Israels große Herausforderung

Tödliche Tunnel der Hamas im Gazastreifen: „Als würde der Teufel auftauchen“

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Israel steht bei seiner Bodenoffensive vor einer gewaltigen Herausforderung: Das unterirdische Tunnelsystem der Hamas. Experten sehen aber auch Chancen.

Gaza Stadt/Tel Aviv – Israel plant eine Bodenoffensive im Gazastreifen und steht dabei laut Expertenmeinung vor einer immensen Herausforderung: Das nahezu 500 Kilometer umfassende, unterirdische Tunnelnetzwerk der Hamas unter dem Gazastreifen.

Die unterirdische Stadt gilt als einer der gefährlichsten Vorteile der Hamas im Krieg in Israel schreibt die New York Post: Die Hamas-Kämpfer sind mit dem Tunnelnetzwerk bestens vertraut, während die Israelis sich mit einem äußerst komplizierten, mehrstöckigen Gangsystem auseinandersetzen müssen, das mit Sprengfallen und Guerillakämpfern bestückt ist. „Diese Orte werden voller Fallen sein“, sagte der US-Außenpolitik-Experte Bruce Hoffman. „Das ist eine Herausforderung noch nie dagewesenen Ausmaßes.“

Auch der US-Terrorismusexperte Colin Clarke warnte: Die unterirdischen Kämpfe würden den Hamas-Verteidigern und ihrer Führung einen erheblichen taktischen Vorteil bieten. „Die Vorbereitung auf den Kampf in einem solchen Gelände ist unglaublich schwierig und würde umfassende Informationen darüber erfordern, wie das Tunnelnetz aussieht – worüber die Israelis möglicherweise nicht verfügen.“

Ein Kämpfer der Hamas steht bewaffnet in einem der Tunnel im Gazastreifen.

Hamas nutzte Tunnel für Überraschungsangriff auf Israel

Das Tunnelnetzwerk der Hamas im Gazastreifen spielte auch bei dem verheerenden Überraschungsangriff der Hamas auf Israel eine entscheidende Rolle: Hamas-Kämpfer gelangten unter anderem unterirdisch auf israelisches Territorium. Die Tunnel erstrecken sich wie ein gigantisches unterirdisches Netzwerk unter dem Gazastreifen. Sie umfassen mehrere hundert Kilometer, sind miteinander vernetzt und ermöglichen es den Hamas-Terroristen, sich unsichtbar unter der Erdoberfläche zu bewegen.

Teilweise liegen die Gänge 40 Meter tief unter der Erde. Durch einige kann ein Mensch nur gebückt gehen, durch andere können sogar Lastwagen fahren, so verschiedene Berichte. „Es ist, als würde der Teufel selbst auftauchen aus der Hölle, um auf der Erde Qual zu verbreiten“ – so charakterisierte der Geschichtsprofessor Prof. Gerad-René de Groot in der Washington Post das Tunnelnetzwerk im Gazastreifen.

Tunnel der Hamas führen auf israelischen Boden - „Bewohner in ständiger Angst“

Die Zugänge zu den Tunneln seien oft versteckt zwischen Schulen, Moscheen oder Krankenhäusern. Einige führen direkt in israelische Gemeinden nahe der Gaza-Grenze. „Die Bewohner leben in ständige Angst und wissen, dass jederzeit ein Terrorist aus einem Tunnel in der Nähe ihres Hauses auftauchen und ihre Nachbarn oder Kinder entführen oder ermorden könnte“, berichtet das indische Nachrichtenportal Firstpost. Es wird angenommen, dass auch die von der Hamas als Geiseln genommenen Menschen in den unterirdischen Tunneln festgehalten werden.

Doch so verheerend die Tunnel der Hamas für Israels Bodenoffensive auch sein mögen: Alexander Grinberg vom Jerusalemer Institut für Strategie und Sicherheit erklärte gegenüber France24, dass die israelischen Streitkräfte die Tunnel auch gegen die Hamas einsetzen könnten: „Wenn Tunnel gefunden werden, können sie verschlossen werden, um die Menschen darin einzusperren. Und dann wird der Befehl wahrscheinlich lauten, keine Gnade zu erteilen.“ Laut dem Terrorismusexperten Clarke könnte Israel zudem Drohnen oder unbemannte Fahrzeuge in das unterirdische System schicken, um es zum Einsturz zu bringen. Wie effektiv dies sei, sei jedoch schwer einzuschätzen.

Israel will Zerstörung der Tunnel – Hamas verfolgt Ausbau seit Jahren

Israel hat in der Vergangenheit immer wieder versucht, das Tunnelnetzwerk zu zerstören, teilweise mit Erfolg. Vor zwei Jahren zerstörte die israelische Armee laut New York Post etwa 100 Kilometer der Tunnelanlagen. Doch die Hamas baute viele davon wohl wieder auf – und soll dabei Millionen Dollar an Hilfsgeldern abgezweigt haben, die eigentlich für das verarmte palästinensische Volk bestimmt waren.

Blockade des Gazastreifens durch Israel führte zum Bau der Tunnel

Der Bau der Tunnel begann ursprünglich im Jahr 2007. Anfangs dienten sie nicht militärischen Zwecken: Sie wurden zur Umgehung der israelischen Blockade des Gazastreifens genutzt. Für die zwei Millionen Palästinenser in dem extrem dicht besiedelten Gebiet wurden über die unterirdischen Gänge Lebensmittel und andere Gebrauchsgüter geschmuggelt.

Doch schon bald übernahm die Hamas die Kontrolle über das Untergrundsystem und nutzte es für ihre terroristischen und militärischen Zwecke. Die Terrororganisation erweiterte das Tunnelnetzwerk im Laufe der Jahre stetig. Heute ist es so umfangreich, dass die israelische Armee es als „Gaza-Metro“ bezeichnet.

Bilder zeigen, wie der Krieg in Israel das Land verändert

Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Am 7. Oktober 2023 feuern militante Palästinenser aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel ab. Die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas, die von Israel, der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, hatte den Beginn einer „Militäroperation“ gegen Israel verkündet. © Hatem Moussa/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen ist Rauch aus einem Wohnhaus zu sehen.  © Ilia Yefimovich/ dpa
Israelischer Soldat mit Hund im Israel Krieg
Ein israelischer Soldat geht mit seinem Hund zwischen Autos in Deckung.  © Ohad Zwigenberg/ dpa
Israelische Polizisten evakuieren Frau und Kind im Israel Krieg
Israelische Polizisten evakuieren eine Frau und ein Kind von einem Ort, der von einer aus dem Gazastreifen abgefeuerten Rakete getroffen wurde. © Tsafrir Abayov/ dpa
Militante Palästinenser fahren im Israel Krieg mit einem Pickup, auf dem womöglich eine entführte deutsch-israelische Frau zu sehen ist.
Militante Palästinenser fahren mit einem Pickup, auf dem möglicherweise eine deutsch-israelische Frau zu sehen ist, in den Gazastreifen zurück. Die islamistische Hamas hatte mitgeteilt, ihre Mitglieder hätten einige Israelis in den Gazastreifen entführt. © Ali Mahmud/ dpa
Massive Raketenangriffe aus Gazastreifen auf Israel
Angehörige der Feuerwehr versuchen, nach einem Raketenangriff aus dem Gazastreifen das Feuer auf Autos zu löschen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Menschen suchen in Trümmern nach Überlebenden nach massive Raketenangriffen aus Gazastreifen auf Israel.
Menschen suchen zwischen den Trümmern eines bei einem israelischen Luftangriff zerstörten Hauses nach Überlebenden.  © Omar Ashtawy/ dpa
Verlassene Stätte des Festivals Supernova nach dem Angriff der Hamas
Bei dem Rave-Musikfestivals Supernova im israelischen Kibbuz Re’im sterben rund 270 Besucher:innen. So sieht die verlassene Stätte nach dem Angriff aus.  © JACK GUEZ / AFP
Feiernde Palästinenser nach Angriff der Hamas auf Israel
Palästinenserinnen und Palästinenser feiern in Nablus nach der großen Militäroperation, die die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, gegen Israel gestartet haben.  © Ayman Nobani/ dpa
Hamas-Großangriff auf Israel - Gaza-Stadt
Das israelische Militär entgegnete mit dem Beschuss von Zielen der Hamas im Gazastreifen. Nach einem Angriff steigen bei einem Hochhaus in Gaza Rauch und Flammen auf. © Bashar Taleb/ dpa
Mann weint in Gaza bei Israel Krieg
Ein Mann umarmt einen Familienangehörigen im palästinensischen Gebiet und weint.  © Saher Alghorra/ dpa
Israelischer Soldat im Israel Krieg steht neben Frau
Am 8. Oktober beziehen israelische Soldaten Stellung in der Nähe einer Polizeistation, die am Tag zuvor von Hamas-Kämpfern überrannt wurde. Israelische Einsatzkräfte haben dort nach einem Medienbericht bei Gefechten in der an den Gazastreifen grenzenden Stadt Sderot mehrere mutmaßliche Hamas-Angehörige getötet. © Ilan Assayag/ dpa
Nach Hamas Großangriff - Sa'ad
Israelische Streitkräfte patrouillieren in Gebieten entlang der Grenze zwischen Israel und Gaza, während die Kämpfe zwischen israelischen Truppen und islamistischen Hamas-Kämpfern weitergehen. © Ilia Yefimovich/ dpa
Palästinensisches Kind in einer Schule, die im Israel Krieg als Schutz dient
Ein palästinensisches Kind steht auf dem Balkon einer Schule, die von den Vereinten Nationen betrieben wird und während des Konfliktes als Schutzort dient.  © Mohammed Talatene/ dpa

Tunnel der Hamas in Gaza: „Spüre den Hass, wie er aus den Wänden kriecht“

In stillgelegte, eroberte Tunnel führte die israelische Armee auch immer wieder Journalisten, so auch im Jahr 2014 eine Reporterin der Bild, die ihre Eindrücke so beschrieb: „Ich spüre den Hass der Hamas, wie er aus den Wänden kriecht. Den absoluten Willen, Israel und seine Bewohner zu vernichten, auch wenn das heißt, über Monate und Jahre einen Tunnel in 15 Metern Tiefe bis zu sechs Kilometer weit zu graben. Beton, der für Häuser, Schulen, Krankenhäuser gedacht war, für todbringende Tunnel zu nutzen.“

Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteurin Stephanie Munk sorgfältig überprüft.

Rubriklistenbild: © Yousef Masoud/Imago

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