zwei Grünenpolitiker der gleichen Generation, die sich kennen, schätzen. Und die doch nicht unterschiedlicher sein können. Der lässige Habeck in Jeans, der mit hochgekrempelten Hemdsärmeln in Offenbach das Klimageld erklärt oder die schwierige Lage in der Migrationspolitik. Daneben Al-Wazir im obligatorischen dunkelblauen Anzug, seriös, ernster Blick, staatstragend. Einer, der eher der Kategorie Winfried Kretschmann zuzuordnen ist, dem Regierungschef in Stuttgart. Al-Wazir selbst hat es so formuliert: „Ich bin nicht so der Berlin-Kreuzberg-Typ, sondern der Typ Doppelhaushälfte.“
Ein Grüner, der vor zehn Jahren die erste „geräuschlos“ arbeitende Koalition mit der CDU in einem Flächenland schmiedete und um die Stimmen der Wählerschaft in der Mitte buhlt. Der mit der Union kann, so wie mit den anderen demokratischen Parteien, und der politische Kompromisse mitträgt. Der aushält, dass der Frankfurter Flughafen unter Grünenbeteiligung weiter ausgebaut wird, im Dannenröder Forst Bäume fallen für den Autobahnausbau der A49. Der zum Buhmann mancher wurde, die die Umwelt schützen. Ein Politiker in Verantwortung, hält er dagegen, muss sich an Recht und Gesetz halten.
In seiner Rede am Frankfurter Südbahnhof blickt der Kandidat nach vorn. Veränderungen seien unumgänglich, um die Sicherheit des Landes zu gewährleisten, die Generationengerechtigkeit. Der für alle spürbare Umbau der Energieversorgung, Industrieproduktion müsse „in kleinen Schritten mit Augenmaß“ erfolgen, um die Menschen nicht zu überfordern. Es herrsche eine große Verunsicherung im Land – das Wort benutzt er mehrfach. Die Leute seinen „veränderungsmüde“ nach den vielen Krisen. Das sei eines der wichtigen Erkenntnisse aus den vielen Gesprächen in den vergangenen Wochen.
Landtagswahl in Hessen: Grünen-Kandidat Al-Wazir sorgt sich um die Demokratie
Der 8. Oktober sei deshalb nicht nur ein Tag, an dem die Entscheidung dafür falle, ob der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, der Sozialwohnungen oder der Radwege fortgesetzt werde. Der Ausbau der Windkraft, der Kitaplätze in Hessen, damit Eltern nicht weiter gezwungen sind, in Teilzeit zu arbeiten. Es gehe auch um die Frage, ob die Demokratie siegt oder der Populismus die Oberhand gewinnt, der auf Spaltung setzt statt Vernunft. Deshalb sei es auch so wichtig, dass das Wahlrecht genutzt wird: ein Recht, für das Menschen in anderen Ländern kämpfen und im Gefängnis sitzen. Auch das ist eine im Wahlkampf mehrfach kommunizierte Botschaft des ersten Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten der hessischen Grünen: „Demokratie ist kein Lieferdienst. Sie lebt von dem Engagement der Bürgerinnen und Bürger.“
Umfragen zur Landtagswahl sehen die Grünen gleichauf mit der SPD. Mit großem Abstand davor die Union. Eine grün-rote Koalition könnte nur klappen, wenn FDP und Linke aus dem Landtag flögen. Die beiden wahrscheinlichsten Farbenspiele sind Schwarz-Rot oder die dritte Auflage eines Bündnisses der Union mit den Grünen. Fest steht, dass Al-Wazir keine Ambitionen hat, in die Bundespolitik zu wechseln. Das betont er noch mal beim Endspurt: „Ich bleibe in Hessen.“
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