Antisemitismus

Angriff auf jüdisches Mädchen entsetzt Frankreich

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Kundgebung gegen Antisemitismus, Ende 2023 in Paris.
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Vergewaltigung einer Zwölfjährigen wird zum Politikum. Drei Jungen in ähnlichem Alter in Polizeigewahrsam.

Der Schock über die Schandtat in dem Pariser Vorort Courbevoie war auch am Donnerstag sehr groß. Laut ersten Erkenntnissen der Polizei hatten drei Zwölf- und 13-Jährige ein ihnen bekanntes zwölfjähriges Mädchen in ein verlassenes Gebäude gezerrt; zwei der Jugendlichen vergewaltigten die Schülerin den Angaben zufolge. Einer drohte demnach, sie mit seinem Feuerzeug anzuzünden. Ein Dritter, nicht an der Vergewaltigung beteiligt, soll die Tat gefilmt haben.

Das Mädchen kehrte nach der Tat zu seiner Familie zurück, die auf der Polizeiwache umgehend Anzeige erstattete. Die mutmaßlichen Täter wurden festgenommen, der jüngere Agenturen zufolge vorübergehend in einem Heim untergebracht. Die Ermittlung lautet unter anderem auf Vergewaltigung, Gewaltausübung, Todesdrohung – alles mit dem erschwerenden Umstand der Zugehörigkeit des Opfers zu einer Religion. Die Strafmündigkeit beginnt in Frankreich mit 13 Jahren.

Als Motiv gab einer der Festgenommenen an, die Schülerin sei seine Freundin gewesen; sie habe ihm aber verheimlicht, dass sie Jüdin sei. Zur Identität der Jungen war außer ihrem Alter vorerst nichts bekannt.

Am Mittwochabend versammelten sich mehrere Hundert Menschen vor dem Pariser Rathaus, um gegen den zunehmenden Antisemitismus in Frankreich zu protestieren. „Mit 12 vergewaltigt, weil Jüdin“, lautete ein Transparent. Andere äußerten sich allgemeiner: „Opfert nicht die jüdischen Franzosen“, oder: „Stehen wir gegen den Antisemitismus zusammen“. Organisiert wurde die Kundgebung durch das Kollektiv „Nous Vivrons“, das nach der Hamas-Attacke auf Israel am 7. Oktober entstanden war. Seither verdreifachte sich die Zahl antisemitischer Angriffe in Frankreich laut Regierung.

Auftrag an die Schulen

Zehn Tage vor dem ersten Durchgang der von Präsident Emmanuel Macron angesetzten Neuwahlen nahm die Kundgebung eine politische Färbung an. Zu sehen waren auch Transparente mit der Aufschrift: „Nein, in Frankreich gibt es nicht nur einen ‚Rest-Antisemitismus‘.“ Diesen Ausdruck hatte Linkenchef Jean-Luc Mélenchon geprägt, womit er die Angriffe auf Jüdinnen und Juden nach deren Meinung bagatellisierte.

Justizminister Eric Dupont-Moretti nahm an der Demo vor dem Pariser Rathaus teil und erklärte: „Auf die Brandstiftung folgen die Brände“ – eine klare Kritik an Mélenchons Partei „Das unbeugsame Frankreich“ (LFI). Sie hatte die israelische Politik im Gaza-Streifen im Europawahlkampf verurteilt und die Anerkennung des Palästinenserstaates gefordert.

Mélenchon zeigte sich in den sozialen Medien „entsetzt“ über die Vergewaltigung der Schülerin. Er geißelte das „kriminelle maskuline Verhalten im jüngsten Alter“ sowie den „antisemitischen Rassismus“. Mit dem Opfer erklärte er sich solidarisch. Die Grünen-Sekretärin Marine Tondelier – deren Partei mit LFI in einer Wahlallianz verbunden ist – verwandte sich ihrerseits gegen jede Instrumentalisierung. Der Antisemitismus und die Gewalt gegen Frauen seien so schlimm, dass jede politische Ausschlachtung „unanständig“ wäre.

Die Vorsteherin des rechtspopulistischen „Rassemblement National“, Marine Le Pen, griff dagegen die Mélenchon-Partei an, weil sie den Nahostkonflikt benütze, um den sozialen Frieden Frankreichs zu stören. Macron erteilte Bildungsministerin Nicole Belloubet den Auftrag, in den nächsten Tagen in den französischen Schulklassen eine Diskussionsrunde zu den Themen Rassismus und Antisemitismus zu organisieren.

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