VonPatrick Mayerschließen
Ein Vertrauter von Oppositionspolitiker Alexej Nawalny trifft Vorbereitungen für ein Russland nach Wladimir Putin. Er sieht die Zeit für einen Umsturz kommen.
München/Moskau - Der ehemalige US-General Ben Hodges ist überzeugt von seiner Theorie. Gebetsmühlenartig bekräftigt der einstige Oberkommandierende der US-Landstreitkräfte für Europa in seinen vielen Interviews zum Ukraine-Krieg, dass eine militärische Niederlage auf dem Schlachtfeld das Ende von Moskau-Machthaber Wladimir Putin einleiten werde.
Leonid Wolkow: Vertrauter von Alexej Nawalny glaubt an Ende von Wladimir Putin
Aktuell geben die ukrainischen Verteidiger Bachmut im Donbass nicht auf. Stattdessen plant die Ukraine angeblich eine Belagerung des besetzten Melitopol. Doch: Was käme nach Putin in Russland? Ein russischer Oppositioneller und Kreml-Gegner glaubt an eine regelrechte politische Explosion in Moskau, wie er es formulierte. Sein Name: Leonid Wolkow, er ist ein Vertrauter des inhaftierten Putin-Widersachers Alexej Nawalny.
„Die Isolierung des Landes gegenüber dem Westen führt dazu, dass man von außen kaum sehen kann, was da in diesem Topf kocht“, meinte Wolkow in einem am 6. März veröffentlichten Interview mit der Welt: „Es kann aber sein, dass es zu einer Explosion kommt.“
Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News zum Russland-Ukraine-Krieg
Warum? Eine komplette Mobilisierung für die Armee wäre sicher ein extrem großer Gefahrenfaktor, erklärte der 42-jährige Bürgerrechtler, der wegen mutmaßlicher Repressionen gegen die politische Opposition derzeit im litauischen Vilnius lebt.
Deshalb glaubt er, dass so ein Schritt ausgeschlossen sei, sagte der Dissident: „Diese erste Welle, die Teilmobilmachung, war schon eine logistische Katastrophe. Zudem fehlen der Armee Ausrüstung und insbesondere genügend Unteroffiziere. Die sind schon im Februar vergangenen Jahres in die Ukraine einmarschiert und jetzt zu großen Teilen tot.“
Wladimir Putin: Nawalny-Vertrauter nennt Russland-Präsidenten „miserablen Manager“
Wolkow wirft Putin stattdessen „miserable Manager-Qualitäten“ vor. „Man kann nicht im 21. Jahrhundert ein riesig großes Land wie eine One-Man-Show organisieren. Das funktioniert nicht. Du kannst als einzelne Person nicht so umfassend informiert sein, alle politischen und militärischen Entscheidungen qualitativ hochwertig selber zu treffen“, meinte er im Gespräch mit der Welt weiter: „Das ist alles unfassbar, denn Putin versucht es trotzdem, und da kommt am Ende dann eben wirklich ein ‚Putinland‘ heraus.“ Putin versuche, „ein ganzes Land mit 140 Millionen Einwohnern auf diese Weise zu führen. Das kann nicht funktionieren“.
Er glaubt: „Nach Putin wird es einen Kampf geben zwischen Konservativen und proeuropäischen Kräften“. Seine „liberal-demokratische, proeuropäische Bewegung“ sieht der Oppositionelle für diesen möglichen Machtkampf gerüstet. „Wir sind gut aufgestellt und fähig. Wir haben erfolgreiche Wahlkampf-Kampagnen in Russland geführt, in dieser toxischen Umgebung, unter unheimlichem Druck. Und wir haben Ergebnisse vorzuweisen - wir haben in ganz normalen russischen Städten Siege geholt“, erklärte er und bekräftigte: „Wir haben Erfahrung, auf die wir uns verlassen können.“
Nach Putin wird es einen Kampf geben zwischen Konservativen und proeuropäischen Kräften geben.
Wenn ein Umsturz wirklich kommt. Daran zweifelt etwa der russische Soziologe Grigori Judin, der Putin längst nicht am Ende seiner Ziele sieht. „Die russische Elite hat kein Rückgrat mehr“, erklärte der 39-jährige Wissenschaftler der Bild: „Die Oligarchen haben außerdem, nach neulich veröffentlichten Zahlen, bislang gerade mal 20 Prozent ihres Vermögens verloren. Solange es bei ihnen nicht um ihre Existenz gehen wird, werden sie keine Bereitschaft zeigen, etwas zu riskieren.“ Die Debatte unter den Beobachtern läuft.
Waldimir Putin: Bröckelt der Rückhalt in der Moskauer Elite?
Laut einer britischen Journalistin bröckelt der Rückhalt für Präsident Putin innerhalb der Moskauer Elite. Catherine Belton hat mit dem Buch „Putins Netz“ den bislang fundiertesten Bericht über das Innenleben des Kremls geschrieben. Die investigative Journalistin berichtete 1998 erstmals aus Moskau, mittlerweile schreibt sie für die Washington Post.
„Einige seiner engen Verbündeten sind nicht glücklich über die aktuelle Lage. Igor Setschin, der Präsident von Rosneft, oder Sergeij Tschemesow, der das staatliche Rüstungskonglomerat leitet und mit dem Putin seit seinen Dresdener Tagen befreundet ist, sehen ihre Wirtschaftsimperien wegen der Sanktionen unter Druck“, erklärte sie dem Spiegel: „Aber ich fürchte, sie trauen sich nicht, gegen den Krieg zu protestieren.“
Revolte gegen Wladimir Putin? Russische Oligarchen sind angeblich unzufrieden
Wenn es eine Revolte geben sollte, werde diese dennoch von der Elite ausgehen, meinte Belton: „Meine Informanten reden derzeit in einer Weise über Putin, wie ich es nie zuvor gehört habe.“ Der Ukraine-Krieg habe deren „jahrzehntelange Arbeit, ihren Reichtum, ihren Einfluss zunichte gemacht“, schilderte sie: „Meine Quellen sehen mit Schrecken, dass Russland seine Softpower verloren hat. Die Moskauer Elite spricht über Putins mögliche Ablösung, über mögliche Nachfolger.“ Die Opposition tut dies offensichtlich auch. (pm)

