„Stadtbild“-Debatte von Merz: Problem für „Töchter“ ist ein anderes
VonStephanie Munk
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Merz sorgt in der „Stadtbild“-Debatte für Kontroversen. Ein Forscher für Migration und Sicherheit erklärt im Interview, warum die Kanzler-Aussagen problematisch sind.
Berlin – Professor Dr. Bernhard Frevel forscht unter anderem zu Migration und Sicherheit in der Stadt und hat dazu ein Buch veröffentlicht. Der Sozialwissenschaftler erklärt im Gespräch mit Merkur.de von Ippen.Media, warum Kanzler Friedrich Merz (CDU) mit seinen umstrittenen Äußerungen zum „Stadtbild“ einen Punkt hat, das Thema aber unglücklich angegangen ist. Frevel lehrt an der Universität Münster und der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung in Nordrhein-Westfalen.
Herr Professor Frevel, was sagen Sie aus wissenschaftlicher Sicht zur aktuellen Stadtbild-Debatte? Hat Friedrich Merz recht?
Ich glaube, Merz hat einen Punkt gesetzt, aber einen sehr negativen Punkt. Die Debatte verkürzt wichtige Problemlagen. Die Begriffe, die der Kanzler hier verknüpft, „Stadtbild“ und „Migration“, sind beide zu undifferenziert. Und damit gibt Merz sehr viel Raum für falsche Interpretationen und er gibt sehr viel Raum für Angriffe aus unterschiedlichen politischen Richtungen, sowohl von rechts als auch von links.
Merz und die „Stadtbild“-Debatte – „Das wird ihm weiter Probleme bereiten“
Merz hat seine Aussagen ja nun konkretisiert und betont, er beziehe sich auf Migranten ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus, die häufig nicht arbeiten und sich nicht an Regeln halten. Hilft das, oder ist die Debatte nicht mehr einzufangen für ihn?
Es wird Merz nicht viel helfen, wenn er tageweise etwas nachschiebt und versucht zu erläutern. Die Grundproblematik, die der Kanzler aufgemacht hat, wird ihm weiter Probleme bereiten.
Gibt es denn Erkenntnisse, wie das Kriminalitäts- oder Unsicherheitsgefühl ist, gerade in Gegenden, wo viele Asylbewerber, vielleicht auch viele junge, männliche Asylbewerber ohne Arbeit sind?
Was mir dabei wichtig ist: Im Stadtbild wird ja gar nicht deutlich, wer denn jetzt die nicht anerkennungsfähigen Asylbewerber sind, die Merz meint. Wir haben im Stadtbild auch Kinder und Jugendliche von langjährigen Arbeitsmigranten, anerkannte Asylberechtigte, Studenten aus anderen Ländern, südeuropäische Armutsmigranten und Geduldete, die nicht abgeschoben werden können. Merz verdichtet das angesprochene Problem auf Personen ohne Aufenthaltserlaubnis und spricht aber eine große undifferenzierte Gruppe von Migrantinnen und Migranten an. Das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die er ja eigentlich offiziell bekämpfen will.
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Merz wecke falsche Erwartungen: „Am Stadtbild wird sich nicht so viel verändern“
Denken Sie, es ist so, dass Merz mit seinen „Stadtbild“-Äußerungen der AfD hilft?
Das sehe ich sehr deutlich. Und selbst wenn es Innenminister Alexander Dobrindt gelingen würde, alle Menschen ohne Aufenthaltsberechtigung abzuschieben, dann wird sich am Stadtbild ja nicht so viel verändern. Denn diese anderen Gruppierungen, die ich angesprochen habe und diejenigen, die nicht abgeschoben werden können, die werden ja weiter im Stadtbild bleiben. Insofern erzeugt der Kanzler hier eine Erwartung, dass er etwas am Stadtbild ändern könne, die absolut nicht erfüllbar ist.
Häufig gibt es sogar in Städten mit hohem Migrationsanteil ein besseres Sicherheitsempfinden
Merz sieht Probleme im „Stadtbild“ – aber Migration hat oft keine anderen Räume
Es gibt viele, die sagen, dass Merz im Grunde recht hat, dass es Probleme mit Migranten in bestimmten Vierteln gibt, aber dass er sich zu pauschal ausdrückt. Gibt es aus Ihrer wissenschaftlichen Sicht ein Problem in Deutschland, das Merz mit seinen Aussagen meint?
Merz bezieht sich ja auf das Sicherheitsgefühl. Das ist ein komplexes soziologisches und psychologisches Feld, das er ebenfalls sehr, sehr grob betritt. Es geht unter anderem darum, dass das Fremde mir Unsicherheit vermitteln kann, weil ich Situationen, Menschen und Verhaltensweisen nicht lesen und interpretieren kann. Das heißt, häufig gibt es sogar in Städten mit einem hohen Migrantenanteil ein besseres Sicherheitsempfinden. Denn man hat dort gelernt, die Verhaltensweisen der türkisch-, arabisch- oder afrikanisch-stämmigen Personen zu lesen, zu verstehen und zu akzeptieren. Während dort, wo wenig Erfahrung mit Migration vorliegt, das Fremde eher als bedrohlich wahrgenommen wird. Das ist nicht nur bei der Migration so, sondern auch bei Obdachlosigkeit oder Armut. Und: wir sehen Armut und Migration im öffentlichen Raum intensiver, weil sie keine anderen Räume zur Verfügung haben. Wer sich zum Beispiel mit dem öffentlichen Nahverkehr bewegt, wird eher mit Randphänomenen der Gesellschaft konfrontiert sein, als derjenige, der sich in anderen Vierteln aufhält und mit dem Auto unterwegs ist.
Friedrich Merz: Bierdeckel, Blackrock und schließlich Bundeskanzler
Merz erinnert an die „Töchter“ – Frauen haben oft Unsicherheitsgefühl im öffentlichen Raum
Haben aber gerade junge Männer aus arabischen Ländern nicht oft auch ein anderes Frauenbild und verhalten sich entsprechend, sodass man sich als Frau dann auch tatsächlich unsicher fühlt? Merz hat dabei ja die „Töchter“ angesprochen.
Es gibt dazu ein paar Thesen, die in der Wissenschaft diskutiert werden. Zum einen haben Frauen insgesamt ein schlechteres Sicherheitsempfinden als Männer, weil sie sich ihrer Vulnerabilität bewusst sind. Sie haben gerade im intergeschlechtlichen Verhältnis eine berechtigte Angst vor Vergewaltigung oder sexualisierten Übergriffen. Das viel höhere Risiko haben Frauen aber zu Hause. Wenn Sie die Zahlen von häuslicher Gewalt und der Gewalt im öffentlichen Raum nebeneinanderlegen, dann ist das Risiko im häuslichen Bereich deutlich höher. Im öffentlichen Raum wird man aber mit Leuten konfrontiert, die man nicht lesen kann und die teilweise dieses Macho-Verhalten an den Tag legen, dass es zu Unsicherheitsempfindungen führt. Insofern hat Merz einen Punkt, dass Frauen in diesen Situationen ein höheres Unsicherheitsempfinden haben. Aber das ist nicht eine Beschreibung der faktischen Problem- und Gefährdungslage.
Das klingt beinahe so, als müssten die Deutschen sich nur daran gewöhnen, dass Migranten sich teils anders verhalten und dass es da auch ein gewisses Macho-Gehabe gibt.
Das will ich damit nicht sagen. Es liegt teilweise aber schon auch daran, wie wir mit solchen Gruppierungen im öffentlichen Raum und insgesamt in der Gesellschaft umgehen. Vermitteln wir ihnen unsere Vorstellungen von geschlechtlicher Gleichberechtigung? Welche Möglichkeiten bieten wir Migrantinnen und Migranten, sich auch jenseits des öffentlichen Raums aufzuhalten? Es geht um Bildungsintegration, um Arbeitsmarktintegration, um Beschäftigungsmaßnahmen. Wir haben also eine Vielzahl an Stellschrauben. Und jetzt diese verzerrende und verkürzende Verknüpfung zu bringen, fand ich von Merz sehr unglücklich. (Interview: Stephanie Munk)